In vielen ähnlich gelagerten Fällen hätte das Ganze wohl von vornherein ein anderes Ende genommen. Ein wuchtiger Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht, sprich: "a Schelln", wäre die logische Konsequenz der Aktion eines Mannes gewesen, der mit einer unsittlichen Berührung um die Aufmerksamkeit seiner Arbeitskollegin buhlte. Doch in diesem Fall kam es anders. Die Frau zeigte den Mann an. Sie war durch das Vorkommnis dermaßen verunsichert, dass sie sich in psychiatrische Behandlung begeben hat.

Ein 50-jähriger Würzburger musste sich nun vor dem Amtsgericht in Haßfurt verantworten, weil er sich im September vergangenen Jahres an seinem Arbeitsplatz in einem Ort im Maintal seiner Kollegin von hinten genähert, sie umarmt und ihr dabei an die Brüste gefasst hatte. So stellte es der Oberstaatsanwalt Martin Dippold dar, der den Beschuldigten wegen Beleidigung anklagte.
Vor Gericht war der Fall übrigens nur gelandet, weil der 50-Jährige Einspruch gegen einen Strafbefehl in Höhe von 1500 Euro eingelegt hatte. Denn der Angeklagte fühlte sich ungerecht behandelt: "Ich habe sie von hinten umarmt. Aber ich habe ihr nicht an die Brust gefasst", sagte er zu Richter Roland Wiltschka. Zudem sei die Umarmung als nette Begrüßung gedacht gewesen.

Von wegen nett

Was das mit einer netten Begrüßung zu tun haben soll, leuchtete dem Richter nicht ein. Er bezweifelte die Glaubwürdigkeit des Angeklagten aus mehreren Gründen: Zum einen war da die Tatsache, dass sich Opfer und Täter, wenn überhaupt, nur flüchtig gekannt hatten. Die Frau wusste nicht einmal den Namen ihres Kollegen, erst durch polizeiliche Ermittlungen wurde ihr dieser bekannt. Wie man da auf die Idee kommen könne, so jemanden überhaupt ungefragt einfach zu umarmen, fragte der Richter.

Aber auch, dass der 50-Jährige der Frau nicht an die Brüste gefasst haben will, wollte Wiltschka nicht glauben. Seiner Ansicht nach gibt es kein Motiv, warum die Frau den Angeklagten falsch beschuldigt haben könnte. Mit dem Opfer hatte der Richter kurz vor der Verhandlung gesprochen: Der Vorfall im September habe die Frau sehr verunsichert. "Sie ist in psychiatrischer Behandlung deswegen", sagte Wiltschka. "Sie ist wirklich nervlich am Boden. Sie hat Angst vor Ihnen", erklärte er dem Angeklagten. Warum sie der Vorfall so belastete, konnte sich der Richter nicht erklären, womöglich habe sie ein früheres Erlebnis so sensibel gemacht.

Warnende Worte

Wiltschka schickte dem Angeklagten aber auch gleich eine Warnung mit: Wenn er es darauf anlege und die Frau als Zeugin aussagen müsse und zudem der behandelnde Psychiater hinzugezogen werde, könnte sich der Angeklagte bald noch weiteren Vorwürfen gegenüber stehen sehen ("Folgen der Tat"). Sollten sich diese dann bestätigen, "sind es garantiert mehr als 35 Tagesätze", sagte der Richter.

Einspruch zurückgezogen

Der Anwalt des Angeklagten beschränkte daraufhin den Einspruch auf die Höhe eines Tagessatzes, jedoch rechnete Wiltschka vor, dass sich dadurch an der Höhe des Strafbefehls nichts ändern würde, da der schon an der niedrigsten Schwelle angesetzt worden war. So kam es, dass der Angeklagte seinen Einspruch komplett zurückzog. Es bleibt bei einem Strafbefehl in Höhe von 1500 Euro. Zufrieden war der 50-Jährige damit keineswegs: "Warum wird mir hier nicht geglaubt? Das verstehe ich nicht. Ich finde es nicht gerecht". Sichtlich frustriert verließ er den Gerichtssaal.