Petra Elfleins Liebe zu Spagat und Cancan beginnt mit einem Klopfen. "Ich war fünf, da hab ich angefangen zu tanzen", erzählt die heute 47-Jährige. Damals suchten die VereineMitglieder. "Die sind im ganzen Dorf rum und haben gefragt, magst du tanzen? Und ich: Yippie yay. Bin dabei!"

Am Anfang wirbelt die kleine Petra als Tänzerin über die Bühnen. Mit 14 Jahren wechselt sie in die höchste Altersgruppe des Gardetanz: die Seniorengarde, die sie seitdem trainiert. "Über uns gibt's dann nichts mehr. Danach würde mit 40 Gymnastikdamen kommen," lacht sie.

14 und schon Gardesenior - das zeigt, wie körperlich anspruchsvoll der Tanzsport ist. In der Showtanzgarde Heubach wird beides getanzt: Garde- und Showtanz. Der von den Tanzmariechen in plissierten Uniformen bekannte Gardetanz basiert auf gradlinigen Marschschritten. Beim Showtanz geht es "lockerer" zu. Jedes Jahr wählt die Gruppe ein Thema, das mit schrillen Kostümen und Choreographien vertanzt wird.

Was auf der Bühne so leicht aussieht, braucht jahrelange Ausbildung. Dehnen heißt das Zauberwort, verrät Elflein. "Wir tanzen den Stil Rheinische Garde. Spagat und Spafeur gehören da zur Basis. Beim Showtanz mach' ich zwar nicht so viel mit Spagat, aber auch da müssen die Basics sitzen. Die werden in der Jugendgarde schon antrainiert. Wir haben hier vier Tanzgruppen: die erste geht von vier bis acht Jahren, das sind die Kleinen. Dann von acht bis zwölf. Von zwölf bis 16 ist die Jugendgarde und so rutschen die peu à peu auf. Eigentlich haben alle Mädels, die bei uns in der Seniorengarde ankommen, schon von Anfang an getanzt."

Vom Skiunfall zur Meisterschaft

Nach einem Skiunfall vor 21 Jahren muss die gebürtige Heubacherin abbremsen. Das verletzte Knie beutelt sie von Jahr zu Jahr stärker, was sie aber nicht davon abhält, jede Saison neue Choreographien für ihre "Mädels" zu entwickeln. Zwischen Wäschewaschen und Gastroarbeit hört sie sich die Musik zig tausendmal an, probiert aus, bis der komplette Ablauf feststeht. "Bis vor drei Jahren hab ich die Choreo für Garde- und Showtanz gemacht. Dann hab ich mit Garde aufgehört. Weil, wenn man noch das Männerballett in Rentweinsdorf dazu zählt, sind das drei unterschiedliche Tänze im Jahr. Irgendwann müssen auch mal andere ran."

Im schlichten Trainingsanzug sitzt Petra Elflein im Saal des Heubacher "Haus der Bäuerin". Hier finden montags und donnerstags die Proben der Seniorengarde statt. Ihr Blick schweift zu einem Korb, den sie mitgebracht hat. Darin alte Fotos und Zeitungsausschnitte über die Erfolge ihrer Schützlinge, auch ein goldener Pokal blitzt hervor. "Im Gardetanz haben wir eine Zeit lang Turnier getanzt. Wir haben 2007 die deutsche Meisterschaft heimgeholt. Die Bayrische haben wir auch. Ich hoffe, ich habe jetzt den richtigen Pokal mitgebracht. Ich habe viele davon daheim." Mittlerweile tritt die Gruppe nicht mehr an. "Du hast den Fasching und dann nur vier oder fünf Wochen bis die Turniere losgehen. Das ist schon alles sau anstrengend. Dann schreiben die Mädels nebenher Abi oder so. Da muss man halt echt Zeit rein stecken."

Auf die Frage, warum eine zweifache Mutter mit mehreren Jobs und schmerzendem Knie seit 30 Jahren zweimal die Woche Training vorbereitet, gibt es nur eine Antwort: "die Mädels. Die sind klasse Mädels, alle."Aber die aktuell 16 Mädels strapazieren oft das Nervenkostüm der Trainerin. Weil immer eine nicht hingehört hat. Also nochmal erklären. "Zu 95 Prozent immer klasse Mädels", revidiert sie lachend. Auf eine Methode schwört Elflein: "Der Schweigefuchs, der funktioniert wie in der ersten Klasse!"

30 Jahre Tanz bedeutet 30 Kostüme

Egal wie viel Freizeit und Nerven das Tanzen frisst, es ist ihr Leben: "Wenn du hinterher das Ergebnis siehst, das ist schon cool. Du kannst die Leute begeistern - wenn du da oben stehst und das Publikum klatscht, weil du sie mitgerissen hast."

Verrückte Kostüme und farbenfrohes Make Up machen die Fünfte Jahreszeit aus. Zu sein, was man im Alltag nicht ist. Petra Elflein liebt diese Seite auch am Showtanz. Dabei entpuppt sie sich als wahres Chamäleon. Auf keinem der alten Showtanzfotos sieht sie gleich aus. Die Haare mal blond, mal braun, mal kurz und hochtoupiert, mal lang und gelockt. Dabei immer gekleidet in extravagante, maßangefertigte Kostüme. 30 Jahre Showtanz bedeutet 30 verschiedene Kostüme. Ein Lieblingsoutfit hat sie nicht. "Ich finde alle so schön. Wir haben mit Eva-Marie Streichsbier aus Neubrunn eine perfekte Schneiderin. Seit 20 Jahren sagen wir ihr das Motto und sie macht's immer geil."

Wieder kramt Elflein im Korb und holt eine Liste hervor. "Das sind die Mottos der letzten 30 Jahre." Spanierinnen, Blues Brothers (1996), Grease (1997), "We Will Rock You" (2006) - alles ist dabei, sogar das Motto Golfkrieg. Daran erinnert sich Elflein gut. 1991 fiel die Fastnacht aus. Sollte man feiern, während im Nahen Osten Krieg herrschte? Damals findet die Nation Nein. Ein Jahr ohne Narrentreiben trifft die Showtanzgarde Heubach schwer. "Wir finanzieren die Kostüme durch Auftritte im Fasching."

Nach Aschermittwoch ist der große Hype vorbei, dennoch gibt es auch unter dem Jahr vereinzelte Auftritte. Bei so einem gebuchten Termin tanzen sie sogar für den "Wunder von Bern"-Fußballer Horst Eckel. 2004 auf Schloss Burgpreppach. "Das war schon schön. Wir sind damals engagiert worden, um für ihn zu tanzen. Wir haben vor Horst Eckel und fünf Leuten getanzt."

Pleiten, Pech und feurige Federn

30 Jahre auf der Bühne, da ging so einiges schief. "Wir haben mal bei einem Geburtstag getanzt und hatten dabei Federn auf dem Kopf. Dann Wunderkerzen in der Hand... der einen sind die Federn abgebrannt. Direkt aufm Kopf! Hinterher lacht man drüber, es hätte auch anders ausgehen können."

Aufgeplatzte Oberteile, sich verabschiedende Hosen - bei den eh schon knappen Kostümen. Aber das Publikum bekommt von den Pannen auf der Bühne selten etwas mit. Viel zu schnell sind die wirbelnden Tänzerinnen in schillernden Kostümen bei lauter Musik. Nicht stehen bleiben, nicht das Gesicht verziehen, hat Elflein ihren Mädels eingetrichtert. Kleine Pannen machen ja auch sympathisch.

Spaß und bloß nicht alles zu ernst nehmen, das gilt auch für Elfleins männliche Schützlinge: die Männerballetttruppe Rentweinsdorf. "Die retten den ganzen Tag", lacht sie. "Das ist just for fun. Da gibt's keine Einschränkung, weder Alter, noch körperlich. Es gibt auch Gruppen, wo nur Schlanke tanzen, bei mir nicht. Hier sind auch Kompakte dabei."

Auf die nächsten 30 Jahre

Wenn es nach der Arbeitsbiene geht, ist Rente nicht in Sicht. "Es kommt drauf an, was das Knie sagt." Aber ihren Mädels steht sie auf jeden Fall bei. "Ich habe die Gruppe so aufgebaut wie sie da steht, das bin eigentlich ich. Ich habe soviel Zeit investiert." Jedes Jahr sehnt die Trainerin den Aschermittwoch herbei, wenn Proben und Auftritte durch sind. Aber dann "merkst du, es ist langweilig. Du fällst so in ein Freizeitloch. Ich kann einfach nicht still sitzen."