Waren es früher die Kartoffeläcker, so sind es heute vor allem die Weizen- und Maisfelder, die häufig von Wildschweinrotten geschädigt werden. Die Landwirte schlagen Alarm, denn die Wildschäden tragen zu empfindlichen Ernteverlusten bei. Wie dramatisch die Angelegenheit ist, zeigen die Zahlen: In den 1960er Jahren wurden im Bereich der heutigen Bundesrepublik etwa 50 000 Wildschweine erlegt. In der zurückliegenden Saison 2015/2016 waren es bereits 610 000 Tiere.


Brief an den Fürsten

Klagen über Wildschäden sind schon in der Feudalzeit erhoben worden. Die früheren Herrscher ignorierten oft die Klagen ihrer ländlichen Untertanen, waren sie doch zumeist auch leidenschaftliche Jäger. Ein mutiger schwäbischer Pfarrer schrieb einst unterwürfig an den Fürsten: "Höchstdero Wildsäue haben meine alleruntertänigsten Kartoffel gefressen."

Es gab Zeiten, da deckten die Bauern die Wilderer, weil diese zum einen die verhassten Wildschweine schossen, die ihre Felder mit adliger Genehmigung verwüsten durften, und zum anderen das gewilderte Fleisch oft mit der hungernden Bevölkerung teilten. In neuerer Zeit suchten die geschädigten Bauern nach Möglichkeiten, das Überhand nehmende Wild zu erlegen.

Im und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Schwarzwild sich kräftig vermehrt. Die Wildsauen schwärmten in den hiesigen Breiten Nacht für Nacht aus, um mit den hungrigen Frischlingen Nahrung zu suchen. Dabei konnte die Landwirtschaft die Not leidende Bevölkerung kaum ernähren.

Die Bevölkerung konnte die Wildschweine nicht bekämpfen, weil sie keine Waffen besitzen durfte. Deutschland wurde nach 1945 von den Siegermächten so gründlich entwaffnet, dass nicht einmal mehr Förster und Jäger eine Waffe besaßen. Der ehemalige Zeiler Forstbeamte Hartwin Zecha sagte einmal, dass den deutschen Förstern und Jägern eigentlich nur die Armbrust erlaubt war. Man behalf sich dadurch, dass man für die Schwarzkittel eingefriedete Fallen errichtete, um die angelockten Schweine dann mit einem Beil zu erledigen.


Schusswafenn fehlten

Hunderte von Schusswaffen jeder Art hatte man auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge eingezogen. In kurzer Zeit machte sich das in Form von enormen Wildschäden bemerkbar. Weil sich die Beschwerden bei der Militärregierung immer mehr häuften, zogen nun amerikanische Soldaten aus, um der Wildschweinplage Herr zu werden. Es sind dabei auch Jeeps, bestückt mit Scheinwerfern und Maschinengehren, zum Einsatz gekommen. Erfahrene Jäger sahen in dieser Methode ein Schießen mit Kanonen auf Spatzen.

Der Zeiler Drechsler und Jäger Josef Hofmann erzählte oft, wie im Bereich von Zeil die Amerikaner in den Wäldern an Wegkreuzungen mit Jeeps zur gar nicht waidgerechten "Jagd" aufzogen. Josef Hofmann und sein Schwiegersohn Werner Schulz mussten die Schwarzkittel vor die Gewehre der US-Soldaten treiben. Oft waren zivile Jagdgäste dabei. Ungefährlich war diese Art von Jagd damals sicherlich nicht.

Josef Hofmann, bei dem die Amerikaner jahrelang geschossene Vögel und Kleintiere als Trophäen präparieren und ausstopfen ließen, war der erste Deutsche, der von den Amerikanern als einziger der Umgebung für die Wildschweinbekämpfung mit einem US-Armeegewehr M1 ausgerüstet worden ist.

Jahrelang war Hofmann für die Amerikaner aus Schweinfurt und Bamberg der Tierpräparator. Von dem Zeiler Kunstbildhauer Geisel hatte er sich Anregungen über das Aussehen und das Erscheinungsbild der Exponate eingeholt.

Anfang 1948 gab die Militärregierung in Bayern 500 Gewehre an zivile Jäger aus. Mitte Mai begann der Kampf gegen die Wildschweine in den schwer befallenen Landkreisen Hofheim und Königshofen. Im Juni appellierte auch der Haßfurter Landrat an die Amerikaner, 20 Gewehre für die Wildschweinbekämpfung bereitzustellen. Kurz danach begann im Kreis Haßfurt mit seinen 67 Gemeinden eine breit angelegte Wildschweinjagd, für die jedoch nur 15 Gewehre bereitgestellt wurden. Nach sechs Wochen wurden die Waffen auf Anordnung der Militärregierung wieder eingezogen.

Diese Aktion muss - zumindest vorübergehend - erfolgreich gewesen sein. In der Presse stand im Oktober zu lesen, dass der Schwarzkittelbestand im Kreis Haßfurt zurückgegangen sei. Von den im März gezählten 130 Sauen seien vom Forstpersonal, Wildhütern und sonstigen Beauftragten 123 zur Strecke gebracht worden. Die Forstbehörde schätzte den Bestand auf etwa 15 Stück. Mittlerweile fanden die Schweine viele Bucheckern und Eicheln, weshalb landwirtschaftliche Schäden zeitweise minimal waren, zumal zwischen 1951 und 1955 die berüchtigte Schweinepest den Schwarzwildbestand weiter dezimierte.

1949 meldeten im Landkreis Ebern 35 der 69 Gemeinden Wildschäden an. Die am ärgsten betroffenen Gemeinden Allertshausen, Gerach, Gückelhirn, Heilgersdorf, Kirchlauter sowie Laimbach, Leuzendorf, Marbach und Pettstadt machten einen Verlust von 1670 Zentnern Getreide geltend. Nach Beschwerden zogen amerikanische Armeeangehörige immer wieder zur Bejagung aus, um die Wildschweinplage einzudämmen.


In der Bürgerversammlung

In vielen Gemeinden war 1949 die Wildschweinplage ein Thema bei Bürgerversammlungen. Im Bereich Jesserndorf waren 18 der 46 Hektar Ackerfeld zu zwei Dritteln verwüstet. Hier waren sogar am helllichten Tag in einen Garten des Landwirts Weidlich Wildschweine eingebrochen. Sie ergriffen erst die Flucht, als Ortseinwohner zur Bekämpfung anrückten. In Vorbach verfingen sich sieben muntere Frischlinge in einem Saufang. Das Forstpersonal machte nicht viel Federlesens. Ausnahmsweise wanderten die Tiere in die Kochtöpfe.


Bis an die Häuser

Im Bereich Stettfeld kam es in Wald und Flur zu schweren Wildschäden. Sogar die Flüchtlingsgärten wurden nicht verschont. Fast täglich wagte sich in Wülflingen das Schwarzwild in der Nachtzeit bis dicht an die Häuser heran.

In Uchenhofen wurden 10,5 Hektar Wiesen durch die Wildschweine total vernichtet. Auch an Mais, Erbsen und ähnlichen Früchten traten empfindliche Schäden auf. Viele Landwirte erklärten, dass sie nicht mehr in der Lage seien, ihren steuerlichen Verpflichtungen in voller Höhe nachzukommen, wenn nicht schnellstens Abhilfe geschaffen werde.


Meldedienst funktioniert nicht

Ein Vertreter der Militärregierung kritisierte, dass der Wildmeldedienst nicht funktioniert habe. Amerikanische Jagdgesellschaften seien in Gegenden geschickt worden, in denen keine Wildschweine anzutreffen waren. Die Bauern forderten die Aushändigung von Gewehren für die einheimischen Jäger. In einer Bürgerversammlung in Hofstetten wies der Vertreter der Militärregierung darauf hin, dass Deutschland von vier Nationen besetzt sei und bei Entscheidungen stets eine ihr Veto einlegen würde. Der Amerikaner versprach, dass er notfalls zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit sei, selbst zur Jagd zu kommen. Bei einer Versammlung in Bischwind gab er an, dass in zwei Gemeinden, die am meisten über Wildschweinschäden gejammert haben, Gewehre ausgegeben wurden, bis heute jedoch noch kein Abschuss erfolgt sei.

Auf Anfrage erklärte der Vertreter der Militärregierung weiter, dass mit den 500 im vergangenen Jahr ausgegebenen Gewehren in Bayern rund 4000 Sauen, darunter 1291 in Unterfranken, geschossen wurden.

Die im Kreis Ebern befindlichen 20 Wildhütergewehre sollten wöchentlich einmal ausgetauscht werden. Es wurde darüber geklagt, die US-Gewehre M1 verfügten nicht über die nötige Durchschlagskraft. Doch der amerikanische Regierungsbeamte hielt mit dem Hinweis entgegen, im Kreis Hofheim habe man damit 67 Wildschweine erlegt.


Hilfe durch Wildzäune erhofft

Um der Wildplage nicht schutz- und wehrlos ausgeliefert zu sein, wurde aus den Reihen der Eberner Landwirte der Vorschlag gemacht, der Staat möge Zuschüsse zur Errichtung von Wildzäunen ausschütten. Die Bauern erklärten sich bereit, die Zäune in Gemeinschaftsarbeit aufzustellen und das erforderliche Holz zu besorgen.
Der Unterthereser Kreisrat Heinrich Brückner beantragte 1949 in einer Kreistagssitzung, an jeden deutschen Schützen für jedes bei der Einzeljagd geschossene Wildschwein eine Prämie (zehn Mark) zu zahlen. Allein im Forstamtsbezirk Sailershausen wurden im ersten Halbjahr 151 Wildschweine geschossen.

Erst rund sechs Jahre nach Kriegsende durften die Jäger wieder Waffen erwerben.