Niemand gewinnt ein Profi-Radrennen, ohne gedopt zu haben. Das ist die Wahrheit, glaubt Karl Raab. Der 77-jährige Zeiler war jahrelang als Radsport-Amateur einer der besten Fahrer Deutschlands und kam selbst in Kontakt mit durchaus gefährlichen, leistungssteigernden Mitteln. "Keiner hat gewusst, was der andere macht", erklärt er. Aber aus seiner Erfahrung könne er sagen: "Wenn man vorne mitfahren will, muss man etwas nehmen." Das war damals zu seiner aktiven Zeit in den 50er und 60er Jahren so und habe sich bis heute nicht geändert. Was Raab selbst genommen hat, erzählt er später. Zunächst soll es darum gehen, was er gegeben hat.

Karl Raab hat viel geschafft in seinem Leben, sportlich wie beruflich. Zweifel an seiner Aufrichtigkeit kommen dem Zuhörer nicht, denn der 77-Jährige weicht keiner Frage aus. Er sagt, was er erlebt hat, beschönigt nichts. Freut sich seines Lebens, strahlt Zufriedenheit aus.
Der gebürtige Oberlauringer (Landkreis Schweinfurt) und gelernte Schreiner kam über viele Umwege nach Zeil, wo er endlich sesshaft wurde. Davor hatte er unter anderem in Essen, Stuttgart, Aschaffenburg, Rosenheim und Augsburg gewohnt. Nach Unterfranken kehrte er zurück, weil er in Haßfurt eine Stelle als Berufsschullehrer mit guten Karrierechancen in Aussicht hatte. Sport blieb, egal wo er war, immer ein elementarer Bestandteil seines Lebens.

Das Wetter ist egal

Als er 1976 dem Turnverein 1884 Zeil beitrat, entschloss er sich, nicht nur mitzumachen, sondern mitzugestalten. Er gründete noch im gleichen Jahr die Sportgruppe "Montagsturner", die er bis heute leitet. Er organisierte den ebenfalls bis heute bestehenden Lauftreff und begeisterte damit etliche Menschen vor Ort für den Ausdauersport. Und schließlich macht er seit 2003 Nordic Walking populär. Jeden Montagmorgen zieht er mit anderen Läufern los, das Wetter ist egal.

Raab hat in seinem Verein mehr als 35 Jahre lang überdurchschnittlich viel geleistet. Dafür wird er am heutigen Mittwoch in München vom Kultusministerium mit der Ehrenmedaille für besondere Verdienste um den Sport ausgezeichnet. "Eine schöne Anerkennung", freut sich der 77-Jährige. Die Medaille dokumentiere, dass es sich lohnt, Engagement zu zeigen, sagt Raab. Und vielleicht sei es auch "für junge Leute ein Ansporn", sich in einem Verein einzubringen. Sein eigener Ansporn kam, "weil ich erfahren habe, wie gut Sport ist. Wie gut er tut, seelisch wie moralisch. Auch fürs Leben und Selbstvertrauen."
Das habe er unbedingt anderen vermitteln wollen.
Angefangen hat alles Mitte des vergangenen Jahrhunderts auf einem klapprigen alten Fahrrad, das der jugendliche Raab in seinem Heimatort Oberlauringen ungewöhnlich flott durch die Gegend bewegte. Ein aktiver Radsportler sah das und ermutigte den offensichtlich talentierten Jungspund, sich intensiver dem Radsport zu widmen. Der Junge nahm sich das zu Herzen. "Ich habe schon damals geträumt, Fahrradfahrer zu werden", sagt Raab. "Damals" war er 17 Jahre alt, und der alte Drahtesel gehörte seiner Familie. Das Ziel war klar: "Ich wollte Geld verdienen, um mir ein Fahrrad zu kaufen."

Mit dem Rad unterwegs

Als Schreinergeselle zog er los und suchte Arbeit. Seine erste Station: Würzburg. Raab hatte ein Stellenangebot in der Zeitung entdeckt und versuchte sein Glück. Mit dem Klapperfahrrad fuhr er die 60 Kilometer in die Residenz-Stadt und wurde noch am selben Tag enttäuscht. Aus der Stelle wurde nichts. Plan B: Einen Bekannten in Stuttgart besuchen, der dort wohnte und als Schreiner arbeitete.
Gleich am nächsten Tag stieg Raab wieder aufs Rad und fuhr diesmal gleich 160 Kilometer bis in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Nach einiger Zeit fand er Arbeit im nur zwölf Kilometer entfernten Ludwigsburg. Sechs Monate blieb er dort, viel Geld kam dabei nicht zusammen, und wieder zog er weiter. Diesmal nach Essen, wo seine Schwester wohnte. Jetzt kam seine Radsport-Karriere in Schwung: "Dort konnte ich mir dann ein Fahrrad zusammensparen", sagt Raab. 1955 trat er dem Radsport-Club Staubwolke Essen bei, ein Jahr später der erste Erfolg: Stadtmeister.

Dass Karl Raab ein guter Radfahrer war, hatte sich in Sportlerkreisen mittlerweile herumgesprochen. 1957 schließlich wechselte er zum Radsportverein 1889 Schweinfurt. In der Stadt hatte er eine Stelle als Testfahrer bei dem Gangschaltungs-Hersteller Fichtel & Sachs bekommen. "Wir fuhren jeden Tag 120 Kilometer im Sommer", erinnert er sich an diese Zeit. Im Winter waren es etwa 80 Kilometer. Topfit sei er damals gewesen, durch das tägliche Fahren konnte er große Strecken problemlos in hoher Geschwindigkeit zurücklegen.
Mit einem sechsköpfigen Team vom RV Schweinfurt schaffte er schließlich seinen größten Erfolg: Er wurde in Bochum Deutscher Meister im 100-Kilometer-Mannschaftsfahren. Die Mannschaft holte weitere Bayerische Meister- und Deutsche Vizemeistertitel. Raab wurde zudem Erster im Einerstraßenfahren auf bayerischer Ebene. Karl Raab zählte zu den besten deutschen Radsportlern seiner Zeit und überlegte, ins Profi-Geschäft zu wechseln. Er wusste aber, dass auf internationaler Ebene die Anforderungen deutlich höher sind. Letztlich entschied er sich gegen diesen Schritt.

Verbotene Substanzen

Dass in dieser Sportart mit leistungssteigernden Mitteln gearbeitet wurde, war ein offenes Geheimnis. "Ohne medizinische Betreuung geht es nicht", sagt er über das Profigeschäft. "Die Frage ist, was ist legal und was nicht. Es wurde viel probiert", erklärt er. Normal etwa war die Einnahme von Koffein in hohen Dosen zur Leistungssteigerung. Auch blutverdünnendes Aspirin wurde genutzt, damit Sauerstoff schneller durch den Körper transportiert werden konnte. Er selbst hatte auch einmal Pervitin genommen. Das abhängig machende Aufputschmittel reduziert das Schmerzempfinden und steigert die Leistungsfähigkeit enorm.
Bis 1988 war Pervitin in Deutschland als Arzneimittel erhältlich. Heute gerät das Amphetamin häufig unter einem anderen Namen in die Schlagzeilen: Meth oder Crystal nennt sich die illegale Droge, die auf der gleichen chemischen Verbindung basiert.
Doping, sagt Raab, ist im Radsport keine Seltenheit. Er ist überzeugt, dass man zwangsläufig damit in Kontakt kommt, wenn man bei einem professionellen Rennstall anfängt - weil für denjenigen, der nicht dopt, die Siegchancen äußerst gering sind. Raab kann deswegen gut nachvollziehen, dass sich wohl nur einige Wenige aus dem Doping-Geschäft heraushalten. Gerade als junger Mensch sei man anfälliger für derlei Dinge. "Man schlittert hinein. Du musst Leistung bringen, damit du Erfolg hast. Also nimmst du es." Dass es gefährlich ist, daran besteht für Raab kein Zweifel. Dass die Radfahrer nicht die einzigen Dopingsünder im Leistungssport sind, steht für ihn ebenfalls fest: "Ich bin überzeugt, das ist auch im Fußball so. Jeder, der vorne mit dabei ist, muss etwas nehmen."