An Weihnachten ist es besonders hart. Auf 12 Quadratmetern eingeschlossen, keine Gespräche, keine Familie. Nur Einsamkeit. Als Gefängnisseelsorgerin bekommt Monika Schraut die gesamte Bandbreite des Lebens zu sehen - von seiner schönen, aber auch von seiner hässlichen Seite. "Das muss man aushalten können." Eigentlich wollte sich die Zeilerin ein halbes Probejahr geben, um zu entscheiden, ob der neue Job zu ihr passt. Doch ihr Entschluss steht bereits fest.

Etwas Neues ausprobieren und Leute kennenlernen, die sie sonst wohl nie getroffen hätte: Monika Schraut hat sich dafür eine ungewöhnliche Wirkungsstätte ausgesucht. Seit 2011 engagiert sie sich bei der Internetseelsorge des Würzburger Bistums. Als sie unter den Ausschreibungen für Pastoralreferenten eine halbe Stelle für die Justizvollzugsanstalten in Schweinfurt und Würzburg entdeckte, war klar: Das ist es. "Ich war vorher noch nie im Gefängnis - weder als Insassin, noch als Besucherin", erzählt die 56-Jährige. Nun betreut sie an drei Tagen in der Woche diejenigen Inhaftierten, die sich in einer besonders belastenden Phase befinden: der Untersuchungshaft.

Unter polizeilicher Beobachtung

Morgens sieht Schraut zunächst in ihrem Fach nach, ob neue Anträge eingetroffen sind. Die müssen die Gefangenen vorab ausfüllen, wenn sie mit einem der Seelsorger sprechen möchten. Von 8 bis 9 Uhr haben die Insassen Hofgang; montags, mittwochs und donnerstags können sie sich im Anschluss zwei Stunden lang im Gang und der Gemeinschaftsküche aufhalten. "Da gehe ich hin und mache Smalltalk. Kontaktaufnahme eben", beschreibt Schraut einen typischen Arbeitstag.

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Nachmittags holt sie die Gefangenen, die einen Antrag gestellt haben, zum Gespräch aus der Zelle. "Manchmal werde ich von den Vollzugsbeamten darauf hingewiesen, dass es einem nicht gut geht oder dass er sich komplett abkapselt. Dann gehe ich auch mal von mir aus zu demjenigen hin." Im Gemeinschaftsraum beobachtet ein Vollzugsbeamter das Gespräch durch eine Glasscheibe. "Auch zu meiner eigenen Sicherheit", erklärt die Seelsorgerin. Mit einigen Gefangenen hielt sie eine Adventsmediation ab, mit einer Gruppe backte sie Plätzchen. "Damit ein wenig weihnachtliches Flair aufkommt."

Doch was sich nach gemütlichem Beisammensein anhört, ist ein ständiger Balanceakt zwischen Empathie und professioneller Distanz. "Ich muss immer im Hinterkopf haben, dass sie nicht umsonst hier sind. Es gibt aber auch Leute, die einfach nur richtig Pech im Leben hatten." Anfangs habe sie ein Täterbild wie aus Fernsehfilmen vor Augen gehabt, sagt Schraut: tätowierte Männer zwischen 20 und 30, drogenabhängig, gewalttätig. "Jetzt habe ich gemerkt: Es gibt keinen Berufsstand, keine Bildungsstufe und keinen Menschentyp, den ich dort nicht treffen kann."

Aus dem Leben gerissen

Ihre Gesprächspartner befinden sich in der Schwebe zwischen Freiheit und einer möglichen Verurteilung als Straftäter. Oft werden sie von der Arbeit abgeholt und direkt ins Gefängnis gebracht. Viele hätten bereits damit gerechnet, irgendwann erwischt zu werden. "Aber so krass aus dem Leben gerissen zu werden und plötzlich im Gefängnis zu sein, das ist für viele ein riesiger Schock." In den Gesprächen gehe es daher vor allem um die Beziehung zu Kindern, Lebenspartnern und Eltern, zu denen jeglicher Kontakt verboten ist. Aber auch um die Angst vor der bevorstehenden Strafe.

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Kontakt zwischen Seelsorgern und den Angehörigen der Untersuchungshäftlinge gebe es nicht, da dies die Ermittlungen beeinflussen könnte. "Wenn ich beispielsweise Grüße von Tante Frieda ausrichte, könnte das auch das Codewort dafür sein, wo die Beute versteckt ist", erklärt Schraut.

Ein Stück Unbeschwertheit im Gefängnis

Als Seelsorgerin dürfe sie den Gefangenen keine Zusagen oder Versprechungen machen, sondern müsse sich ebenfalls an Regeln halten. Ein Handy auszuleihen ist tabu, ebenso das Ausgeben von Scheren zum Basteln in der Zelle. "Man muss ständig wachsam sein. Ich habe aber fast nie Angst, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Wir lachen auch viel miteinander", erzählt die 56-Jährige. "Die sind froh, wenn sie mal eine Stunde unbeschwertes Leben miteinander haben." Zudem unterliegen die Seelsorger der Schweigepflicht. Was die Gefangenen im Gespräch preisgeben, darf Schraut nicht weitererzählen.

Trotz aller Empathie gehen die Gespräche nicht spurlos an ihr vorüber. "Nahe gehen mir Situationen, in denen Kinder betroffen sind", erzählt die Zeilerin. "Was bedeutet es für Kinder, wenn die Mutter oder der Vater inhaftiert werden? Das sind einschneidende, oft verschwiegene Erlebnisse. Und natürlich auch, wenn Kinder die Opfer sind." Es gebe aber auch erstaunliche Aussagen von Gefangenen - eine davon sei ihr besonders in Erinnerung geblieben: "Es klingt vielleicht blöd, aber meine Verhaftung war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte." Die Haftstrafe habe ihm geholfen, ein besserer Mensch zu werden, habe ihn Menschlichkeit und Wertschätzung gelehrt. "Das war phänomenal", erinnert sich Schraut.

Um die Gespräche verarbeiten zu können, sei der offene Austausch mit den anderen Seelsorgern, Vollzugsbeamten, Psychologen und Sozialarbeitern der JVA wichtig. "Für mich ist es gut, dass ich anschließend nach Hause fahren und auf dem Weg alles Revue passieren lassen kann." Zusätzlich bestehe die Möglichkeit, bei psychischer Überbelastung eine Einzelsupervision zu beantragen. "Es wäre dumm, sich keine Hilfe zu holen. Wenn ich alles in mir aufstauen lassen würde, wäre ich ja in einem halben Jahr komplett ausgebrannt." Bisher habe es zwei Tage gegeben, nach denen sie am Abend erst einmal tief durchschnaufen musste. "Aber an vielen Tagen gehe ich richtig beschenkt raus und denke mir: Ich bin am richtigen Platz."

Doch Corona macht auch vor Gefängnistoren nicht Halt. Die Besuchszeiten für die bereits verurteilten Häftlinge wurden auf eine Stunde im Monat gekürzt. Besonders hart für die Gefangenen ist das Verbot von Kinderbesuchen. Als Ausgleich dürfen sie nun zwar zwei Mal monatlich mit ihren Familien telefonieren. "Aber zwanzig Minuten sind wenig", gibt die Seelsorgerin zu bedenken. Daher sollen bald Videoanrufe per Skype ermöglicht werden. "Das ersetzt nicht den persönlichen Kontakt. Aber es ist besser als nichts."

Corona-Gefahr von außen

Neuzugänge werden getestet und bleiben zunächst 14 Tage auf einer separaten Quarantänestation. Für die Seelsorger selbst gilt den gesamten Tag über Maskenpflicht. "Das Risikopotential sind wir, weil wir von außen reinkommen", betont Schraut. "Wenn ich beispielsweise Corona hätte und trotzdem von Zelle zu Zelle gegangen wäre, um jedem einen Weihnachtsgruß zu bringen, wäre das eine Katastrophe. Aber noch mehr isolieren kann man die Leute ja nicht."

Auch ohne Corona ist die Adventszeit im Gefängnis vor allem eines: einsam. "Wir haben ein eigenes Haus für die Psychiatrie und die ist an Weihnachten immer voll", berichtet die 56-Jährige. An Heiligabend sind Besuche bis zur Mittagszeit erlaubt, danach werden die Gefangenen in ihren Zellen eingeschlossen. Bis auf den Hofgang und die Essensabholung sind sie sich selbst überlassen. Auf nur 12 Quadratmetern. Die Arbeitsbetriebe bleiben bis Dreikönig geschlossen, Therapiesitzungen finden nicht statt. "Das ist schon eine große Belastung."

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Monika Schrauts selbstauferlegte halbjährige Probezeit ist zwar noch nicht vorüber, doch sie ist sich sicher: Dieser Job ist der richtige für sie. "Bevor ich dort gearbeitet habe, hatte ich keine Vorstellung, was Gefängnis bedeutet. Aus Filmen bekommt man ja nur Horrorvorstellungen", sagt sie. "Aber ich erlebe jeden Tag: Die Inhaftierten sind nicht nur Straftäter, sondern auch Menschen. Menschen wie du und ich."

Gefängnisseelsorge unterstützen

Seit dem 1. September ist Monika Schraut Gefängnisseelsorgerin in den Justizvollzugsanstalten in Würzburg und Schweinfurt. Daneben ist die Pastoralreferentin in der Internetseelsorge des Bistums tätig. In ihrer Heimatstadt Zeil leitete die ausgebildete Singschullehrerin bis Juli ein Musikinstitut sowie einen Kinderchor.

Gefangene, die selbst kein Geld für Einkäufe haben, sind auf Spenden angewiesen, von denen die Seelsorger beispielsweise Kaffee oder Zucker besorgen. Wer die Gefängnisseelsorge mit einer solchen Spende unterstützen möchte, kann dies tun über: Empfänger: Bistum Wuerzburg KSt Diakonische Pastoral; IBAN: DE67 7509 0300 0003 0000 01; Verwendungszweck: Gefängnisseelsorge.