"Es war mein längster Fall." Das sagt Helmut Will, der bei der Polizeiinspektion Ebern in der Ermittlungsgruppe tätig war, über die Entführung der sechsjährigen Vera.* Der pensionierte Polizeihauptkommissar erinnert sich noch gut an den am längsten andauernden Fall seiner Dienstzeit, der sich über 21 Monate hinzog.

"Es war im September 1999, als bei der Polizeiinspektion Ebern ein Ingenieur erschien, um mitzuteilen, dass seine sechsjährige Tochter entführt wurde", erzählt Will, der die Ermittlungen in diesem Fall übernahm. Nach einem Gespräch mit dem Vater wurde jedoch deutlich, dass es sich nicht um eine Entführung im klassischen Fall handelte, sondern um ein Vergehen der Entziehung Minderjähriger.

Ungewöhnliche Familienumstände

Angelika, der Mutter des Mädchens, war das Sorgerecht entzogen worden, der Vater hatte das alleinige Sorgerecht zugesprochen bekommen. "Das ließ mich aufhorchen, denn in Sorgerechtsverfahren haben eigentlich Mütter recht gute Karten, vor allem wenn es um das alleinige Sorgerecht geht", erinnert sich Will. Die Mutter lebte zu dieser Zeit im hessischen Kassel und hatte ein Umgangsrecht. Dieses nutzte sie, indem sie Tochter Vera zu den vereinbarten Zeiten abholte und auch zunächst wieder zurückbrachte.

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Am 5. September 1999 sollte Vera nach einem Aufenthalt bei ihrer Mutter wieder nach Ebern zurückgebracht werden. Vater Frank wartete aber vergebens. Anrufe bei seiner Exfrau und deren Mutter waren erfolglos. "Seine Ex konnte er nicht erreichen, deren Mutter wies ihn barsch ab. Sagte, dass ihre Tochter alt genug sei, um zu wissen, was sie tue", so Will. "Jetzt wurde es für mich so richtig ernst, mir schwante Böses", sagte Vater Frank damals.

Nun begann die Ermittlungsmaschinerie zu laufen. "Zunächst konzentrierten sich meine Ermittlungstätigkeiten im September 1999 auf die Stadt Kassel, wo Angelika und ihre Eltern lebten, wo sie auch einen Arbeitsplatz hatte", beschreibt Will. Über die dortige Polizei ließ er den Wohn- und Arbeitsort von Angelika überprüfen und ihre Eltern vernehmen, in der Hoffnung, einen Hinweis auf den Verbleib von Angelika und Vera zu bekommen.

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Damals sei schnell deutlich geworden, dass Angelika die Entführung ihrer Tochter "generalstabsmäßig" geplant hatte. "Ich bekam von der Polizei in Kassel die Mitteilung, dass Angelika schon vor einiger Zeit ihr Arbeitsverhältnis gekündigt, ihr Konto bei einer dortigen Bank aufgelöst und ihr Auto verkauft hatte", so der pensionierte Hauptkommissar. Jetzt sei völlig klar gewesen, dass Angelika alle ihre Spuren verwischen wollte.

Es lag nahe, dass sich die Mutter mit ihrem Kind eventuell in ihr Heimatland Polen abgesetzt haben könnte. "Frank nannte mir zahlreiche Adressen in Polen, wo Angelika mit seiner Tochter sein könnte. Sogar Urlaubsadressen in Polen, wo sie früher gerne zusammen waren", so Will. Er schaltete wegen Ermittlungen im Ausland die Staatsanwalt Bamberg, das Bayerische Landeskriminalamt und das Bundeskriminalamt ein, um die Ermittlungen in Polen auf den Weg zu bringen. "Ich kann mich erinnern, dass die polnische Polizei sehr schnell reagierte und die ihr genannten Adressen abklopfte - aber leider ohne Erfolg", berichtet Will.

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"Frank hat gekämpft wie ein Löwe. Er hat selber vieles unternommen, zahlreiche Schreiben an polnische und deutsche Behörden geschickt, war nach Polen und Kassel gefahren, um den Aufenthaltsort seiner Tochter ausfindig zu machen, und das über lange Zeit unermüdlich. Er schaltete sogar in Polen und Kassel Privatdetektive sowie Tageszeitungen ein, mit dem Ergebnis, dass eine Flut von Presseberichten erschien. Darüber hat er mich ständig informiert. Das alles hat mir ihm gegenüber Respekt abgenötigt", blickt der ehemalige Hauptkommissar zurück.

Zunächst erfolglose Ermittlungen

Bei den Ermittlungen war die Haager Behörde mit eingeschaltet, die mittels des beschlossenen Kindesentführungsübereinkommens Unterstützung leistet, wenn Kinder ins Ausland entführt werden. Involviert war sowohl die Polnische Botschaft in Deutschland als auch die Deutsche Botschaft in Polen. Aber die Ermittlungen in Polen verliefen schließlich im Sande. "Ständig stand ich im Kontakt mit der Kripo in Kassel, bat diese um zahlreiche Ermittlungsschritte", sagt Will. Alle bekannten Kontaktadressen von Angelika in Kassel, in Göttingen und anderen Orten wurden überprüft, Telefonlisten ausgewertet - ohne Erfolg.

Will fuhr mit Frank zur Staatsanwaltschaft nach Bamberg, um mit dem zuständigen Staatsanwalt das weitere Vorgehen abzusprechen. "So kam es schließlich zu verschiedenen Durchsuchungsbeschlüssen und zu einem internationalen Haftbefehl gegen Angelika", erläutert Will. Das war im Februar 2000. Bei Frank meldeten sich, da der Fall mittlerweile durch die Presse ging, mehrere Fernsehsender, um darüber zu berichten. Auch über verschiedene Portale im Internet suchte er nach seiner Tochter.

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"Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Angelika auch ihren Eltern in Kassel nicht sagte, wo sie sich aufhält. Diese stritten wohl immer ab, den Aufenthaltsort ihrer Tochter zu kennen. Eine erste Durchsuchung dort war erfolglos. Dann kam jedoch ein Tipp an die Kripo in Kassel, dass die Eltern von Angelika von ihrer Tochter Fotos erhalten hätten, weshalb ein zweiter Durchsuchungsbeschluss vom zuständigen Gericht erlassen wurde", so Will.

Unmittelbar nach der Durchsuchung rief der in Kassel ermittlungsleitende Kollege bei der Polizeiinspektion Ebern an: Die Beamten hatten Fotos von Angelika und ihrer Tochter in der Handtasche ihrer Mutter gefunden, die zur Eberner Polizei geschickt wurden. Einige der Fotos zeigten Vera mit einer unbekannten Frau vor einem Wasserfall. Auch war Vera mit ihrer Mutter auf einem Foto in einem Eisstadion zu erkennen und im Hintergrund die kanadische Flagge.

Die Ermittlungen gingen weiter. Im November 2000 erhielt Will schließlich vom Bundeskriminalamt die Nachricht, dass Angelika und Vera mit einem gefälschten belgischen Pass nach Kanada eingereist wären und dort einen Flüchtlingsantrag gestellt hätten. "Jetzt wurden alle Beteiligten, es waren eine ganze Menge, über den neuesten Ermittlungsstand informiert und eine Fahndung über Interpol eingeleitet", so Will. Auf einem der Fotos war ein Turm mit einem markanten Gebäude davor zu erkennen. Das sei schließlich der entscheidende Hinweis darauf gewesen, wo das Foto entstanden war: bei den Niagarafällen, an der Grenze des US-Bundesstaates New York zur kanadischen Provinz Ontario.

Die erlösende Nachricht

War das der Durchbruch? Über das Bundeskriminalamt (BKA) wurde mit Interpol Ottawa Kontakt aufgenommen und um entsprechende Ermittlungen aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse gebeten. "Am 15. Dezember 2000 kam dann vom BKA die erlösende Mitteilung, dass Angelika und Vera gefunden und an die Einwanderungsbehörde in Kanada übergeben wurden", erzählt Will.

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Aufgrund des schon zuvor ergangenen internationalen Haftbefehls konnte Angelika nach Deutschland ausgeliefert, am Flughafen Frankfurt in Empfang genommen und in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Bamberg gebracht werden. Auch Vera wurde von ihrem Vater in Kanada abgeholt und nach Deutschland gebracht. Sein unermüdlicher, ungebrochener Einsatz und seine konstruktive Zusammenarbeit mit der Polizei waren belohnt worden.

Der Prozess gegen Angelika wegen Entziehung Minderjähriger fand im April 2001 in Bamberg vor dem Amtsgericht statt. Sie wurde zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. "Diese Straftat kann nicht mit Mutterliebe gerechtfertigt werden", sagte damals der Richter in seiner Urteilsbegründung.

(*Die Namen der vorkommenden Personen wurden von der Redaktion geändert.)