"Wir sind wirklich geschockt über so einen Blödsinn", sagt Wolfram Hirsch von der Jacob-Curio-Realschule in Hofheim zur Petition einer Mutter, die damit die Bundesjugendspiele abschaffen will. "Gerade für Jungs sind Sport und die Noten darin das wichtigste, was es gibt", meint Lehrer Hirsch.

Claudia Schmidt vom Schulamt des Landkreises Haßberge kann die Äußerungen der alleinerziehenden Mutter ebenfalls nicht nachvollziehen. "Meine Vermutung ist, dass diese Mutter selbst ein massives Problem mit dem Thema hat. Anders kann ich mir das nicht erklären", sagt Schmidt. Je nach Schulart versuche man, die Bundesjugendspiele auf das Alter der Kinder abzustimmen. Für die Leiterin der Grundschule in Maroldsweisach, Ulrike Zettelmeier, ist es wichtig, was man aus den Bundesjugendspielen macht. "Die Aufgabe der Grundschulen ist es, den Spielecharakter vor den Wettkampfcharakter zu stellen." Die Rektorin kann sich gut in die Rolle der Mutter versetzen, da sie selbst drei Kinder hat. "Aber man kann seine Kinder nicht vor allen Missgeschicken schützen." Und dass man nicht immer gewinnen kann, das müssten Kinder eben erst lernen.

"Es gibt immer Schüler, die mit bestimmten Dingen Probleme haben. Mit Defiziten muss man aber umgehen können", sagt Klaus Kasper zur Petition. Er ist am Friedrich-Rückert-Gymnasium in Ebern für die Bundesjugendspiele zuständig. Vor drei Jahren sind sie dort nach einer längeren Pause wieder eingeführt worden. "Klar kann es sein, dass sich Schüler bezüglich ihrer Leistung Gedanken machen. Schlechte Erfahrungen haben wir damit aber keine gemacht", sagt Kasper. Ganz im Gegenteil, die Schüler nähmen gerne teil.

Fritz Hahn, Sport-Fachberater des Landkreises und Lehrer an der Albrecht-Dürer-Mittelschule in Haßfurt, sieht die Bundesjugendspiele eher als ambivalente Veranstaltung. "Manche Schüler freuen sich richtig darauf, der eine oder andere ist aber auch krank oder vergisst seinen Beutel", erzählt Hahn.

In der Wallburg-Realschule in Eltmann sah das in den letzten Jahren ähnlich aus: Krankmeldung statt Sport. Bei den Bundesjugendspielen für die siebten und achten Klassen jetzt am Donnerstag haben laut Direktorin Manuela Küfner jedoch alle Schüler mitgemacht. "Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was an Laufen, Springen und Werfen falsch sein soll. Das ist eine gesunde Sache und zudem ist sie fest im Lehrplan aller Schulen im Landkreis verankert."

Meinung: Pro und Contra Abschaffung der Bundesjugendspiele
Pro: Sarah Dann, Redaktionsvolontärin, findet, die Spiele sind überholt: "Von der ersten bis zur vierten Klasse kam ich in den Genuss dieser im besonderen Maße pädagogisch wertvollen Schulbank-Alternative. Vier ehrwürdige Teilnehmerurkunden staubte ich ab.

An Tagen, an denen es durchschnittlich 35 Grad hatte - mindestens und im Schatten versteht sich. Schützende dunkle Flecken waren im baden-württembergischen Osterholzstadion aber nicht zu finden, schon gar nicht am Tag der Bundesjugendspiele. Aber wer rechnet im Juli, im Sommer, schon mit einer Temperaturexplosion?! Den Wetter- oder vielmehr Planungskapriolen irgendwelcher Minister sei dank, fuhren deshalb 99 Prozent der Eltern am Morgen der Bundesjugendspiele ihre Schützlinge sicherheitshalber mit dem Auto ins Stadion ... der Buckel zum Sportplatz hinauf sollte die Mitschüler schließlich nicht schon vor den Wettkämpfen ins Schwitzen bringen.

Noch fürsorglicher waren nur die Eltern, denen es morgens am Telefonhörer selbst die Schweißperlen auf die Stirn trieb: "Also meine Lisa, die hat heute Kopfschmerzen. Ganz starke. Wirklich." Bauchschmerzen waren es wohl eher, ... waren es aber vielleicht auch schon im Jahr zuvor.

Die Wertlosigkeit von Teilnehmerurkunden keimt im Konzept sogenannter Sport-"Spiel"-Tage. Es "soll auf eine Frühspezialisierung und Einengung in ein zu starres Regelwerk verzichtet werden", heißt es offiziell. Deshalb wird der Einsatz - ob beim Sprinten oder Springen - in der brütenden Hitze nach Tabellen bewertet, aha. Im Ernst: Auf die Plätze, meckern, los! Gegen einen einzelnen Tag, der kindlichen Bewegungsdrang in Leistungstabellen zwängt. Für ein Bewegungsprojekt, das beim Thema "Ernährung" im Heimat- und Sachunterricht beginnt und Trainingserfolge im Sportunterricht erlaubt. "

Contra: Christian Holhut, Redakteur, findet die Bundesjugendspiele sinnvoll: "Es gibt nicht die fetten Jugendlichen, die mit Fastfood vor der Glotze sitzen. Es gibt sie natürlich, aber eben nicht nur. Denn wie Spaß am Lesen oder Appetit auf gesunde Ernährung ist eben auch Freude an Bewegung und fairem Wettkampf zum großen Teil Erziehungssache. Verabschieden wir uns hier von der Idealvorstellung, die sei flächendeckend so auch gut gegeben. Es mangelt hierzulande oft daran. An vielem. Zu oft. Nicht ohne Grund beklagen Lehrer häufig, dass sie sich notgedrungen immer mehr um das zu kümmern hätten, was Eltern nicht leisten wollen oder können.

Deshalb ist am Sport in der Schule ebenso wenig zu rütteln wie an Mathe oder Deutsch. Denn: Jedes Kind braucht dieselben Chancen und Möglichkeiten, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Zuhause oder aktuellen Fähigkeiten. Entsprechend vonnöten ist die Leistungserfassung. Es braucht eben auch die Chance, sich mit anderen zu messen - genauso wie in allen Fächern in der Schule, in anderen Lebensbereichen oder -phasen, sobald individuelle Stärken und Schwächen zum Vorschein kommen. Der Fingerzeig in Richtung "unsensibles Lehrpersonal", wesentliches Element der Petition, zeigt doch, wo der Fehler liegt: nicht im sportlichen Wettkampf, sondern sobald es maßgeblichen Personen im Umfeld der Kinder an Kompetenzen mangelt.

Und damit sind hier nicht nur die Lehrer gemeint. Natürlich sind die Bundesjugendspiele gut vorzubereiten, nicht am heißesten Tag des Jahres durchzuprügeln, jeder Teilnehmer ein Sieger - und die Schwächen von Kindern generell ernst zu nehmen. Wer aber Defizite in diesem Bereich zum Anlass nimmt, alle Kinder ein Stück mehr in Watte zu packen vor der Lebenswirklichkeit, arbeitet am eigentlichen Problem vorbei."


Stimmen aus dem Netz:
Auch auf inFranken.de und auf den zugehörigen Facebook-Seiten wird das Thema heiß diskutiert. Hier eine Auswahl an Stimmen:

Das-geschriebene-Wort: "Ich finde eintägige Bundesjugendspiele total sinnlos. Wenn man mal bedenkt, wie häufig in der Schulzeit die Sportstunden ausfallen (...) und man die Kinder fast unvorbereitet in diesen Wettkampf schickt und daher Urkunden nicht nur mit Können sondern auch mit Glück zugewiesen werden."

Yvonne Guzik Ives: "Ich bin ja schon ein paar Jährchen aus der Schule raus, aber die besten Erinnerungen hab' ich an die Bundesjugendspiele, und zwar nicht wegen des Sportteils, ich glaub', ich hab's höchstens mal zu ner Siegerurkunde geschafft (...), sondern die Kameradschaft, das ,Abhängen‘ mit den Anderen, einfach der SPASS, einen Tag ohne Unterricht zu haben."

Uschi Veit"Ich erinnere mich mit Freuden an die Bundesjugendspiele. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Kameradschaft darunter gelitten hat."

LuciferSam: "Wenn der Klassenzusammenhalt Mist ist, macht es natürlich keinen Spaß. Aber dann werden die Schwächeren nicht nur bei den BJS gemobbt, sondern immer."



Hintergrund: Wie kam es zur Diskussion um die Bundesjugendspiele?
Initiatorin Christine Finke aus Konstanz hat die Diskussion ins Rollen gebracht. Die Stadträtin und freiberufliche Journalistin widmet sich privat als Bloggerin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier geht's zu ihrem Blog.

Begründung Vor rund einer Woche setzt Christine Finke auf Twitter die Nachricht ab, dass ihr Sohn weinend mit einer Teilnehmerurkunde der Bundesjugendspiele heimkomme - und sie deshalb eine Petition zur Abschaffung erwäge. Der Wettbewerb mit Teilnahmezwang und starkem Wettkampfcharakter sei nämlich nicht mehr zeitgemäß.

Petition Zwei Tage später steht ihre Online-Petition "Bundesjugendspiele abschaffen!" an Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) im Netz und sammelt binnen drei Tagen über 5000 Unterschriften. Sie entfacht auch eine heftige, teilweise sehr emotionale Diskussion um die 1951 eingeführten Bundesjugendspiele - insbesondere in den Sozialen Medien, aber auch bundesweit in großen Zeitungen und Portalen. Hier geht's zur Petition.

Meinung Der Deutsche Sportlehrerverband positioniert sich mit Präsident Michael Fahlenbock pro Bundesjugendspiele - wenngleich er ablehnt, vom Ergebnis Zensuren abzuleiten. Der Tageszeitung "Welt" sagte er in dieser Woche, er halte die Spiele samt Wettbewerbscharakter für richtig - sofern sie wie ein Sportfest gesehen und Schüler systematisch auf die einzelnen Disziplinen vorbereitet würden. Fahlenbock zufolge ist zu berücksichtigen, dass nur Schulen "wirklich alle Heranwachsenden" treffen. hol