"Ihnen ist HAS ... beim Rückwärtseinparken auf die vordere Stoßstange gefahren. Die Fahrerin hat sich anschließend vom Unfallort entfernt. Für Zeugen rufen Sie unter ... an." Dieser Zettel mit Auto und Telefonnummer, geheftet an eine Windschutzscheibe, spielte eine zentrale Rolle beim dritten Prozesstermin wegen Fahrerflucht vor dem Amtsgericht in Haßfurt. Die Verhandlung endete mit einer faustdicken Überraschung: Jugendrichter Martin Kober verhängte gegen die Angeklagte, eine 20-jährige Frau, eine Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro plus ein zweimonatiges Fahrverbot.

Verhandelt wurde der Vorgang, der sich im Juli vergangenen Jahres gegen 8.45 Uhr in einem Ort im Haßgau abgespielt hatte. Es war ein sonniger Morgen, ein in der Nähe wohnender Anwohner (33 Jahre) öffnete seine Balkontür und trat, eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand, ins Freie. Es dauerte gar nicht lange, da hörte er einen dumpfen Schlag. Neugierig blickte er nach draußen und sah zwei dunkle Autos gleicher Marke so dicht beieinander stehen, dass für ihn klar war: Da hat's gerummst.

Zu seiner Freundin in der Wohnung rief er: "Schatz, da hat's geklappert". Die hatte den Knall ebenfalls gehört, trat hinzu und sah die Bescherung. Beide beobachteten, wie die Fahrerin eines der Autos die Seitenscheibe runterließ, nach links und rechts schaute und dann ihr Fahrzeug ein kleines Stück wegfuhr, bevor sie erneut stoppte. Als sie kurz darauf wegfuhr und nach einem kleinen Wendemanöver erneut - auf einem anderen Platz - einparkte, erkannte der Augenzeuge das Nummernschild des Wagens.

Und da schrieb er den besagten Zettel und befestigte ihn an dem angefahrenen Wagen. Dessen Eigentümer (28 Jahre) befand sich zu dieser Zeit im Krankenstand und war nicht in der Lage, Auto zu fahren. Von daher blieb das Fahrzeug rund drei Wochen an Ort und Stelle. Ende Juli aber sprach der Geschädigte die mutmaßliche Unfallverursacherin an und bat sie, den Schaden - eine Delle an der Stoßstange und am Nummernschild - ihrer Versicherung zu melden.
Das alles abstritt, landete die Sache bei der Polizei. Jedoch konnte die als Zeugin anwesende vereidigte Sachverständige kaum etwas zur Aufklärung beitragen. Auf die entscheidende Frage nach der Unfallursache wollte die Diplom-Ingenieurin nichts ausschließen: Möglicherweise ja, aber nicht zwingend sei der Wagen der Beschuldigten der Schadensverursacher.

Klare Sache für Staatsanwalt

Als nach über einer Stunde die ermittelnde Polizeibeamtin, der Geschädigte, die beiden Anwohner und die Gutachterin ausgesagt hatten, zog Staatsanwalt Ralf Hofmann das Fazit: Für ihn war klar, dass nur die nicht vorbelastete Angeklagte als Unfallverursacherin in Frage kommt. Er forderte eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen á 60 Euro und drei Monate Fahrverbot.
Rechtsanwalt Tilman Fischer hingegen wies auf die seiner Meinung nach letztlich nicht ausgeräumten Ungereimtheiten hin. Zudem, argumentierte er, sei der geschilderte Zeitablauf so nicht möglich, weil seine Mandantin nachweislich um 8.44 Uhr die Stechuhr in ihrer Firma bedient habe. Von daher forderte er nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" (im Zweifel für den Angeklagten) einen Freispruch für seine Mandantin.

Das Gericht aber hielt die Schuld für erwiesen und orientierte sich bei der Anzahl der Tagessätze und der Länge des Fahrverbotes an dem ursprünglich erlassenen Strafbefehl. Die als Zeugen vernommenen Anwohner hielt der Strafrichter für absolut glaubwürdig. Er glaube nicht an den unbekannten Dritten als Unfallverursacher, fügte er hinzu.

Die Reaktionen der Verurteilten und ihrer als Zuhörer anwesenden Verwandten lassen vermuten, dass gegen den Richterspruch Berufung beim Bamberger Landgericht eingelegt wird.