Kürzel wie "LOL" (laughing out loud) für lautes Lachen, Facebook-Freunde und Apps waren damals noch kein Thema. Vor 100 Jahren bewiesen sich Freunde noch durch Einträge ins Poesiealbum ihre Verbundenheit. Damals waren Lyrik angesagt und eine schöne Handschrift.

Exakt 100 Jahre alt ist das Poesiealbum, das beim Seniorenkreis der Kirchengemeinden Rentweinsdorf und Salmsdorf bei den Senioren großes Interesse weckte. Es gehört Else Habermann aus Treinfeld. Sie hatte es von ihrer Mutter erhalten, die aus Heubach stammte.

Seniorenkreisleiterin Helga Wegner gab sie einen Überblick über die Entstehung des Poesiealbums, auch Freundschaftsbuch genannt. Wegner betonte, dass ein Poesiealbum - wie ein Tagebuch - an Menschen erinnert, mit denen der Lebensweg oder Abschnitte davon geteilt wurde. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstand der Brauch, guten Freunden Namen, Wappen und Wahlsprüche in das Stammbuch zu schreiben. Im Laufe der Zeit wurden aus den Stammbüchern dann Erinnerungsbücher. Die Blütezeit hatte das Poesiealbum im 19. Jahrhundert. Die poetischen Verse wurden durch Weitergabe des Albums an Mitschüler, Lehrer, Freunde, Verwandte und Bekannte gesammelt.


Links Gestaltung, rechts Schönschrift



Die linke Buchseite blieb frei und diente einer künstlerischen Gestaltung, wie beispielsweise mit Glanzbildern, Scherenschnitten und Glitzerbilder. Da Poesiealben typischerweise in der Schulzeit etwa ab dem Alter von zehn Jahren geführt wurden, sah es die erwachsene Generation in bildungspolitisch vorgeprägten Kreisen teilweise als pädagogisch wertvoll an, da sowohl die Handschrift in Form der Schönschrift geübt wurde, als auch der Geschmack bei der Auswahl von Texten gepflegt werden konnte. Die Beliebtheit von Poesiealben ist stets einem Modetrend unterworfen.

Die Weiterentwicklung des Poesiealbums ist das Freundschaftsbuch mit Fotos, Hobbys, Lieblingslieder und einen Sinnspruch. Die Seniorenkreisleiterin trug dann eine Reihe von Zitaten in Form von Reimen und Versen vor, die in den verschiedenen Alben eingetragen waren. Einer der am häufigsten eingetragenen Verse war: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" von Johann Wolfgang von Goethe. Aber viele Zitate lösten bei den Anwesenden auch ein Schmunzeln aus. Beispielsweise der "Klassiker" für die letzte Seite: "Ich hab' mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt".