Der "Ziehsohn" tritt in die Fußstapfen seines Mentors, eine Tradition lebt weiter. Sehr zur Freude der Freunde anspruchsvoller Konzerte, denn es wird sie weiterhin geben, die "Marktsaal-Konzerte". Etabliert hat sie einst Walter Dold, ehemaliger Lehrer und langjähriger Kirchenmusiker. Ihm stand es zu, an diesem sonntäglichen Kulturnachmittag die ersten Worte ans Publikum zu richten: "Wie schön, dass die Rückkehrer nach Hause und Sie trotz Karneval so zahlreich hierher gefunden haben."

Zurück gekehrt waren am ersten Sonntag des Februar zwei, von denen laut Dold "einer vor 25 und der andere vor 15 Jahren die Heimat verlassen hat". Einer habe das Klavier Spielen gelernt, der andere das Singen. "Beide gingen nach München, woher ich einst gekommen bin", spielte Dold auf seine Zeit als junger Referendar vor mehr als 50 Jahren an.
"Und sie haben heute noch einen mitgebracht", setzte er in der für ihn typischen Redeweise hinzu, "der kann vorlesen".

Auf dem Programm stand "Die schöne Magelone", eine Novelle von Ludwig Tieck (1773 - 1853) mit den darin enthaltenen, von Johannes Brahms (1833 - 1897) vertonten Liedern. "Der Mann, der vorlesen kann", war Dolds Titulierung für den Schauspieler, Rezitator und Theaterleiter Martin Neubauer aus Bamberg, dem die Rolle des "Märchenerzählers" zukam. Gemeinsam mit den Rückkehrern Norbert Groh und Eric Fergusson bot Neubauer eine romantische Liebesgeschichte zauberhaft dar.

Groh wurde in Ebern geboren und machte international Karriere als Pianist und Dirigent. Fergusson wuchs in Rentweinsdorf auf, war ehemals Schüler Dolds und ist heute ein gefragter Sänger. "Magelone" ließen sie als wahres Gesamtkunstwerk daher kommen, eine Schöpfung, an der Erzähler Neubauer und Pianist Groh ebenso beteiligt waren wie Fergusson als Bariton.

Der Geist dieser "schönen Magelone" wird noch lange, nachdem der letzte Ton der Brahmschen Komposition verklungen ist, durch den Marktsaal schweben. Und Dold wird es nicht übel nehmen, wenn an dieser Stelle prophezeit wird, dass das mehr war als eine Fortsetzung seiner Tradition. Das war der Beginn einer neuen Rentweinsdorfer (Kultur-)Ära.

Als hätte niemand des am Ende frenetisch applaudierenden Zuhörerauditoriums gewusst, wen der Sänger da eigentlich mitgebracht hatte, sah Fergusson sich veranlasst, auf die Karriere seiner beiden Künstlerkollegen hinzuweisen. "Es ist schon etwas Besonderes, dass Groh und Neubauer hierher nach Rentweinsdorf gekommen sind", offenbarte er. "Der Norbert Groh macht so etwas in der ganzen Welt, und Neubauer ist auch kein Unbekannter", gab ein emotional gerührter Gesangssolist zu verstehen.

Keine leichte Kost

Was das Trio zuvor geboten hatte, war alles andere als leichte Kost. Prätentiös für Zuhörer wie für Ausführende, durchlebten beide Seiten eine romantische Geschichte mit literarischem Anspruch. Im Textbuch mitzulesen, das hatte Dold eingangs "untersagt". Zuhören sollten die Leute, denn "so habt Ihr mehr davon", meinte der Lehrer liebevoll belehrend.

Großes Können verlangte die Geschichte auch von den Interpreten. Für Bariton Fergusson eine intonatorische Herausforderung, der er wohl gerecht wurde. Mit differenziertem Ausdruck und gut dosiert füllte er den Zyklus mit Leben aus. Er zeichnete ein Mädchen im Frankreich des 15. Jahrhunderts, das zu kolossaler Emotion fähig war und zeigte gar selbst Gefühl. Zuweilen erfüllte kraftvoller Gesang voluminös den Raum, dann wieder erhielt seine Stimme einen weichen Klang. Herausragend das voller Dramatik gesungene Lied des Peter: "Sind es Schmerzen, sind es Freuden, die durch meinen Busen ziehn?" Wortreiche Gesänge, live und frei vorgetragen, ohne Notenblatt und Textvorlage - nicht zuletzt das gewaltige Pensum des Liederzyklus‘ verdiente höchste Anerkennung.

Am Flügel führte Groh mit meisterlichem Tastenspiel durch die ritterlichen Geschehnisse. Dieser Part gilt als einer der anspruchsvollsten Klavierbegleitungen für Liedbegleiter überhaupt. Der Pianist mit dem "Haßbergehintergrund" verlieh dem Flügel variantenreiches Kolorit, während Neubauers ungekünstelte, überaus sympathische Vortragsweise Gesang, Musik und Text symbiotisch verschmelzen ließ. An passenden Textstellen schimmerte Ironie durch und nahm dem Ganzen seinen antiquierten Anstrich.

Wiederholungen vorstellbar

Am Ende schwor der Ritter seiner Magelone Treue und versprach ihr die Ehe. Mit "Treue Liebe dauert lange" entließen drei überzeugende Künstler ihr beeindrucktes Publikum in den Abend. Lang anhaltende Treue zwischen Zuhörerschaft und Vortragenden bleibt für die Zukunft zu wünschen. Dass diese Hoffnung sich erfüllen könnte, ließ Fergusson anklingen, indem er Wiederholungen in Aussicht stellte. Das erste Konzert der "Ära nach Dold" war mehr als ein einfaches Da Capo. Es war ein "grandioso", ein zwei Stunden dauerndes Märchenabenteuer.