In der Diskussion um die wirtschaftliche Krise der Haßberg-Kliniken, die die Schließung der Geburtsstation Haßfurt und des Hofheimer Krankenhauses nach sich ziehen könnte, hat sich der Haßfurter Frauenarzt Dr. Peter Jung zu Wort gemeldet. Die negativen Entwicklungen an den Kliniken seien auf eigenwillige Entscheidungen der Klinik-Vorstände zurückzuführen, sagt der 50-Jährige aus Zeil. Er reagiert auch auf die in der öffentlichen Debatte vorgebrachte Kritik, hiesige Frauenärzte würden Schwangeren bewusst von einer Entbindung in Haßfurt abraten.


Kommune gegen Niedergelassene

Im Kern seiner Kritik zielt Jung auf das sogenannte MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) am Haus Haßfurt, das den Facharztpraxen das Wasser abgrabe. Das Haßfurter Krankenhaus "betreibt seit Jahren massiv Politik gegen niedergelassene Frauenärzte" - in der Form, dass Kassenarztsitze* der Gynäkologie aufgekauft und mit Krankenhausärzten bestückt würden, die dann in Personalunion "als Krankenhausarzt und MVZ-Arzt arbeiten", erklärt Jung.

Die Ärzte dort müssten weder wirtschaftlich arbeiten, noch müssten sie "Regresse der Krankenkassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung fürchten." Es könne nicht sein, dass man "wie ein Großinvestor Arztsitze aufkauft", sagt Jung, der für die CSU im Kreistag sitzt und dem Verwaltungsrat der Haßberg-Kliniken angehört. Zudem ist er Vorstand im Bayerischen Facharztverband. In dieser Funktion ergänzt er: "Ein MVZ kann nie einen niedergelassenen Arzt ersetzen."


Keine gute Entwicklung

Die Geburtshilfe am Haßfurter Krankenhaus hält Jung für einen strukturellen Faktor für den Landkreis. "Ich schätze die Kollegen dort sehr, die machen sehr gute Geburtshilfe." Dass es um die Abteilung nun schlecht bestellt sei, "liegt in erster Linie am Vorgehen der beiden Vorstände der Haßberg-Kliniken (Wilfried Neubauer und Stephan Kolck, die Red.)."

Die Gynäkologieabteilung der Klinik sei in den letzten Jahren durch deren Entscheidungen an der Entwicklung behindert worden, "insbesondere was die Therapie des Mammakarzinoms (Brustkrebs, die Red.) angeht. Wichtige Investitionen wurden hier nicht getätigt." Stattdesssen wird gegen Niedergelassene "gerüstet mit öffentlichen Geldern". Das zeichne sich etwa darin ab, dass nun künftig auch in Hofheim, wo das Krankenhaus vor der Schließung steht, ein MVZ-Frauenarzt Sprechstunden halten soll.

Eine Entwicklung, für die vor Jahren die Weichen gestellt worden seien: "Ein Zugehen seitens der Klinikleitung auf die niedergelassenen Frauenärzte fand nicht statt, außer, ob diese sich denn nicht auch im MVZ anstellen lassen wollten", kritsiert Jung.

Auch der Vorschlag seitens der Niedergelassenen, eine hebammenorientierte Geburtshilfe einzurichten, wie es am Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt der Fall ist (freie Hebammen, die mit ihren Klientinnen in die Geburtsklinik kommen; in Haßfurt sind die Hebammen in Teilzeit angestellt), sei abgewiesen worden. "Da mache ich der Klinikleitung den Vorwurf, dass sie nach Gutsherrenart gegen Niedergelassene agiert." Mit ein bisschen gutem Willen und ein Zugehen auf die niedergelassene Ärzteschaft bestünden die Probleme nicht. "Wenn wir unser Modell gemacht hätten, hätten wir 670 Geburten in Haßfurt, nicht 370", glaubt Jung.


Frauenärzte als Sündenbock?

Dass die Geburtsstation in Haßfurt jetzt aufgegeben werden soll und dass dies indirekt auch an den niedergelassenen Frauenärzten im Kreis Haßberge liege, diesen Vorwurf weist Jung zurück. Die Kritik kam in der öffentlichen Diskussion im Rahmen der Protestbewegung der Haßfurter Hebammen für den Erhalt ihrer Station auf; verschiedene Mütter hatten die Thematik in der Zeitung und in sozialen Medien angesprochen: Angeblich rieten hiesige Frauenärzte öfter von Haßfurt ab. Jung dazu: "Ein niedergelassener Arzt ist seinen Patienten verpflichtet." Wenn eine schwangere Frau sage, sie möchte "nur in ein Krankenhaus mit angeschlossener Kinderklinik, werde ich natürlich nicht sagen: Geh doch nach Haßfurt, die warten gerade auf dich". Und weiter: "Ich habe niemals, auch meine Kollegen nicht, einer Patientin abgeraten, nach Haßfurt zu gehen, sofern es nicht medizinisch notwendig war."

Wilfried Neubauer, Vorstandsmitglied der Haßberg-Kliniken, widerspricht in weiten Teilen den Ausführungen von Peter Jung. Dass bewusst eine Konkurrenzsituation zu niedergelassenen Ärzten geschaffen werden sollte, verneint er. Jungs Argumentation folge "berufsbezogenen Interessen".

Nach diesen Gesichtspunkten müsste Jung die anderen Frauenärzte im Landkreis ebenso als Konkurrenten sehen. Richtig sei, dass die in Klinik und MVZ angestellten Ärzte nicht mit ihrem Privatvermögen haften. Dafür seien sie aber auch nicht selbstständig.
Jedoch müsse der Landkreis dafür sorgen, das ausreichend Ärzte vorhanden sind. Und "um die fachärztliche Versorgung auf dem Land aufrechtzuerhalten, benötigt man MVZs", sagt Wilfried Neubauer.

Speziell für die MVZ in Haßfurt und in Ebern, die unter der Trägerschaft des Kommunalunternehmens Haßberg-Kliniken als GmbH agieren, gelten hinsichtlich der zu tätigenden Investitionen gleiche Bedingungen wie im privatwirtschaftlichen Bereich: Nicht die öffentliche Hand finanziere das, sondern es würden Bankdarlehen aufgenommen. Könnten diese nicht bedient werden, wäre ein Insolvenzverfahren die Konsequenz. Da gelte die Gewährträgerhaftung des Landkreises Haßberge nicht.


Nachfolge ungeregelt

Dass die Haßberg-Kliniken nach Gutsherrenart Arztsitze aufkauften, will Neubauer so nicht stehen lassen: Sitze kauften die Haßberg-Kliniken nur, wenn die Nachfolgeregelung in Bezug auf die betroffenen Arztpraxen ungewiss sei. Die anderen niedergelassenen Frauenärzte seien dabei nicht übergangen worden. "Wir würden keinem Niedergelassenen den Sitz streitig machen", sagt Neubauer. Und allgemein: "Wir sind jederzeit gesprächsbereit." Dass ein Sitz jedoch ersatzlos eingezogen wird seitens des Zulassungsausschusses, weil er nicht gekauft wird, "kann der Landkreis nicht akzeptieren".

Und versäumte Investitionen in Bezug auf Brustkrebs-Therapie? Dazu erklärt Neubauer: Es gebe sogenannte Brustzentren, die sich in diesem Fachbereich spezialisiert haben. "Wir haben überlegt: Können wir den Weg in ein Brustzentrum gehen?" Als Ergebnis kam dabei heraus, dass ein "Krankenhaus unserer Versorgungsstufe einfach zu klein" ist. Schweinfurt oder Bamberg erfüllten die Voraussetzung, Haßfurt nicht.

*nach einem Schlüssel des gemeinsamen Bundesausschusses im Gesundheitswesen werden Kassenarztsitze in ganz Deutschland verteilt, derzeit acht für den Kreis Haßberge.