35 Jahre lang lebte eine Frau aus dem Landkreis Haßberge in einer Großstadt im Süden Bayerns. Ein neues Leben wollte sie dort anfangen. Sie lernte einen Mann kennen und heiratete ihn. 27 Jahre waren sie verheiratet: Für sie war ihre Ehe rückblickend die reinste Hölle.

Häusliche Gewalt eine Straftat

In all den Jahren war die jetzt 52-Jährige Kriminalitätsopfer. Ihr Mann tat ihr häusliche Gewalt an. Fast alle Erscheinungsformen solcher Gewalt sind nach dem Gesetz strafbar: Sie reichen von der Beleidigung, Bedrohung über Nötigung und Freiheitsberaubung bis hin zu Körperverletzung und Sexualdelikten. All das musste sie durchleben.

Schon zu Anfang schlug ihr Mann sie aus nichtigen Gründen. Er schlug mit der Faust gegen Arme und den Körper. Jedes Mal blaue Flecken. Selbst als sie hochschwanger war, hörte ihr Mann mit der Gewalt nicht auf.
Die Jahre waren ein Martyrium, mindestens einmal in der Woche vergewaltigte sie ihr Mann außerdem. Freiheit hatte sie keine mehr. "Er hat mich oft eingesperrt. Er hinderte mich mit Gewalt, die Wohnung zu verlassen. Er stellte sich vor die Tür und stieß mich weg”, erzählt sie. Den Haustürschlüssel nahm er ihr öfters ab.

Neben Kindern und Haushalt arbeitete seine Frau als Verkäuferin, um den Lebensunterhalt der Familie einigermaßen zu sichern. Ihr Mann hatte nie Arbeit und forderte das Geld ein. "Wenn ich ihm Geld verweigerte - wir hatten ja auch nie viel - schlug er mich", sagt sie.

Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. "Meine kleine Tochter ging auch einmal auf mich los. Das hat mir als Mutter sehr weh getan", erzählt die 52-Jährige, und die Kinder waren lange ein Grund, warum sie sich nicht trennte. Sie stehen heute auf der Seite des Vaters.

In all der Zeit hatte die Unterfränkin wenig Kontakt zu Eltern und Schwester im Landkreis. Irgendwann hegte ihr Vater den Verdacht, dass bei seiner Tochter etwas nicht stimme. "Ihr Vater ist ein guter Bekannter von mir. Er kam auf mich zu und bat mich um Hilfe", erzählt Helmut Will, Außenstellenleiter des Weißen Rings Haßberge. Die Organisation hilft Kriminalitätsopfern aus ihrer Notlage und bei der Aufarbeitung der Vorkommnisse.

Ein Anruf macht alles klar

Will reagierte sofort. Der ehemalige Polizeibeamte rief die Tochter kurzentschlossen an. Ihm war schnell klar, dass sie aus den Fängen ihres Mannes fliehen wollte. 27 Jahre Ehe verbinden psychisch und emotional, trotz Gewalt. Alleine hätte es die 52-Jährige wohl nicht geschafft, von ihrem Mann loszukommen.

"Ihre Schwester hatte letztes Jahr im März 50. Geburtstag. Das war ein guter Anlass, alles zu planen, da ihr Mann dank des Geburtstages keinen Verdacht schöpfte", erzählt Will. Ihr Mann ließ sie anlässlich des Geburtstages alleine in die Heimat fahren. Die weitere Vorgehensweise konnte in Ruhe geplant werden, ohne dass der Mann etwas mitbekam.

Die Ehefrau nahm damals schon alle ihre wichtigen Papiere mit und ließ sie bei ihrer Schwester, damit ihr Mann keinen Zugriff mehr darauf hat. Nach dem Geburtstag fuhr sie wieder in die Großstadt, da sie dort noch arbeiten musste.

"In der Zeit habe ich alles heimlich zusammengepackt und entweder zu meiner Freundin oder in den Keller gebracht", erzählt die 52-Jährige.

Anfang April war es soweit: Ihr Schwager holte sie mit all ihren Sachen ab und brachte sie weg von ihrem gewalttätigen Ehemann. Angezeigt hat sie ihren Mann nie, da sie endlich Ruhe von ihm wollte.

Doch auch wieder in ihrem Heimatort zu sein, löste in ihr große Angst aus. "Ein neuer Anfang ist nicht leicht, wenn man 35 Jahre weg war und sich zu Hause alles verändert hat", sagt sie. Ihr kamen oft die Tränen, weil sie nicht wusste, ob sie diesen Neustart schaffen würde.

Unterstützung von außen

In dieser schweren Zeit stärkte besonders ihre Familie der 52-Jährigen den Rücken. Aber auch Helmut Will und dem Weißen Ring ist sie sehr dankbar. "Sie haben mir geholfen, wieder in die Spur zu kommen. Es tat gut, jemanden zum Reden zu haben", meint sie. Doch über ihre Erlebnisse zu erzählen, fiel ihr anfangs nicht leicht. "Damals war mit ihr recht wenig anzufangen. Es ging ihr extrem schlecht", erzählt der ehrenamtliche Helfer. Helmut Will sieht seine primäre Aufgabe im Zuhören. "Erstgespräche gehen dann schon einmal schnell bis zu drei Stunden", erzählt er aus Erfahrung. Der 52-Jährigen hat er damit geholfen. "Ich kann nun offener darüber reden. Aber vergessen werde ich das nie", sagt sie.

Der Weiße Ring hilft Kriminalitätsopfern nicht nur bei der Aufarbeitung ihrer Traumata. Er unterstützt sie finanziell mit der so genannten Opferhilfe, um beispielsweise den "tatbedingten Umzug" zu finanzieren. Auch ein Erholungsurlaub ermöglichte der Verein dem Opfer. "Eine solche Ferienhilfe macht man nur bei Leuten, die wirklich traumatisiert sind", sagt Will. Er selbst habe diese Ferienhilfe bis jetzt nur bei drei Fällen in Anspruch genommen. "Es ist wichtig, dass die Opfer mal raus aus dem Trott und mit sich selbst ins Reine kommen", ergänzt er. Bei der 52-Jährigen aus dem Landkreis Haßberge hat dies gut funktioniert. Sie fand Abstand zu ihrem früheren Leben.

Aktuell hat Helmut Will für sie noch eine Opferhilfe beim Justizministerium Bayern beantragt. Hierbei geht es um eine weitere finanzielle Unterstützung um die "tatbedingte Notlage" zu lösen. "Oft kennen Opfer ihre Rechte überhaupt nicht. Wir helfen ihnen dabei, wo sie sich hinwenden können", erklärt Will.

Gemeinsam mit Ingrid Behr und Tina Friedl kümmert sich Will um Kriminalitätsopfer im Landkreis Haßberge. "Der Täter büßt seine Strafe ab. Das Opfer hat lebenslänglich damit zu kämpfen", sagt Will. Das kennt auch die 52-Jährige aus dem Landkreis Haßberge.

Selbst in Sicherheit gehen ihr die Erlebnisse von früher nicht aus dem Kopf, sagt sie. "Die Psyche bei Kriminalitätsopfern ist ein ganz schwieriges Thema", weiß Helmut Will aus Erfahrung.