Die Olympischen Spiele 1972 sind mit einem dramatischen Ereignis behaftet, das am 5. September Menschenleben kostete. Terroristen hatten aus dem Olympiadorf in München israelitische Sportler entführt. Auf dem Militärflugplatz in Fürstenfeldbruck sprengten sich die Terroristen mit ihren Geißeln in die Luft, die Anführer wurden gefasst. Einer, der das miterlebte, ist Polizeihauptkommissar Reinhold Albert von der Polizeiinspektion Ebern.

Durch die Dokumentarfilme in diesen Tagen wurde er nach 40 Jahren, in denen er die Ereignisse verdrängt hatte, dazu ermutigt, diese für die Mitarbeiterzeitung Antenne des Polizeipräsidiums Unterfranken niederzuschreiben. Der damals junge Polizeibeamte schrieb am 6. September 1972 in einem Brief an seine damalige Freundin und heutige Frau Marianne: "Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, von diesem Himmelfahrtskommando heil zurück zu kommen." Heute fügt Reinhold Albert an: "Ich konnte mir danach vorstellen, was Krieg bedeutet, wenn auf Menschen geschossen wird, wenn Menschen im Kugelhagel sterben müssen. Grausam!"

In einem Gespräch mit unserer Zeitung hat der in Sternberg im Grabfeld wohnende Albert noch einmal die Zeit zurückgedreht. In der Hand hält er den handschriftlichen Brief, geschrieben an seine Freundin Marianne. Er ist auf den 6. September 1972 datiert - am Tag nach dem in die Geschichte als "Olympia-Attentat" eingegangenen Überfall palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft. Den Großteil der darin enthaltenen Schilderungen hatte er im Lauf der Jahre vergessen, verdrängt, wollte sich nicht mehr erinnern. Der Brief beginnt mit dem Satz: "Den 5. September 1972 werde ich nie in meinem Leben vergessen, denn es war der fürchterlichste Tag, den ich je zu überstehen hatte. Und Gott sei Dank, ich bin gesund. Nur mit den Nerven bin ich ziemlich fertig."

Albert gehörte der dritten Hundertschaft der Bereitschaftspolizei an, die in München stationiert war. Die Beamten waren während der Olympiade zu Streifengängen meist in der Stadt eingesetzt, weniger an und in den olympischen Stätten, denn dort sollten wenig Uniformierte zu sehen sein.

Unerfahren, schlecht ausgerüstet


Der Einsatz der Hundertschaft von Reinhold Albert begann um 17 Uhr an jenem 5. September 1972. Da rückten die jungen Polizisten im Eilmarsch nach Fürstenfeldbruck aus. Um 18 Uhr kamen fünf Scharfschützen aus München mit dem Hubschrauber dazu. Das Flugzeug, mit dem die Terroristen fliehen wollten, stand auf dem Flugfeld. Geplant war, die Entführer mit den Geiseln in zwei BGS-Hubschraubern zum Militärflughafen nach Fürstenfeldbruck zu bringen, die Passagiermaschine jedoch nicht starten zu lassen, sondern die Terroristen vorher zu überwältigen. Es wurde sogar in Erwägung gezogen, dass die jungen Polizisten sich im Flugzeug verstecken und die Terroristen beim Einsteigen bekämpfen sollten. Reinhold Albert: "Davon wurde jedoch Abstand genommen, denn wir waren lauter junge, unerfahrene Burschen, lediglich ausgerüstet mit einer 9-Millimeter-Pistole. Wir wären mit dieser Aufgabe völlig überfordert gewesen, hatten für einen solchen Einsatz keinerlei Ausbildung und Ausrüstung."

Lage vollkommen unterschätzt


Stattdessen wurden sie in der Feuerwache des Militärflugplatzes stationiert. Auf dem Fliegerhorst bezogen die fünf Scharfschützen Stellung. Ohne Schutzhelme, geschweige denn kugelsichere Westen oder ähnliches. "Wir hofften und rechneten alle damit, dass sie die Terroristen in wenigen Minuten ausschalten würden. Doch es sollte anders kommen." Sogar Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und der bayerische Innenminister Bruno Merk waren vor Ort, sprachen den jungen Polizisten Mut zu und wünschten viel Glück. Dann landete der Hubschrauber. Reinhold Albert: "Wir hatten alle Muffe, angefangen vom Hundertschaftsführer bis zum Wachtmeister. Ich glaube, es war gegen 22.30 Uhr, als das Unfassbare begann: Große Scheinwerfer tauchten das Rollfeld in gleißendes Licht. Die Scharfschützen eröffneten das Feuer. Die Terroristen schossen sofort zurück." Während die Hubschrauberpiloten im Zick-Zack-Kurs übers Rollfeld flüchteten, wurden die Geiseln, die aneinander gefesselt in den Helikoptern saßen, in Schach gehalten. Die Scheinwerfer wurden beschossen und erloschen. Spärliches Licht erhellte das Rollfeld.

An ein grausames Ereignis erinnert sich Reinhold Albert in diesem Zusammenhang: "In der Tür des Aufenthaltsraums lag der als Scharfschütze eingeteilte Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer, mit dem wir uns kurz zuvor noch unterhalten hatten. Plötzlich sah ich, dass der Kollege richtiggehend durch die Luft nach hinten flog. Er war getroffen und vermutlich sofort tot. Nun dachte jeder von uns: jetzt kommen wir an die Reihe! Zahlreiche Schüsse schlugen hinter uns im Gebäude ein."

Etwa 45 Minuten nach dem Beginn des Feuergefechts trafen gepanzerte Fahrzeuge in Fürstenfeldbruck ein. Reinhold Albert hatte die Aufgabe, sich am Gebäude zu postieren und kroch zu seinem Platz. "Kaum dort angelangt, pfiffen auch schon Kugeln einige Meter über mich hinweg in die Halle hinter mir. Ich dachte, jetzt ist es aus. Es ging hier nur noch ums nackte Überleben." Auch die gepanzerten Fahrzeuge konnten nichts ausrichten, denn kaum waren sie in Richtung der Hubschrauber gestartet, waren ihre Reifen platt geschossen. Es war inzwischen Mitternacht. In den Hubschraubern war alles ruhig.

Albert vermutet heute, dass die meisten Geiseln bereits in den ersten Minuten des Gefechtes starben. Die Terroristen begriffen ihre ausweglose Lage und auf einmal gab es eine riesige Detonation. Einer der Hubschrauber flog in die Luft. Ein Terrorist erschoss die wenigen noch lebenden Geiseln im zweiten Hubschrauber. Dann herrschte Totenstille. Beim Zählen der Leichen wurde klar, dass Attentäter fehlten. Sie hatten sich im Löschschaum nahe der Hubschrauber versteckt und tot gestellt. Sie wurden verhaftet.

Höhnisch lächelnder Terrorist


Die Festgenommenen kamen auf das Tor zu, an dem Albert lag. "Hinter mir stand plötzlich Franz-Josef Strauß, der einen der Terroristen voller Wut mit nicht druckreifen Worten beschimpfte. Dieser hatte jedoch nur ein höhnisches Lächeln für ihn übrig." An den Hubschraubern lagen verkohlte Menschen. "Noch heute habe ich das schreckliche Bild vor Augen und werde es bis an mein Lebensende nicht vergessen!" Psychologische Betreuung nach dem Einsatz? Fehlanzeige. Alle, die dabei waren, mussten selbst mit dem Erlebten fertig werden