"Du hast scho widder so an Blick", sagt ihr Mann und da lachen sich die beiden an. Denn erst vor einiger Zeit musste der Gatte sein bestes Stück vor der Frau verteidigen. Als die nämlich urteilte: "Du, also, der Kragen geht nimmer." "Aber des ist mein Lieblingshemd!", begehrte er schmerzvoll auf. Und da hatte sie natürlich Verständnis. Fürs Quilten und Patchworken ist das Teil bis heute tabu. Denn: "Ich hab den Hemdkragen abgetrennt, umgedreht und wieder angenäht", sagt die begeisterte Näherin. Tatsächlich, das gute Eddi-Bauer-Hemd offenbart unter dem umgelegten Kragen die abgewetzte Seite. Sieht man gar nicht.

"Aber net, dass sie Leut' sagen, sie tragen nur altes Zeug. Nein so ist es nicht. Die Leut' denken nämlich genauso." Wer denn Lust hätte über das Thema zu reden, fragten wir auf Facebook. Und etliche Bürger meldeten sich als Freiwillige: Sie flicken ihre Hosen, reparieren die Hemden und setzen ihre Kleidung instand ("Knöpf wern grundsätzlich wieder angenäht"). Selbst ist der Mann, der so kommentiert: "Einiges kann man schon selbst machen. Mit Nadel und Faden." Und natürlich gibt es auch die allerbesten Omas: "Erst diese Woche für meine Enkel Kleidung repariert."

Ein Bewusstsein für die Umwelt

Kleider flicken. Das ist keine Frage der Armut, wie früher vielleicht im kargen Land. Nein, die Menschen auf dem Land haben bis heute ein starkes Bewusstsein dafür, was Nachhaltigkeit bedeutet. Petra Schumann: "Nachhaltigkeit hat ja viel mit Achtsamkeit zu tun, dass man Dinge, die andere gemacht haben, nicht einfach entsorgt, sondern etwas anderes daraus machen kann."

Da braucht es natürlich einen kreativen Geist. Und den hat Petra Schumann unbedingt. Sie näht und handarbeitet mit größter Leidenschaft. Ihr Arbeitszimmer: ein Paradies.

Während unten im Eingang ebenso hübsche wie praktische Schlüsseltaschen hängen, für die sie abgelegte Schlipse ihres Göttergatten verwendet hat, offenbaren sich bei jedem Schritt ins Haus weitere Kunstwerke. Patchworkdecken in vielfältigster Form liegen auf dem Sofa oder hängen an der Wand, kreative Explosionen, für die es langen Atem braucht. Denn aus kleinen und kleinsten Stoffstückchen sind die Bilder und geometrischen Muster zusammengesetzt. Für jemanden, der nähen kann, ein Wunder, wie die Nahtflächen immer wieder exakt aufeinander treffen. "Ich trenn schon auch mal auf, wenn's mir nicht gefällt", sagt die Zeilerin, die vor zehn Jahren ihr erstes Stück mit einem alten Vorhang begann. Schritt für Schritt erkundete sie das Quilter-Universum und ist heute in drei Internet-Foren, in denen sich die gleichgesinnten Frauen gegenseitig bewundern und zu neuen Taten beflügeln. Tipps werden da weitergegeben, fehlende Stoffreste in passenden Farben einander zugesendet und inzwischen gehen Petra Schumann die Fachbegriffe des Quiltens wie nix über die Lippen.

Von ihrem Arbeitszimmer unterm Dach gibt ein Fenster einen herrlichen Blick auf den Steigerwald frei, drinnen liegen die kleinen Stoffstückchen nach geheimer Ordnung auf dem Tisch, dazu Nädelchen, Garne und sonst allerlei Gerät. Sie grinst spitzbübisch: "Kreative Menschen haben keine Unordnung, sie lassen nur ihre Ideen überall herumliegen."

Obwohl... Dafür, dass keine Unordnung entstehen kann, sorgt schon der Mann, der die Leidenschaft seiner Frau liebevoll begleitet. Ob das ein Regal ist, auf dem die Kisten mit den Stoffresten und Quilt-Projekten untergebracht sind (verborgen hinter einem riesigen blauen Patchworktraum) oder der hölzerne Garnhalter an der Wand. Hier hat jedes Stückchen seinen Ort und seine Bedeutung. Und irgendwann taucht die Jeans wieder auf: Vielleicht als Vögelchen oder Blütenblatt oder als robuster Boden für einen "fränkischen Nähstein". Aber das ist eine andere Geschichte...

Viele Kleidungsstücke und Stoffe sind zu schade für den Reißwolf

In Zentralasien liegt der Aralsee. Noch in den 1950er Jahren einer der größten Seen der Welt. Seither fiel sein Wasserspiegel, und ohne einen Damm wäre der See wahrscheinlich heute verschwunden. Warum? Das Wasser aus dem See steckt unter anderem in T-Shirts aus Baumwolle, die hierzulande beim Discounter zum Spottpreis verkauft werden.

Greenpeace sieht in der globalen Textilindustrie einen der größten Umweltsünder, da die Herstellung von immer mehr und immer billigeren Klamotten mehr Kohlendioxid in die Luft bläst als der Flug- und Schiffsverkehr zusammen. Dazu kommen enorme Mengen Unkraut-Vernichtungsmitteln beim Baumwollanbau und ein Wasserverbrauch, den man ungläubig zur Kenntnis nimmt: Wie können in einem T-Shirt, das keine fünf Euro kostet und das tausende Kilometer gereist ist, zwischen 3000 und 15 000 Liter Wasser stecken? In Bamberg kostet der Kubikmeter Wasser (1000 Liter) 1,99 Euro.

Corona beflügelt die Käufe

Der Exkurs zeigt: Die Bundesbürger, und nicht nur die, kaufen trotz Corona-Dämpfer mehr Kleidung als je zuvor. 2014 hat die globale Textilproduktion erstmals die Marke von 100 Milliarden Kleidungsstücken überstiegen, und die Menge legt weiter zu. Jeder Bundesbürger kauft jedes Jahr 28 Kilogramm Textilien (Quelle: Bund für Umwelt und Naturschutz) und gibt dafür 800 Euro im Jahr aus (Statistisches Bundesamt). Was auf dem Klamottenmarkt los ist, belegt der Rückblick: Innerhalb der letzten 15 Jahre hat sich die Menge der gekauften Kleidungsstücke etwa verdoppelt, die Ausgaben sind aber kaum gestiegen: immer mehr, immer billiger! Die Umweltorganisation Greenpeace nennt den Trend, der in den Hersteller-Ländern, vornehmlich in Asien, oft auch zu katastrophalen sozialen Zuständen führt, "Fast Fashion" in Anlehnung an Fast Food. Da viele Kleidungsstücke sehr billig sind, werden sie nach kurzem Tragen ausgemustert und durch neue ersetzt. Der Massenmarkt treibt Händler und Produzenten zu immer ausgefeilteren Verkaufskonzepten mit bis zu 20 Kollektionen im Jahr; im gleichen Zug wächst der Druck auf die Produzenten.

Der einzige Ausweg aus dem Teufelskreis ist nach Ansicht der Umweltschützer ein bewussterer Umgang mit dem Gut Kleidung. Weniger kaufen, eher hochwertige Ware aus dem Fachgeschäft. Länger nutzen und nach dem Tragen zur Zweitverwendung abgeben.

Möglichkeiten zur Zweitverwertung von Kleidung

Container Altkleider-Container stehen in jedem Ort. Meist werden sie von gemeinnützigen Organisationen (Rotes Kreuz) aufgestellt, womit gewährleistet ist, dass die Kleiderspende wirklich Bedürftigen zugute kommt. Es gibt auch schwarze Schafe, die mit guten Altkleidern Profit machen. Allerdings landet auch in "guten" Containern oft Müll und das kann im schlimmsten Fall den Inhalt der ganzen Box unbrauchbar machen. Sammlungen Textilien und Schuhe werden manchmal direkt gesammelt. Das generelle Problem ist, dass der "Spender" nicht weiß, wo seine Gaben landen. Zwar wird nach einer Studie des Fachverbandes Textilrecycling von den 1,1 Millionen Tonnen Alttextilien, die in Deutschland jedes Jahr gesammelt werden, mehr als die Hälfte direkt wiederverwendet, also weiter getragen. Aber knapp die Hälfte wird zu minderwertigen Produkten verarbeitet oder verbrannt. Der Grund: Mischfasern der Stoffe lassen sich nicht mehr oder nur mit großem Aufwand trennen. Auch darauf kann man schon beim Kauf achten. Kleiderkammer Das Rote Kreuz und andere Organisationen betreiben Kleiderkammern. Dort wird gut erhaltene Kleidung an Bedürftige abgegeben. Obwohl sie in der Regel die Berechtigung haben, nutzen viele Menschen mit Fluchthintergrund die Kleiderkammern kaum - sei es aus Unkenntnis oder aus Scham. Wohlfahrtsverbände und private Initiativen helfen direkt. Das kommt ganz sicher beim "Richtigen" an