Na, schon Mal mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen? Hut ab, das hat sicher Überwindung gekostet. 3500 Mal kann man sich aber nicht überwinden. So oft ist Carsten Engelbrecht bereits kontrolliert gen Erdboden gestürzt. Er springt nicht jeden Tag, aber rechnet man es hoch, bedeutet das auf knapp zehn Jahre täglich einen Sprung ohne Unterbrechung.

Angefangen hat er allerdings mit einer gefährlicheren Sportart: "Ich habe mit 14 Jahren das Segelfliegen gelernt", erklärt er. "Da wollte ich Sicherheit." Deswegen habe er sich entschieden, das Fallschirmspringen zu lernen. Eines noch vorneweg: Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, der Flugsport sei ein extrem gefährliches Unterfangen. Heutzutage gelten hohe Sicherheitsstandards, die viele Unfallrisiken minimieren. Dennoch: "Bei Lebensversicherungen wird Fallschirmspringen nicht als gefährliche Sportart gewertet im Gegensatz zum Flugsport", erklärt der 45-Jährige.

Denn Fallschirmspringen ist vor allem in seiner jüngsten Geschichte immer sicherer geworden: "Bei 225 Meter Höhe öffnet sich der Fallschirm automatisch", sagt Engelbrecht. Der Öffnungsautomat "Cypres" der deutschen Firma Airtec ist mittlerweile Standard in den meisten Fallschirmen und laut Engelbrecht "hochgradig zuverlässig." Außerdem besteht das Gurtzeug aus zwei Teilen: Im unteren Teil befindet sich der Hauptschirm, im oberen der Reserveschirm. "Gefahr entsteht meist eher dadurch, dass man das Gerät falsch bedient." Nach 3500 Sprüngen gab es bei Engelbrecht nur fünfmal Probleme mit dem Hauptschirm, so dass er die Reserve benötigte.

Wenn man es darauf anlegt, kann es aber durchaus gefährlich werden: Im freien Fall können bei entsprechender Körperhaltung weit über 300 Stundenkilometer erreicht werden. Diese Disziplin nennt sich Speedskydiving , der Weltrekord liegt sogar bei 526,93 Stundenkilometer. Hier kommt man in einen Bereich der Extreme: Man stelle sich vor, der Fallschirm öffnet sich bei einer solch hohen Geschwindigkeit - die Belastung für den Körper durch das ruckartige Abbremsen wäre viel zu hoch. Aber mit normalen Fallschirmspringen hat das wenig zu tun.

Zwar hat Engelbrecht auch schon Geschwindigkeiten von 340 Stundenkilometern erreicht, ganz einfach, weil er es ausprobieren wollte. Es gibt aber eine andere Disziplin, die ihm besser gefällt: Das Formations-Fallschirmspringen mit mehreren Sportlern. "Allein wird es irgendwann öde. Fallschirmspringen ist auch ein Gemeinschaftssport", sagt Engelbrecht. Das trifft sich gut, denn so kann er seine Leidenschaft mit seiner Frau Silke Pilartz-Engelbrecht teilen. Die ist ihrem Mann am Anfang entgegen gekommen: "Es ist ein sehr zeitaufwendiges Hobby." Was also tun, damit man auch in seiner Freizeit etwas voneinander hat? "Dann macht man halt mit", sagt sie und lacht. Heute hat die 50-Jährige bereits über 1000 Sprünge absolviert. Gemeinsam mit Freunden trainieren die beiden und nehmen an Freifall-Formations-Wettbewerben teil.

Zu erzählen gibt es allemal viel: zum Jahreswechsel 2011/ 2012 waren sie in Dubai und sind über der berühmten Palme abgesprungen, einer künstlich angelegten Insel vor der Küste. "So etwas vergisst du nie", sagt Carsten Engelbrecht. Ein weiterer Höhepunkt seiner langen Springerkarrierre (angefangen hat alles 1987 mit einer Ausbildung bei der Bundeswehr) war 1998 ein Absprung über dem US-Bundesstaat Florida: Dort konnten sie den Weltraumflug eines Space Shuttles beobachten, das von Cape Canaveral aus gestartet war. "Stahlblauer Himmel, in etwa 40 Kilometer Entfernung fliegt die Raumfähre vorbei und meine Frau und ich sind gerade im freien Fall", erinnert er sich und grinst. "Das war reiner Zufall und wir hatten Riesenglück, dass wir genau zum richtigen Zeitpunkt in der Luft waren."

Aber was macht den Reiz an dieser Sportart noch aus, wenn man derlei erlebt hat und, vor allem, wenn man bereits 3500 Sprünge hinter sich hat? "Es macht immer noch Spaß", sagt Carsten Engelbrecht. Es gebe so viele Variationen beim Fallschirmspringen, da könne man sehr viel ausprobieren.

Ein wesentlicher Punkt, warum viele diesen Sport machen, sei außerdem die Möglichkeit, komplett vom Berufsleben abzuschalten zu können. Man sei für ein ganzes Wochenende oder während eines Urlaubs "in einer völlig anderen Welt und spricht kaum über seinen Job." Außerdem werde man stressresistent, denn Fallschirmspringen ist weniger an körperliche, sondern mentale Voraussetzungen geknüpft. "Man lernt viel besser, mit sich selbst umzugehen, sich zu kontrollieren." Und natürlich ist es laut Engelbrecht ein ganz besonderes Gefühl, aus 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug zu springen und 60 Sekunden freien Fall zu erleben.

Zwar braucht es etwas Mut dazu, aber alle Fallschirmspringer machen das auch mit dem Gefühl: Ich habe die Kontrolle, ich weiß, was ich tue. "Der Kick ist nicht: Geht der Fallschirm auf oder nicht? Wir sind ja nicht lebensmüde", sagt Engelbrecht.

Er weiß, wovon er redet: Der 45-jährige Unternehmensberater ist Ausbildungsleiter des Fallschirm-Sport-Zentrums in Haßfurt. An seiner Erfahrung hat er bereits über 200 Schüler teilhaben lassen. Es geht vor allem darum, Sicherheit zu vermitteln. Und die ist mittlerweile sehr hoch: "Bei etwa 300 000 Sprüngen pro Jahr in Deutschland liegt die Zahl der Unfälle im Promille-Bereich."