Sie aßen Pizza, tranken zusammen Bier, Sekt, Schnaps und spielten am Computer sogenannte Ego-Shooter-Spiele, bei denen man den Gegner erschießen oder mit dem Messer attackieren muss. Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil können die meisten jungen Männer, die solche Spiele spielen, durchaus zwischen virtueller und echter Gewalt unterscheiden. Dass es in der Nacht vom 19. auf 20. November 2011 in einem Ort im Landkreis Haßberge aber dann doch zu echter Gewalt kam, hätten sich fünf Männer zwischen 20 und 23 Jahren sowie eine 24-jährige Frau nicht träumen lassen.

Die Partygesellschaft feierte friedlich in der Wohnung und im Büro eines jungen Unternehmers in einem Ort im Landkreis Haßberge. Doch alles änderte sich, als die jungen Leute gemeinsam zum Rauchen nach draußen gingen. Dort stieß nämlich ein 29-jähriger Unbekannter zu der Gruppe. Er hatte eine Wodkaflasche dabei und bot sie den anderen an. Einige tranken mit. Auffällig war die Trinkfestigkeit des kräftig gebauten, ungebetenen Gastes, der fast die ganze Flasche in einem Zug leerte. Als der Unbekannte nach dem Rauchen einfach mit in die Wohnung ging, störte sich zunächst niemand daran. Als sich aber die Feier langsam auflöste und der Mann immer wieder auf der Couch einschlief, wurde den Anderen die Situation doch unangenehm. Sie forderten den Störenfried auf zu gehen. Zunächst höflich, dann immer unhöflicher. Einer soll im lokalen Dialekt etwas wie "Geh weg, du Aff`!" gesagt haben. Doch der ungebetene Gast ging einfach nicht.

Keiner der fünf jungen Männer - einige von ihnen sind durchaus muskulös - brachte es fertig, den 29-Jährigen zu vertreiben. Ausgerechnet einer der Schmächtigeren, der 22-Jährige Patrick F. (Name geändert), ergriff die Initiative und sagte: "Geh' jetzt, das ist hier kein Hotel."


Mit Messer in den Hals gestochen



Die Situation eskalierte. Der Unbekannte wurde aggressiv, schlug zunächst den Gastgeber mit der Faust nieder, dann auch Patrick F. Schließlich schnappte sich der 29-Jährige ein Buttermesser aus der Küchenzeile und fing an, damit bedrohlich vor Patrick F.s Gesicht herumzufuchteln. Irgendwann griff auch dieser zu einem Messer aus einem hölzernen Messerblock, fuchtelte ebenfalls vor dem Gesicht seines Kontrahenten herum und stach ihm schließlich in den Hals.

Der ungebetene Gast trug eine elf Zentimeter lange Stichwunde davon. Weil die Messerklinge nur etwa acht Zentimeter lang ist, muss der Schnitt eine gewisse Wucht gehabt haben. Weil Schnitte in den Hals die Luftröhre oder Halsschlagader treffen können, ist es nur ein glücklicher Zufall, wenn das Opfer den Angriff überlebt.

Trotzdem, so schilderten die Zeugen später vor dem Gericht übereinstimmend, sei der Angegriffene auch nach dem Schnitt noch aggressiv gewesen und habe nicht gehen wollen. Der Gastgeber musste ihn schließlich mit Hilfe einer Metallstatue und eines Holzrahmens aus der Wohnung verbannen.

Die gesamte vorher friedliche Partygesellschaft geriet in Panik, man rief die Polizei und den Notarzt. Allerdings ließ die Polizei eine Dreiviertelstunde auf sich warten. Die Dienststelle war an diesem Abend im November 2011 offenbar schwach besetzt, die Beamten mussten von einem anderen, weit entfernten Einsatzort durch dichten Nebel herfahren.


Bewaffnet auf die Polizei gewartet



Im Gerichtssaal wurden am Dienstag die zahlreichen, immer verzweifelteren Notrufe abgespielt. "Wann kommt denn endlich jemand?", hieß es immer wieder. Der Gastgeber gab vor Gericht zu, er habe sich ein großes Messer aus der Küche geholt und es so lange in der Hand behalten, bis die Polizei kam.

Eine akute Lebensgefahr bestand für das 29-jährige Opfer nicht, sagte ein rechtsmedizinischer Gutachter vor Gericht. Allerdings gehen Gerichte bei Stichen gegen den Hals in der Regel von einem versuchten Totschlag aus, da der Täter den Tod seines Opfers zumindest in Kauf nimmt. Am Tag nach dem Vorfall wurde Patrick F. festgenommen und saß ab diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft.

Die Zeugenaussagen vor Gericht machten allerdings unmissverständlich klar, dass die Aggression zuerst vom Angegriffenen selbst ausging. "Es schien eher eine Notwehrsache zu sein", schilderte ein Polizist, der nach dem Vorfall an den Einsatzort kam, seinen Eindruck. Das 29-jährige Opfer hatte zum Tatzeitpunkt etwa zwei Promille Alkohol im Blut. Auch der Angeklagte war mit rund 1,9 Promille heftig angetrunken.


Fünf gegen einen



Vorsitzender Richter Manfred Schmidt wunderte sich, warum fünf junge Männer es nicht schafften, einen einzelnen Betrunkenen aus der Wohnung zu werfen. Diese begründeten es damit, dass der ungebetene Gast ohne Gewalt wohl nicht gegangen wäre, die meisten von ihnen gewalttätigen Situationen aber grundsätzlich aus dem Weg gingen, wie sie sagten.

"Die ganze Truppe war von der Situation überfordert", resümierte der Richter, nachdem alle Zeugen gehört worden waren. Vor diesem Hintergrund wollten weder die Schwurgerichtskammer noch der Oberstaatsanwalt Bernd Lieb von einem versuchten Totschlag ausgehen. In Absprache mit der Verteidigerin von Patrick F., Rechtsanwältin Kerstin Rieger, einigten sie sich darauf, das Verfahren einzustellen und den 22-Jährigen aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Im Gegenzug muss der auf eine Haftentschädigung verzichten und 500 Euro für gemeinnützige Zwecke spenden. Dies fällt dem jungen Handwerker, der nicht vorbestraft ist, sichtlich leicht. Vor dem Gerichtssaal fiel er all seinen Kumpels in die Arme.