Die Klosterfrau, die am 18. September 1875 starb, war nicht die Letzte ihres Geschlechts, wie dies vielfach behauptet wird, hat Lipp herausgefunden. In den "Geschichtlichen Nachrichten" von Altenstein sei auch ihr Sterbedatum falsch angegeben.

Im Diözesanarchiv Würzburg ist für sie als Todestag der 18. September angegeben. Dort heißt es in der Sterbematrikel des Pfarramts Pfarrweisach: "Maria Louise Freiin von Stein zum Altenstein / Stiftsdame, kath. / (Wohnort:) Pfaffendorf / ledig / (Todesursache:) Lungenentzündung, 4 Tage / (Sterbetag:) 18. Septbr. 1875, früh 2 Uhr / ... / (Alter:) 76 Jahre 4 Mon. / Thomann, Pfr. / provisa / Mit ihr erlischt das uralte Geschlecht der Frh. Von Stein zum Altenstein. R. I. P."

Spitzname "Lulu"


Maria Louise wurde am 21. September, auf dem Friedhof von Pfaffendorf neben ihren Vorfahren beigesetzt. Man darf sicher sein, meint Günter Lipp, dass die Anteilnahme der Bevölkerung echt und groß war, denn Louise von Stein soll in die Häuser gegangen sein und sich um die Armen gekümmert haben, genau wie es beispielsweise auch Julie von Rotenhan in Rentweinsdorf tat. Geboren war die letzte Stein zum Altenstein der fränkischen Linie am 10. Mai 1799 in Pfaffendorf als "gnädige Herrin Maria Ludovica de Stein ab. Altenstein". Sie soll noch die weiteren Vornamen Karoline Johanna getragen haben. In der Familie nannte man sie kurz "Lulu". Ihre Eltern waren der großherzoglich-toskanische Kämmerer Freiherr Christoph Franz und seine zweite Ehefrau Friederike, eine geborene von Rottenhof und verwitwete von Brentano.

Louise von Stein gehörte, wie Lipp im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München herausbekam, einem hohen bayerischen Damenorden, dem St.-Anna-Orden an. Der hatte zwei Stifte, also Ordenszentren, eines in München und eines in Würzburg. Das Würzburger Stift war 1683 von der Reichsgräfin Anna Maria von Dernbach, begründet worden, deren Ehe kinderlos blieb. Ordens-Zweck war "die Verehrung Gottes und die Feier des Andenkens der Stifterin".

Junge Damen sollten in einer geistlichen Gemeinschaft ferner "zu geistlichen und adeligen Tugenden und Wissenschaften" erzogen werden. Die Ordensmitglieder waren in zwei Kategorien eingeteilt. Zur I. Klasse gehörten ursprünglich vier adelige, zur II. Klasse acht nichtadelige Damen.

Im Stadtschloss, das in der Pfarrei St. Peter lag, waren sie wohl versorgt. Sie erhielten freie Wohnung und Kleidung und bezogen aus dem Stiftsvermögen ein jährliches Einkommen.

Diese sogenannte "Präbende" betrug um 1850 in der I. Klasse 600 Gulden, in der II. Klasse 300 Gulden. Wenn man vergleicht, dass damals ein Landschullehrer, der auch noch Dienst als Organist und Gemeindeschreiber zu versehen hatte, nach 40 Jahren 525 Gulden verdiente, so war das ein recht beachtliches "Taschengeld", urteilt der Heimatpfleger.

Natürlich waren die Plätze im Orden sehr begehrt. Ihre Zahl wurde nach 1814 auf sieben Töchter aus Adelsfamilien, sowie 14 aus nichtadeligen Familien von Staatsdienern des ehemaligen Großherzogtums Würzburg erhöht. In der Akte "Gesuche um Verleihung von Damenstiftpräbenden" finden sich zahlreiche bekannte Familien aus dem Eberner Raum, wie die von Hutten, die von Thüngen, die von Guttenberg aber auch die bürgerliche Forstratstochter Josepha Dessloch aus Bramberg.

Wer aufgenommen werden wollte, musste älter als zehn Jahre und unbescholten sein, für die I. Klasse acht adelige Ahnen aufweisen, und der Vater musste im königlichen Zivil- oder Miltärdienst gestanden und sich verdient gemacht haben. Schließlich musste Bayerns König persönlich seine Zustimmung zur Aufnahme in den Orden geben.

Markantes Stiftskreuz


Die Stiftsdamen trugen an der linken Schulter ihrer schwarzen Tracht das Stiftskreuz. Es war aus Gold und hatte abgerundete, weiße, rot umrandete Arme. darauf stand: "Dem Verdienst der Väter / in ihren edlen Toechtern". Das Würzburger Kreuz war an einer Doppelschleife aus feuerroter Seide befestigt, die einen silbernen Seitenstreifen hatte. An besonderen Feiertagen wurde es an einem schräg rechts laufenden Schulterband getragen, allerdings durften das nur die adeligen Damen.

Die Statuten des Ordens wurden mehrfach geändert. Zuletzt hat sie König Ludwig II. am 30. Juni 1867 bei einem Aufenthalt in Schloss Banz festgesetzt. Das Damenstift zu St. Anna in München setzt heute als staatlich verwaltete Stiftung des öffentlichen Rechts die Tradition des St.-Anna-Ordens fort. Noch heute findet dort einmal im Monat ein Gottesdienst für adelige Damen statt.

Schon Caroline von Stein (1764 - 1845), die Tante von Marie Louise, war Stiftsdame gewesen und auch ihre jüngere Schwester Sophie (1801 - 1863) gehörte dem St. Anna-Orden an. Von ihr heißt es: "Dieselbe hielt sich während des Winters in Würzburg auf, wo sie starb mit christlicher Ergebung und mit den Sterbesakramenten versehen." Es ist anzunehmen, dass beide in Pfaffendorf beerdigt wurden. Offenbar rückte Marie Louise von Stein vor allem wegen der schwierigen finanziellen Verhältnisse der Familie von Stein zum Altenstein gleich nach dem Tod ihrer Schwester in den St.-Anna-Orden nach.

Ihre Ahnenprobe ist im Februar 1864 vom Kgl. Bayerischen Reichsheroldsamt geprüft und problemlos bestätigt worden. Sie konnte mit Charlotte von Derbach sogar eine Urgroßmutter aus der Gründerfamilie nachweisen. Damit war sie für ihre letzten Jahre wohl versorgt.

Geschlecht lebte fort


Marie Louise war die Letzte von Stein zum Altenstein aus der fränkischen Linie gewesen. In Belgien lebte das uralte Geschlecht noch bis 1982 fort.

Der Pfaffendorfer Sonderschulrektor Hermann Rupprecht hat Günter Lipp vor Jahren folgendes erzählt: Um 1955 sollte der Grabstein von Marie Louise restauriert werden. Als man ihn aber hochheben wollte, zerbröselte er zu Sand. Rupprecht hatte sich jedoch noch die Inschrift gemerkt. Sie soll gelautet haben: "Hier ruht in Gott Marie Louise Freiin von Stein zum Altenstein, geb. d. 10. Nov. 1799, gest. den 18. Sept. 1875. Ruhe ihrer Asche." pp