Beim Abendsymposium des Historischen Vereins des Landkreises Haßberge in Sand stand ein geheimnisvolles "Volk" im Dunkel der Geschichte im Blickpunkt: die Epoche um Christi Geburt mit der Kernfrage, wie sich der Wandel von den Kelten hin zu den Germanen vollzog. Gibt es dafür Zeugen der Geschichte?

In der Feldbegehung zu auffälligen Landmarken in der Umgebung des alten Maintals zeigte sich zu Beginn am Beispiel des steilen Mäanderprallufers zwischen Sand und Limbach, dass seit der Vorgeschichte große Flächen mit hoher Siedlungsgunst durch den Main abgetragen und umgelagert, archäologische Spuren somit "vernichtet" wurden. Auch fernab des Flusses zeigte sich den Geschichtsinteressierten, dass die ohnehin sehr spärlichen Spuren der Vorfahren inzwischen durch Ackerbau und Erosion nicht mehr erkennbar sind.
Folglich ist es unmöglich, über die wenigen archäologischen Funde die einstige Besiedlung verlässlich zu rekonstruieren.
Es gibt aber eine feste Größe: Zahlreiche Grabhügel, etwa entlang der A70 um Horhausen, sowie Höhenbefestigungen (Knetzberge, Schwedenschanze) legen nahe, dass die Gegend vor über 2000 Jahren dicht besiedelt gewesen sein muss. Auffallend ist jedoch, dass ausgerechnet aus der letzten Phase der keltischen Epoche fast keine Artefakte erhalten sind.


Flache Brandgräber

Hierauf gab der erste Vortrag des Abends eine Antwort. Der Wissenschaftler und Leiter des Steinsburgmuseums bei Römhild, Mathias Seidel, sprach die veränderte Begräbnissitte an: Im Gebiet des Landkreises Haßberge haben "die Kelten" in den letzten beiden vorchristlichen Jahrhunderten auch aus diesem Grund kaum etwas hinterlassen. Denn anstelle der Schutz bietenden Grabhügel legten sie nun flache Brandgräber an, die nach Jahrhunderten der "Überackerung" nicht mehr erkennbar sind. Seidel zeigte an Ausgrabungen in einer Kirche in Walldorf bei Meiningen, dass die Menschen heute auch unter der modernen Bebauung stets mit Siedlungsspuren aus der Vorgeschichte rechnen müssen.

Auf die Kernfrage des Abends, wie man sich den Epochenwandel von den Kelten zu den Germanen vorzustellen hat, musste er gestehen, dass die Vorgänge nicht ausreichend erforscht wurden. Von den alten Vorstellungen regelrechter germanischer Eroberungskriege in Richtung Süden sowie eines aussterbenden keltischen Volkes muss man sich verabschieden.


Ein kultureller Wandel

Es war vor allem ein kultureller Wandel, der sich sogar ohne rapiden Bevölkerungswechsel vollzogen haben könnte. Vielleicht 80 Prozent der Einwohner könnten verblieben sein, schätzte es Seidel grob ein.
Eine stärkere Massenbewegung vermutet hingegen der Sprachwissenschaftler Joachim Andraschke, der den zweiten Vortrag hielt über lautliche Relikte. Er fand im Zuge seiner Doktorarbeit zahlreiche Alt-Belege in den Archiven und zieht Rückschlüsse: Viele Ortsnamen in der Heimat lassen sich bis in die ersten Jahrzehnte nach Beginn unserer Zeitrechnung datieren. Andraschke belegt, dass etwa Ortsnamen mit der Endung "heim" nicht etwa erst seit fränkischer Zeit (also nach 531 n. Chr.) vergeben wurden, sondern viel älter sein können. Zudem sind Ortsnamen mit der Endung "leben" keineswegs nur thüringischen Ursprunges, wie man lange Zeit annahm und wie es noch vielfach zu lesen ist.

Zahlreiche Siedlungen im Kreis tragen auch Namen ostgermanischer Herkunft, was den einst in hier siedelnden Burgundern zugeschrieben werden kann. Doch aus keltischer Epoche gibt es bislang noch keinen einzigen Siedlungsnamen, der zweifelsfrei erhalten blieben. Auch das ist ein Rätsel, das noch nicht gelöst werden konnte. Vielleicht sprachen ja sogar die Kelten unserer Region gar kein "keltisch"? Die ist mangels schriftlicher Aufzeichnungen kaum erforscht. Die Sprachrelikte aus Nordfrankreich oder von den britischen Inseln, wurde in Andraschkes Vortrag klar, dürfen keineswegs nach Mitteleuropa übertragen werden, denn ein "Volk" im genetischen Sinne waren die Kelten ohnehin nicht. Ebenso wie bei den Germanen wurden die "Völkernamen" von außen, also den alten Griechen oder Römern, vergeben.

Die Ahnen sahen sich selbst in zahlreichen Stämmen mit jeweils eigener Identität. In der hiesigen Region sind etwa um Christi Geburt die Stammesnamen der Markomannen und kurz darauf die der Hermunduren überliefert.
Mitorganisiert hatte den Abend die Interessengemeinschaft "Brennos Freunde" aus Sand. In originalgetreuen Gewändern und mit rekonstruierten Waffen hatten die Vereinsmitglieder einen beeindruckenden Auftritt, der im vollbesetzten Saal spontanen Applaus hervorrief. Sie berichteten zudem von ihren Unternehmungen, die sie zu historischen Stätten in ganz Deutschland führen. "Wanderlust" hatten ja auch die "echten" Kelten, von denen einige Stämme der Überlieferung nach um 387 v. Chr. unter Führung eines Fürsten namens "Brennos" plündernd nach Rom zogen. Jürgen Klauer aus Sand steht bei Interesse gerne zur Verfügung.
Seinen Schlussvortrag fasste Mark Werner, der Abend moderiert hatte, kurz. Er zitierte am Ende: "Wenn man in einem Grab einen Cowboyhut entdeckt, weiß man deshalb noch nicht, ob es sich beim Bestatteten um einen Amerikaner handelte. Man kann jedoch daraus schließen, dass er zumindest ein Westernfan war. Ob er allerdings englisch sprechen konnte, bleibt unbekannt."