Bei Wörtern wie "City" oder "Town" mögen ihnen die Ohren geklingelt haben, doch die 22 Gäste waren viel zu diszipliniert, um sich ihr Amüsement über diese Bezeichnung anmerken zu lassen: "Stadt". Keine 24 Stunden zuvor waren sie in der 24-Millionen-Einwohner-Metropole Neu Delhi (Indien) ins Flugzeug gestiegen, um Deutschland kennen zu lernen. Etwa 7000 Kilometer Luftlinie Entfernung, siebeneinhalb Flugstunden bis Frankfurt und eine Busfahrt durch ungewohnt viel Grün hatte die Gäste auf eine völlig andere Welt vorbereitet. Ebern heißt das Ziel ihres Schüleraustausches, 7500 Einwohner, gerade mal doppelt so viele, wie die Schülerzahl in der "Delhi Public School Ghaziabad". Allein der Vorort, in dem die Schüler zuhause sind, zählt drei Millionen Einwohner.
20 Schüler von 14 und 15 Jahren stehen, adrett gekleidet in weiße Schuluniformen, vor dem Rathaus, einem Bauwerk dessen seltsame Holzkonstruktion die Jugendlichen fasziniert. "Fachwerk", erfahren sie. Alles, was mit Technik und Wirtschaft zu tun hat, interessiert die Jugendlichen, das merkt Bürgermeister Robert Herrmann (CSU) sogleich. Er hat zum Empfang geladen, berichtet den Gästen über die Geschichte der Stadt, ihre Bevölkerungsstruktur und die Wirtschaft.

Relative Hitze


Thomas Steinmetz, Chemie- und Geografielehrer am Eberner Friedrich-Rückert-Gymnasium, gibt den Dolmetscher. Dabei kommt er ganz schön ins Schwitzen. Über die detaillierten Fragen der Schüler in fließendem Englisch, aber auch wegen der Temperaturen um die 30 Grad, die an diesem Tag in den Haßbergen herrschen. "Das ist bei uns nicht üblich", sucht sich der Bürgermeister zu rechtfertigen, während er Erfrischungsgetränke anbietet. "Kein Pro blem" geben die Lehrerinnen Kala Nagarkoti und Geeta Badhwar zu verstehen, die sich für den Empfang eigens in indische Saris gewickelt haben: "Bei uns sind es gerade 45 Grad; uns ist also eher kalt heute."
Lehrer Steinmetz und seine Kollegin Julia Rogner sind die Betreuer des vierzehntägigen Austauschs. Sie werden die Gäste zu Ausflügen nach Nürnberg, München und zum BMW-Werk in Dingolfing begleiten. In Neuschwanstein und am Rheinfall wird das typische Bild von Deutschlands Sehenswürdigkeiten bedient, und auch das Folter-Museum in Rothenburg, Lenggries im Allgäu sowie eine Hochzeitsfeier stehen auf dem Programm.

Premiere für Ebern



Zwischendrin besuchen die indischen Jugendlichen natürlich auch den Unterricht in Ebern, hören einen Vortrag des Bürgermeisters über alternative Energie und schnuppern in typisch deutsches Leben in den Privatfamilien hinein, in denen sie untergebracht sind. Dabei muss sich mancher Gastgeber umstellen, denn McDonalds oder ein deftiger Schweinebraten werden bei Vegetariern und Veganern eher nicht so ankommen. Doch alles kein Problem, denn über Facebook und Skype kennt man sich bereits. Der Austausch kam mit Unterstützung des Goethe-Instituts und der Robert-Bosch-Stiftung zustande, eine Premiere für Ebern, wie Klauspeter Schmidt sagt, der Leiter des Eberner Gymnasiums. Für den November ist der Gegenbesuch der Eberner Schüler auf der anderen Seite der Weltkugel geplant.