Den 6. und 7. August 2009 wird ein heute 24 Jahre alter Mann, der damals im Landkreis Haßberge lebte, sein Leben lang in äußerst übler Erinnerung behalten. Denn es waren die wohl bislang schlimmsten Tage im noch jungen Leben des damals 14-Jährigen, der vor knapp zehn Jahren ein Praktikum in einem Haßfurter Betrieb absolvierte und dabei in einer Lagerhalle zusammen mit einem damals 30-jährigen Lageristen zusammenarbeitete. Jeweils am Ende des Arbeitstags, am späten Nachmittag, zerrte der 30-Jährige sein Opfer in einen dunklen Nebenraum, wo er sich an dem Jugendlichen verging.

Am Montag musste sich der heute 40-Jährige aus dem Landkreis Schweinfurt vor dem Landgericht in Bamberg verantworten, das ihn wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilte. Außerdem muss der Angeklagte 9000 Euro Schmerzensgeld zahlen und die Kosten der Nebenklage übernehmen.

Opfer schwieg aus Scham jahrelang

Das Opfer schaffte es erst im Oktober vergangenen Jahres, seinen Peiniger anzuzeigen, der seitdem in Untersuchungshaft sitzt. Der 24-Jährige sagte vor Gericht, dass er aus Scham die Taten über Jahre verschwiegen habe. Erst als er befürchtete, die Taten könnten verjähren, entschied er sich in einer E-Mail an einen ihm bekannten Polizeibeamten, die Gräueltaten ans Licht zu bringen.

Auf der Anklagebank gab der Angeklagte ein Teilgeständnis ab. Er gestand, sexuelle Handlungen ausgeführt zu haben, leugnete aber eine Vergewaltigung. Die bestätigte jedoch der Geschädigte, der teilweise unter Tränen im Beisein seiner Anwältin aussagte. Der Angeklagte habe ihn an der Hand in den Nebenraum gezogen, eingesperrt und das Licht ausgemacht. Anschließend habe er sich einen Doktorkittel angezogen und seinen Oberkörper mit einem Stethoskop abgehört. Danach habe er ihn missbraucht. Er habe sich wehren wollen, aber der körperlich überlegene Angeklagte habe immer wieder seinen Kopf und Oberkörper zurückgestoßen. Schließlich habe er sich gefühlt, als ob er über seinem eigenen Körper schweben würde und die Tat sei wie ein Film vor seinen Augen abgelaufen.

Opfer leidet bis heute unter den Gräueltaten

Nach der Tat habe er geweint und Schmerzen gehabt, sei aber am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen, da es der letzte Tag des Praktikums war und sein strenger Vater darauf gedrängt habe. Am Tag darauf habe sich die Tat fast genauso wie am Vortag wiederholt, gab er zu Protokoll. An Einzelheiten könne er sich jedoch nicht mehr erinnern. Bis heute leide er unter den Taten, sagte das Opfer. Er habe sich nicht im Spiegel ansehen können. Er habe Probleme, zum Arzt zu gehen. Wenn er es schaffe, dann müsse der Arzt seinen Kittel ausziehen. Auch in der Dunkelheit oder vor dunklen Räumen habe er Angst. Er habe danach Anfälle gehabt, bei denen sein Körper verkrampfte. In der Beziehung mit seiner späteren Freundin habe es sexuelle Probleme gegeben.

Der Angeklagte versuchte ein weiteres Mal, sich an einem anderen Jugendlichen zu vergehen, der jedoch zuvor fliehen konnte. In seinem Bundeszentralregisterauszug stehen keine Straftaten. Ein Arzt der Bezirksklinik Werneck attestierte dem Angeklagten ein einfaches Intelligenzniveau. Er habe den qualifizierenden Hauptschulabschluss in der Tasche und habe eine Lehre erfolgreich beendet, weshalb er keinesfalls schwachsinnig und daher voll schuldfähig sei. Sexuelles Interesse an Minderjährigen habe er keines mehr. Er sei seit Mai 2018 mit einem Mann fest zusammen.

Angeklagter nutzte schutzlose Lage seines Opfers aus

Der Staatsanwalt hielt in seinem Plädoyer dem Angeklagten zugute, dass die Taten bereits fast zehn Jahre zurückliegen und er Reue gezeigt habe. Dennoch habe er nur ein Teilgeständnis abgelegt, so dass dem Geschädigten eine umfangreiche Aussage vor Gericht nicht erspart blieb. Der Angeklagte habe die schutzlose Lage seines Opfers ausgenutzt - mit erheblichen Folgen, sagte der Anklagevertreter und forderte eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, die das Gericht so übernahm.

Die Anwältin des Opfers, Manuela Denneporg, sagte, dass die Folgen der Taten nicht mit einem Schmerzensgeld zu beseitigen seien. Ihr Mandant habe "lebenslang". Verteidiger Norman Jakob hielt eine Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten für angemessen, da der Tatvorwurf der Vergewaltigung nicht erwiesen sei. Zudem habe es der Angeklagte als homosexueller Kinderschänder im Gefängnis nicht leicht.

Das Gericht glaubte der Aussage des Geschädigten und ging in seinem Urteil von zwei Vergewaltigungen aus. Richter Markus Reznik bezeichnete den Antrag des Staatsanwalts als "maßvoll". Der Geschädigte habe in dem dunklen Raum einen Albtraum erlebt. "Die Mühlen der Justiz mahlen langsam - aber sie mahlen" sagte der Richter.

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