Die Fränkische Weinkönigin Christin Ungemach besuchte das Abt-Degen-Weintal (so nennt sich das hiesige Weinanbaugebiet mit Zeil und Sand im Zentrum). Seit etwa vier Wochen bekleidet die 22-Jährige aus Nordheim im Kreis Kitzingen ihr neues Amt, sie überzeugt durch Fachwissen und Charme. Der Grund ihrer Stippvisite: Die Winzerfamilie Martin aus Ziegelanger pflanzte auf einer Terrassenanlage zwischen Ziegelanger und Steinbach einen gemischten Satz historischer Reben. Was hat es damit auf sich?

Früher war es üblich, verschiedene Rebsorten auf einem Weinberg anzubauen, um den Ertrag zu sichern. Doch heute ist das auf Grund der Züchtungen und der Klimaveränderung nicht mehr nötig. So entwickelte sich allmählich die Reinkultur im Weinberg. Dabei sind im Laufe der vergangenen Jahrzehnte sehr viele Rebsorten verschwunden. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 200 verschiedene, darunter solche Schätze wie der Weiße Heunisch oder der Blaue Tokayer. Letzterer wurde ein paar Kilometer weiter in Steinbach wieder entdeckt, als man ihn schon verloren glaubte. Um diese alten Sorten vor dem "Aussterben" zu bewahren, setzt sich die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) ein.

Allen voran Weinbautechniker Josef Engelhart. Seit 14 Jahren widmet er sich dem Erhalt der Sortenvielfalt. Er betreut als Mitarbeiter des Sachgebiets Weinbau und Qualitätsmanagement frankenweit Winzer und versorgt sie bei Interesse mit seltenen Reben. Diese werden dann oft auf besonderen Lagen gepflanzt - so wie in Ziegelanger.

Die Terrassen wurden bereits im Mittelalter angelegt und dienen seit jeher dem Weinbau. Doch wenn man heute genauer hinschaut, fällt auf, dass immer wieder Abschnitte nicht bewirtschaftet sind.

"Mir blutet das Herz, wenn ich solch verwahrloste Drieschen (Fachbegriff für Abschnitte) sehe", gibt Max Martin zu. Deshalb entschloss sich der junge Winzer, drei Terrassen wieder instandzusetzen. Nachdem er zusammen mit seinem Vater Erich und seinem Schwager Maik Böhnemann diese rund 1000 Quadratmeter vom Gestrüpp befreite hatte, pflanzten die drei nun 450 neue Reben. Weinbautechniker Max Martin erklärt: "Als Winzer ist es unsere Pflicht, die Terrassen als Kulturgut zu erhalten und zu bewirtschaften. Ich wollte auf dieser mittelalterlichen Lage keine moderne Züchtung anbauen, sondern das Historische bewahren". So entschied er sich für den besagten gemischten Satz. Er besteht aus historischen Rebsorten - Blauer Tokayer, Roter Silvaner, Adelfränkisch, Vogelfränkisch, Weißer Heunisch, Weißer Reuschling - und den klassische Rebsorten Grüner Silvaner, Gelber Silvaner, Blauer Silvaner, Weißer Riesling, Gelber Muskateller sowie Roter Muskateller.

"Hauptbestandteil ist der Silvaner. Er bringt rund 50 Prozent des Ertrags und gibt somit den Erntezeitpunkt der reifen Trauben vor", erzählt Max Martin. "Die anderen Sorten veredeln den Wein und verleihen ihm einen einmaligen Geschmack." Der Riesling spendet ihm eine gewisse Säure; der Muskateller steht für ein besonderes Aroma. Jede Sorte trägt ihren Anteil bei. Wichtig: Der gemischte Satz darf nur Sorten mit mittelspätem Lesezeitpunkt beinhalten. Denn später sollen möglichst alle Trauben zur gleichen Zeit reif sein. Ob das gelingt, stellt sich in drei bis vier Jahren bei der ersten Ernte heraus. "Nach fünf bis sieben Jahren sind die Reben dann so tief verwurzelt, dass sie voll im Ertrag stehen und sie ihren Trauben eine mineralische Note mitgeben", erläutert Seniorchef Erich Martin.

Der Ertrag bleibt allerdings auch dann überschaubar. Denn die Winzerfamilie handelt nach der Maxime, die die Winzer des Abt-Degen-Weintals auszeichnet: "Qualität statt Quantität". So rechnen sie im Vollertrag mit etwa 400 bis 500 Litern, je nach Wetter - zulässig wären 900 Liter! Doch die Arbeit halbiert sich natürlich nicht. Ganz im Gegenteil. Die Terrassenanlagen erfordern einen enormen Zeitaufwand. Während ein Winzer im Flachen etwa 800 bis 1000 Stunden Zeit aufwendet, um einen Hektar zu bewirtschaften, sind es in den Terrassen rund 3000 Arbeitsstunden. Alles ist Handarbeit. Da weiß der Winzer am Abend, was er geleistet hat. "Für mich ist es Entspannung, wenn ich nach getaner Arbeit, hier meine Freizeit verbringe", berichtet Maik Böhnemann.

Und damit ist er nicht alleine. Die Winzer sehen den neu gepflanzten historischen Rebensatz als ihr "Hobby". Sie wollen damit einen Beitrag zum Erhalt des fränkischen Kulturguts liefern. Deshalb bestücken sie eine mühsam zu bewirtschaftende Weinlage mit längst vergessenen Reben. Der Lohn sind herausragende Weine, die viele Weinliebhaber verzaubern und einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass das Abt-Degen-Weintal etwas Besonderes ist: ein Landstrich zum Erleben und Genießen. Mit charaktervollen, unverwechselbaren Weinen. Mit einer hochwertigen, regionalen Küche. Und einer von Weinbergen geprägten, attraktiven Landschaft. Das alles weiß im Übrigen auch die Fränkische Weinkönigin zu schätzen, die schon weitere Besuche angekündigt hat - ob privat oder "dienstlich" ließ die sympathische Weinbau-Studentin offen.

Ein eigenes Bild vom Weinbau und von den Produkten haben sich am Sonntag Hunderte von Wanderern gemacht, die beim Weinwandertag in den Weinbergen zwischen Zeil und Steinbach unterwegs war. Das schöne Wetter lockte die Naturfreunde, und natürlich ein guter Schoppen.