Es sind Stunden und Tage, die man sein ganzes Leben lang nicht mehr vergisst. Vor vier Jahren hat Corona Görlitz ihren Ehemann verloren. Plötzlich. Unerwartet. Durch einen Herzinfarkt. Von einer Minute auf die andere bricht eine Welt zusammen, Lebenspläne müssen neu geschrieben werden. Als der Ehemann von Frau Görlitz das Bewusstsein verliert, eilten Augenzeugen herbei, haben Erste Hilfe geleistet bis der Rettungsdienst eingetroffen ist. Trotz intensiver Bemühungen und Reanimation konnte ihr Ehemann leider dennoch nicht gerettet werden.

Richtig vorbereitet sein

Noch heute denkt Corona Görlitz oft an die schlimmen Momente, ist den Helfern von damals dankbar, dass sie zur Hilfe geeilt sind. Wenn sie selbst einmal in eine solche Situation kommt, anderen Menschen bei einem medizinischen Notfall helfen zu müssen, will die 56-Jährige aus Schönbrunn vorbereitet sein. "Wenn man helfen muss, ist es gut zu wissen, wie es richtig geht." Deshalb sitzt sie an diesem Vormittag zusammen mit acht weiteren Teilnehmern im Lehrsaal des Bayerischen Roten Kreuzes in Haßfurt im Kurs "Erste Hilfe 50+". Ausbilderin Simone Gilley vermittelt den Teilnehmern in drei Stunden kurzweilig und kompakt, die wichtigsten Informationen rund um Notfallsituationen und wie man in diesen richtig helfen kann.

Neu im Angebot

Herzinfarkt, Schlaganfall, starke Blutungen, Atemnot, Bewusstlosigkeit und Krampfanfälle sind dabei ebenso Thema wie stabile Seitenlage und die Herz-Lungen-Wiederbelebung (Reanimation). Drei Stunden für so viele Themen? Ja, das klappt. Denn die Erste-Hilfe-Schulung für die "Generation 50+", also Menschen ab einem Alter von 50 Jahren, ist neu im Angebot der Breitenausbildung beim BRK-Kreisverband Haßberge. Sie wurde im Herbst vergangenen Jahres von dem Ausbilderteam neu entwickelt und speziell auf die Bedürfnisse von Menschen ab der zweiten Lebenshälfte angepasst. Wichtigstes Ziel ist es, den Teilnehmern in einer entspannten Atmosphäre unter ihresgleichen Sicherheit im Umgang mit Erster Hilfe zu vermitteln und vorhandenes Wissen aufzufrischen. "Vor allem aber steht die Praxis im Vordergrund", sagt Simone Gilley vom Team Breitenausbildung und der Servicestelle Ehrenamt. Wer gemeinsam mit anderen in so einem Kurs zum Beispiel wieder einmal eine Reanimation an einem Ausbildungsphantom übt, überwindet die Scheu und Unsicherheit im Ernstfall zu helfen und verliert die unbegründete Sorge, vielleicht etwas falsch zu machen.

Wissen auffrischen

"Dieser Kurs eignet sich hervorragend, um Wissen aufzufrischen und Neues zu lernen", sagt Simone Gilley. "Er gibt Sicherheit für Notfälle." Entstanden ist die Idee, einen solchen Spezialkurs anzubieten, nach dem "Tag der Ersten Hilfe" im September vergangenen Jahres am Marktplatz in Haßfurt. Dort kamen die Rotkreuz-Mitarbeiter mit Frauen und Männern der jetzigen Zielgruppe ins Gespräch und bemerkten dabei, dass zwar Wissen über Erste Hilfe vorhanden ist, gleichzeitig aber auch viel Unsicherheit.

Schon ein paar Wochen später entwickelte das Erste-Hilfe-Team des BRK-Kreisverbandes Haßberge innovativ das neue Angebot. Und es stößt auf große Resonanz und Nachfrage. Seit Oktober 2018 haben bislang neun Kurse "Erste Hilfe 50+" mit 164 Teilnehmern stattgefunden.

Hohe Nachfrage

Über das rege Interesse an den Erste-Hilfe-Kursen für Menschen ab 50 und Senioren freut sich Simone Gilley besonders. Das zeige, dass das Rote Kreuz mit diesem neuen Angebot die Bedürfnisse der Zielgruppe anspreche. "Die Nachfrage ist sehr hoch, viele Interessenten erzählen schon bei der Anmeldung am Telefon, dass sie die Kursinhalte sofort angesprochen haben." Auch der Zeitaufwand von drei Stunden werde als positiv empfunden und die praktischen Übungen.

Bei den meisten Teilnehmern liegt ihr letzter Erste-Hilfe-Kurs tatsächlich schon Jahrzehnte zurück, oft haben sie ihn mit dem Erwerb des Führerscheins gemacht.

So wie 1973 auch das Ehepaar Theresia und Burkard Schug aus Dankenfeld, deren Enkeltochter kürzlich selbst ihren Führerschein gemacht und dafür als Voraussetzung einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hat. "Eine Auffrischung ist überfällig", ist sich das Ehepaar einig und ist zufrieden. "Wir haben viel Neues gelernt, die praktischen Übungen waren toll", sagt Theresia Schug. "Man traut sich jetzt wieder viel eher zu helfen", bringt es ihr Mann auf den Punkt. Wobei er immer hilft, wenn Mitmenschen in Not sind. Vor Jahren hat er einem Mann das Leben gerettet, der beim Arbeiten an einer Betonmischmaschine einen Stromschlag erlitten hat. Burkard Schug hat Erste Hilfe geleistet, bis der Rettungsdienst kam. Der Mann konnte gerettet werden, er hat überlebt.

"Man muss doch helfen!", macht Sigrid Mertins aus Wülflingen ihre Einstellung zur Ersten Hilfe deutlich. Vor ein paar Jahren ist sie im Raum Bamberg zu einem Verkehrsunfall mit einem Radfahrer dazugekommen. Sie hat geholfen und Erste Hilfe geleistet. "Da ist man schon aufgeregt und denkt darüber nach, was man jetzt machen soll."

Handlungssicherheit

Die Handlungssicherheit ist es, die auch Karin Schedel und Margarete Sauer aus Neubrunn zur Teilnahme am Kurs "EH 50+" bewogen haben. "Wir haben von dem Kurs aus der Zeitung erfahren, unser letzter Kurs in Erster Hilfe ist schon lange her", sagen beide. Deshalb wollen sie ihr Wissen jetzt wieder auffrischen. "Erste Hilfe braucht man ja oft auch im Haushalt", wissen die beiden Frauen. Denn Unfälle im Haushalt oder plötzliche medizinische Notfälle in Freizeit und in der Familie kommen weitaus häufiger vor, als die von vielen oft gefürchteten Verkehrsunfälle. Ihr Wissen auffrischen, will an diesem Vormittag auch Iris Reinhold aus Haßfurt. Sie findet es toll, dass dies mit dem Kurs in so kompakter Form möglich ist.

Nach dem Kurs mit den praktischen Übungen sind sich alle Teilnehmer einig: "Es hat Spaß gemacht, und wir haben Neues gelernt." Die Teilnahme wollen sie den Frauen und Männern der älteren Generation empfehlen. Und vor allem selbst in ein paar Jahren wieder teilnehmen.

Lebenserfahrung

Die Begeisterung der Teilnehmer bekommt auch Ausbilderin Simone Gilley zu spüren. "Viele sind dankbar, dass sie unter ihresgleichen und nicht mit Fahranfängern oder jungen Menschen üben und Erfahrungen austauschen dürfen." Zu spüren ist dabei immer wieder die Lebenserfahrung der Teilnehmer. "Oft haben sie selbst schon den ein oder anderen Notfall bzw. Unfall erlebt und haben Erste Hilfe geleistet." Dennoch ist immer wieder ein Thema bei den Kursen, dass die Teilnehmer meist wissen, was sie bei einem Notfall tun müssen, aber sich dann einfach nicht trauen oder unsicher sind. Diese Unsicherheit auszuräumen, dazu tragen die vielen praktischen Übungen bei.

Simone Gilley erfährt in Gesprächen mit Kursteilnehmern immer wieder von ganz persönlichen Erlebnissen. "Die Leute erzählen, dass im unmittelbaren Umfeld schon das ein oder andere passiert ist, dass Eltern, Ehepartner oder Freude unerwartet einen medizinischen Notfall erlebt haben." Diese Situationen haben die Teilnehmer vor große emotionale Herausforderungen gestellt, es tauchen danach Fragen auf: Habe ich alles richtiggemacht? Was hätte ich anders machen können? "Aus diesen Erfahrungen heraus möchten sie ihr Wissen wieder auffrischen", weiß Gilley. Der Wille, helfen zu können, wenn es darauf ankommt, sei bei vielen die Hauptmotivation für eine Teilnahme am Kurs "EH 50+". "Das Rote Kreuz hilft gerne dabei, Helfen zu lernen", fasst Simone Gilley zusammen und freut sich auf viele weitere Kurse mit vielen jung gebliebenen Senioren.

Michael Will. Der Autor ist Rettungssanitäter und Pressesprecher des Bayerischen Rote Kreuzes, Kreisverband Haßberge.

Der nächste Kurs findet am Montag, 2. September, von 10 bis 13 Uhr im Rotkreuzhaus in Haßfurt (Industriestraße 20) statt. Es sind noch ein paar Plätze frei. Interessenten melden sich bitte schnellstmöglich über die Homepage des Roten Kreuzes unter www.kvhassberge.brk.de unter der Rubrik "Kurse" an oder telefonisch von Montag bis Freitag zwischen 8 bis 12 Uhr.