Bjørn Heidenstrøm hat aufgegeben. Schon ungefähr zehn Mal. In Frankreich hat er ein Zeichen am Rheinufer falsch verstanden, nahm die verkehrte Abzweigung und geriet mit seinem kleinen Boot in den Sog eines Wasserkraftwerks. "Ich musste ganz schön arbeiten, um da wieder rauszukommen", erzählt er. Er schüttelt mit dem Kopf. Der Fluss habe keinen Spaß gemacht, auch der vielen großen Schiffe wegen. "Niemand sollte im Rhein paddeln. Lieber im Main", sagt er. "Aber nicht so wie ich, stromaufwärts", fügt er hinzu und lacht.
Das Aufgeben hat Bjørn Heidenstrøm jedes Mal verschoben. "Immer um zwei Tage", erklärt der ehemalige Fußballprofi und norwegische Nationalspieler. "Wenn die dann rum waren, habe ich es wieder zwei Tage aufgeschoben." Undsoweiter undsoweiter. Das hat den Norweger bis nach Eltmann gebracht. Dort übernachtete er in einer Pension und paddelte am Mittwoch früh (28. März) weiter nach Bamberg. Ein bedeutendes Etappenziel des Sportlers - weil da seine anstrengende Fahrt auf dem Main endet, auf dem er dann ab Mainz 384 Kilometer gegen die Strömung gefahren ist. Im Stehen. Auf einer Art Surfbrett. Im Schnitt knapp sechs Stundenkilometer schnell.
"In Bamberg werde ich drei kühle deutsche Biere trinken und einige Lieder singen", freut sich Heidenstrøm wie ein Kind am letzten Schultag vor den Sommerferien. Ab Bamberg schwimmt er (ohne Strömung) auf dem Main-Donau-Kanal bis nach Kehlheim, dann weiter (mit der Strömung) auf der Donau, die ihn bis ans Schwarze Meer im Osten Europas führt.

751 Kilometer sind geschafft, 3400 liegen noch vor ihm


Losgepaddelt ist Bjørn Heidenstrøm am 1. März im schweizerischen Basel am Rhein. Gestern, in Eltmann, stand der Kilometerzähler auf seinem GPS-Gerät bei 751. Noch knapp 3400 Kilometer hat er vor sich, insgesamt 100 Tage soll seine Reise dauern. "Das Schlimmste ist geschafft", sagt der 44-Jährige in fröhlichem Tonfall, während er in der Eltmanner Pension seine nicht mal sieben Sachen zusammenpackt (Boot, Paddel, Rucksack, Kamera, Zelt, wasserdichter Proviantbehälter). Bald hat er den Kampf gegen die Strömung gewonnen.
"Mein Schiff" nennt Bjørn Heidenstrøm das rund 2500 Euro teure Brett, auf dem er dem Weltrekord hinterherjagt, pardon: hinterherpaddelt. Die "Kjakan 24" ist ein sogenanntes Stand-Up-Paddling-Board. Mit einem Stechpaddel sorgt der Fahrer für Vortrieb, dabei steht er auf dem Brett. "Ab und zu gehe ich in die Knie, wenn von beiden Seiten Schiffe kommen, ist der Wellengang recht stark," erklärt Heidenstrøm. Einmal erst sei er dabei ins Wasser gestürzt. Stehpaddeln ist nicht neu. "Schon polynesische Fischer haben ähnliche Boote vor 3000 Jahren genutzt." Heute zählt das Ganze zu einer noch jungen Trend-Sportart, und genau darauf setzt der bärtige Norweger: Weil Stehpaddeln erst noch im Kommen sei, gebe es auch noch keine "unbrechbaren Rekorde", die mit diesem Sportgerät aufgestellt worden sind. Die längste je zurückgelegte Strecke auf so einem Brett liegt momentan bei 3800 Kilometern, und die schickt sich Heidenstrøm an zu brechen.

Alles Geld für das Rote Kreuz


"Weil ich Aufmerksamkeit brauche", erklärt er. Nicht für sich, sondern für das Rote Kreuz. Mit seiner Rekordjagd unterstützt er das Projekt "Missing Children" (siehe unten). "Über meine Homepage sammle ich Geld. 100 Prozent davon gehen an das Rote Kreuz." Außerdem verknüpft er seine neue Idee mit einer alten, sehr erfolgreichen, die er bereits im Jahr 2009 gestartet hat und nun weiterknüpft: Er will das größte Fußballtrikot der Welt noch größer machen.

Mit dem Fahrrad nach Südafrika


Damals, im Juni 2009, machte er sich mit dem Fahrrad auf nach Südafrika. Von Norwegen aus, durch ganz Europa, inklusive Großbritannien, durch Afrika bis nach Kapstadt. Nach tausenden Kilometern, die ihn durch 85 Länder führten, präsentierte er nach 333 Tagen bei der Eröffnungszeremonie zur Weltmeisterschaft 2010 ein riesiges Fußballtrikot. Es wurde aus vielen normalen Trikots zusammengenäht, die Ex-Fußball-Profi Heidenstrøm auf seiner Reise bei verschiedenen großen und kleinen Clubs in Europa eingesammelt hatte. 2010 waren es die Leibchen von 621 Teams, 2011 wuchs die Zahl durch eine weitere Aktion auf 740, und jetzt, auf seiner Paddeltour, "sollen es natürlich noch mehr werden". Zuletzt hat er in der Geschäftsstelle des FSV Mainz 05 nach einem Trikot gefragt, die Antwort steht noch aus. Das vom FC Barcelona, unter anderem mit Messi-Unterschrift, ist bereits dabei. Und auch Sir Elton John, der auf dem Trikot seines Lieblingsclubs FC Watfort unterschrieb, hat Heidenstrøm getroffen.

Sechs bis acht Stunden Paddeln


Bei der "The Shirt" genannten Aktion ging es um Unterstützung des Flüchtlings-Camp-Projekts des Roten Kreuzes. Jetzt will Bjørn Heidenstrøm das allgemein große Interesse am Fußball nutzen, um für "Missing Children" Spenden zu sammeln. Nur, dass er dazu diesmal ins, beziehungsweise aufs Boot steigt. Der Trick dabei ist der Weltrekord mit der zurückgelegten Distanz: "Den brauche ich persönlich nicht. Aber hoffentlich hilft es dem Roten Kreuz, die nötige Aufmerksamkeit für ,Missing Children' zu bekommen", sagt der sympathische Norweger. Ein Jahr lang hat er sich vorbereitet, Karten studiert, die Route festgelegt, vor allem den Oberkörper und Ausdauer trainiert. Nun paddelt er täglich sechs bis acht Stunden.
Auffallend gut gelaunt steigt er am Mittwochmorgen um 10 Uhr auf sein Brett, eine Stunde später als nach Plan. All die Strapazen, die da schon waren und die noch kommen werden, scheinen ihm nichts anzuhaben. Und falls doch: Das Aufgeben verschiebt er dann wieder einfach um weitere zwei Tage.

Das Projekt "Missing Children" - die Informationen in Kürze


Für das norwegische Rote Kreuz will der ehemalige Fußball-Profi Bjørn Heidenstrøm jede Menge Aufmerksamkeit für das Projekt "Missing Children" erzeugen. Stark gemacht hat er sich auch schon für den Aufbau von Flüchtlings-Camps oder Hilfe für Landminen-Opfer. Bei "Missing Children" geht es darum, vermisste Kinder aufzuspüren und zu ihren Eltern zurückzubringen. Kinder zum Beispiel, die entführt oder versklavt, oder die in Kriegswirren von ihren Eltern getrennt wurden.
Um zu helfen, treibt sich Heidenstrøm zu sportlichen Höchstleistungen an. Diesmal strebt er den Weltrekord im Stehpaddeln an und will dafür über 4000 Kilometer zurücklegen. "Ich werde paddeln, bis mir die Arme abfallen oder bis ich den Weltrekord habe", verspricht der Norweger.
Während er zum Weltrekord paddelt, hofft er, dass er damit andere zum Spenden bewegt. Seinen Spendentopf reicht er im Internet herum beziehungsweise wünscht sich, dass andere, die von seiner Aktion erfahren, die Nachricht an Freude und Bekannte weiterreichen. Dazu ruft er die Menschen auf, seine Idee auch über Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke zu verbreiten.
Auch setzt er die Aktion "The Shirt" fort. Momentan misst das aus vielen normalen Trikots zusammengesetzte Riesen-Fußball-Trikot 15 Meter mal 20 Meter. Weitere Informationen zu den Projekten gibt es im Internet unter der Adresse www.bjornheidenstrom.com