"Ich hab' den Rüssel rausgehalten und gedacht, des duftet wie in meiner Kindheit", erzählt eine Rentnerin auf ihrem Spaziergang durch Eltmann. Die Frühlingsluft wirkt frischer, das Wasser im Ebelsbacher Flüsschen klarer. Und über allem strahlt der Himmel in Meerblau - ganz ohne Chemtrails oder Abgaswolken.

Macht uns die Quarantäne sensibler für das Leben außerhalb unserer vier Wände oder stimmen die Gerüchte? Hat die humanitäre Coronakrise auch eine positive Wirkung auf Wälder und Flüsse in den Haßbergen?

Stillstand sorgt für weniger Abgase

Fakt ist, Covid-19 hat geschafft, woran die Klimapolitik seit Jahren arbeitet: Abgassünder in die Garage zu zwingen. Dank Home-Office beschränkt sich das Pendeln nun auf den Fußweg zwischen Bett und Schreibtisch. Von Reisen, ob geschäftlich oder privat, rät die Bundesregierung generell ab. Letztes Jahr flogen die Deutschen über die Feiertage ans Meer, heuer stellt der Nürnberger Flughafen während der Osterferien den Betrieb ein. Weggebrochene Aufträge und Kurzarbeit zwingen die Industrie, auf Sparflamme zu produzieren.

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"Natürlich wird derzeit weniger ausgestoßen. Auch in unserer Region", erklärt Ulrich Mergner, Forstbetriebsleiter in Ebrach. Zu seinem Wirkungsbereich gehören auch weite Teile des Steigerwaldes in den Haßbergen. Stichfeste Zahlen, wie viel Kohlenstoffdioxid durch die Ausgangsbeschränkungen eingespart wird, gibt es aktuell nicht. "Es müsste zunächst abgeschätzt werden, wie viel weniger mit Autos gefahren wird. Dann bräuchte man Daten über die verringerte Produktion des produzierenden Gewerbes und der Industrie", so Mergner.

In Unterfranken gibt es drei Messstationen, platziert an viel befahrenen Straßen in Würzburg und Schweinfurt. Im Vergleich zu 2019 lassen sich dort bisher kaum Änderungen in der Schadstoffbelastung nachweisen. Die punktuellen Messungen sind nicht aussagekräftig genug, um fundierte Rückschlüsse auf die Luftqualität im Kreis Haßberge zu liefern.

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China liefert den Beweis

Dass die Empfindung einer Luft- und Wasserverbesserung kein Humbug ist, zeigt ein Blick nach China: Satellitenbilder der Ausbruchsstätte Wuhan zeigen, dass das Herunterfahren der chinesischen Wirtschaft die -Verschmutzung so drastisch senken konnte, dass die Auswirkungen vom All aus sichtbar sind.

Stickstoffdioxid ( ) ist ein gesundheitsschädliches Gas, das Fahrzeuge und Industrieanlagen in die Luft pusten. Die verordnete Zwangspause lässt die Natur durchatmen - im wahrsten Sinne des Wortes. Zumindest kurzfristig, denn China beginnt die Fabriken wieder hochzufahren.

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Die Klimakrise ist sichtbar

"Die Umwelterfolge, die derzeit anderswo bemerkbar sind, lassen sich bei uns so nicht feststellen, geschweige denn messen. Dazu sind wir viel zu stark von der ,Großwetterlage‘ abhängig. Hier kann uns nur eine drastische Verringerung des -Ausstoßes helfen", erklärt der Forstbetriebsleiter.

Die Erderwärmung hingegen ist längst "in den hiesigen Wäldern deutlich zu spüren", so Mergner weiter.

In den vergangenen zwei Jahren bemerkte er "massive Kronenverlichtungen und erste Absterbe-Erscheinungen bei der Baumart Buche. Die Fichte leidet unter Wassermangel und Borkenkäfern." Alleine 2019 habe es 20 "Wüstentage" gegeben, also Tage, an denen das Thermometer auf über 40 Grad geklettert ist, berichtet Mergner.

Auch die Haßberge profitieren

Zwei Monate Wirtschaftsstillstand können die Schäden jahrelanger Umweltverschmutzung nicht heilen. Und doch beobachtet auch Wolfgang Aull, Vortragsreferent für Nachhaltigkeit und Umwelt, kleine Erholungserscheinungen in der Natur: "Das Wasser im Main ist viel klarer." Außerdem gäbe es "weniger Littering" am Wegesrand, also achtlos weggeworfenen Müll.

Die Beobachtungen des Eschenauers sind rein objektiv und doch scheinen die Menschen sorgsamer mit der Natur umzugehen. Schließlich ist sie der einzige Ort, an den man fliehen kann, um dem Lagerkoller in den eigenen vier Wänden kurzzeitig zu entgehen. Ob die Ausgangsbeschränkung nach Ostern verlängert wird, ist unsicher; sicher ist, dass die Erholungsphase der Natur damit ein Ablaufdatum hat.

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Langfristige Hilfe für Bienen

Die Biene ist zum Symboltier des Klimawandels geworden. Doch auch hier braucht es langfristige Maßnahmen, um den pelzigen Insekten zu helfen. Ein kurzfristiger Wirtschaftsstillstand bringe nichts, erklärt Imkerin Katja Dittmann. Weniger Pestizideinsatz, keine Monokultur und ungemähte Wiesen statt betonierter Industriegelände - das alleine könne die Bienen retten.

Mit ihrer Aufklärungsarbeit beginnt die Ebelsbacherin bereits bei den Kleinsten im Kindergarten. Dort erklärt sie, wie wichtig die Tierchen für die menschliche Nahrungskette sind. "Jeder dritte Bissen, den wir zu uns nehmen, verdanken wir der Biene", heißt es auf ihrer Website.

Dittmanns Schützlinge erwachen in diesen Tagen aus dem Winterschlaf. Ab einer Temperatur von 15 Grad schwärmen die Pollensammler in umliegende Gärten und Felder aus.

Im aktuellen Wirtschaftsstopp sieht Dittmann weniger eine Chance, eher eine Gefahr: "Meine Befürchtung ist, dass nach dem Shutdown mehr hochgefahren wird. Dass Unternehmen mehr Gas geben müssen", um die entstandenen Umsatzeinbußen aufzuholen.

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Von Corona fürs Klima lernen

"Corona bremst den Treibhausausstoß, Corona bremst aber auch die Auseinandersetzung mit der Klimabedrohung", befürchtet Oliver Kunkel, Initiator der Klima-Bewegung "Wir gestalten Heimat" im Landkreis.

Dabei könnte die Politik nach seiner Überzeugung von dieser Krise für die nächste lernen. Globale Lösungen, schnelles Handeln und internationale Solidarität sind zentral für den Umgang mit Corvid-19 genauso wie für die Bekämpfung des Klimawandels hin zur Klimawende.

Wissenschaftliche Prognosen müssen auch in Bezug auf die Klimakrise ernst genommen werden. Corona-Bekämpfung macht es vor: Seit Wochen "regieren" die Einschätzungen des Robert-Koch-Instituts das Land und die Politik folgt. Wissenschaftler sind keine Politiker, doch ihre Analysen verhinderten bisher, dass Deutschland zu einem zweiten Italien wird.

Ob das Interesse der Bürger an der Klimadebatte tatsächlich nachlassen wird, wird sich zeigen. Aber dass in der Klimakrise so schnell gehandelt werden muss wie in Zeiten von Corona, weiß auch Dittmann, denn "die Natur räumt sich selbst auf, ob durch Dürrefeuer oder Corona."

Endlich wieder raus ins Grüne

Ein Fünkchen Hoffnung bleibt. So viele begeisterte Jogger, die momentan zum Zeiler Käppele hinaufsporteln, hätte es ohne Pandemie vermutlich nicht gegeben. Die Ausgangsbeschränkung hat bei vielen die Freude am ausgeprägten Spaziergang an der frischen Luft geweckt. "Die Ruhe in der Natur", das nimmt auch Aull in all dem Chaos als positiv wahr.

Dagmar Schnös, die im Dekanat Haßberge in der Familienseelsorge wirkt, schreibt auf Facebook:"Die Coronakrise lässt mich besser hören. Ich höre wieder die Stille in meiner Straße, beim Spaziergang die Vögel und den freundlichen Gruß der Mitmenschen (meist von der anderen Straßenseite). (...) Unfreiwillig bekommen meine Ohren eine Pause und gleichzeitig höre ich viel besser auf mich. Ganz leise steigt die Dankbarkeit für das Leben auf und ich lausche."