Nagam ist ein aufgewecktes, hübsches Mädchen aus Syrien. Seit eineinhalb Jahren besucht es, als Kind einer Flüchtlingsfamilie, die in Ebern gestrandet ist, die Mittelschule. Nagam beherrscht Deutsch schon ganz passabel. Nächste Woche wird sie die Schule und Ebern verlassen. Zieht zu Verwandten in Gelsenkirchen, taucht schon wieder in eine neue Welt ein. Raus aus der Geborgenheit der Provinz, rein in die Anonymität, Gefahren und Tücken der Großstadt.

Nagam lässt in Ebern viel zurück. Viele Freundinnen und ein Zitat, das nicht nur ihren Rektor Philipp Arnold tief berührt: "Es gibt verschiedene Farben und es gibt verschiedene Menschen.
Farben kann man miteinander mischen, Menschen auch!". Eine Erkenntnis, die Arnold für "Nobelpreis würdig" hält.

Aufgeschrieben hat Nagam die philosophische Erkenntnis eines Mädchens, das eine lange Flucht in ein fremdes Land hinter sich hat , für ein Projekt, das Donnerstagabend im "Weingarten" begann und sich "Rückert Crossover" nennt.


Botschafter zum Orient

Nun war Friedrich Rückert als Dichter und Orientalist zwar auch Sprachenkünstler. Ob er aber mit dem Begriff "Cross-over" viel anzufangen gewusst hätte? Sicher hätte er sich aber gefreut, dass er als Kronzeuge und seine Werke als Botschaften des Austausches zwischen Abend- und Morgenland herangezogen werden.

Denn dieser Ansatz steckt hinter dem Crossover-Multi-Kulti-Spektakel, den Kindergarten Jesserndorf, Grund- und Mittelschule Ebern, die Awo-Ganztagesbetreuung und die Weingarten-Gastwirte mit ihrem viertägigen Event verfolgen. Kinder aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine und Franken interpretieren Rückert-Werke in Bild(ern) und Ton. So entstanden als Projekt der Schulsozialbetreuung Schwarzlicht-Gemälde zum Rückert-Zyklus "Östliche Rosen", Bilder der Kindergarten-Schützlinge zum Rückert-Gedicht vom "Bäumchen, das andere Blüten gewollt".

Achtklässer der Mittelschule brachten ihre Vorstellungen von Silhouetten orientalischer Städte meist mit vielen Minaretten zu Papier. Als "radikale Realität", so Philipp Arnold, stehen dazu aktuelle Fotos von (zerstörten) Städten wie Aleppo. Dazu kommen noch Skulpturen aus der Grundschule.


Mit vielen Sinnen

Arnold zitierte den Star-Koch Eckart Witzigmann, der zum Thema Crossover sagte, dass "die Kunst des Crossover-Stils darin liegt, Küche und Kulturen einzelner Länder zu verstehen, typische Elemente daraus zu erkennen und sie anschließend neu zu kombinieren".

Dies gelingt den Jugendlichen aus den unterschiedlichen Ländern und Kulturen vorzüglich mit ihrem Beitrag zum Rückert-Jahr. Die Idee dazu hatten Bärbel Zehender, Philipp Arnold und Jutta Helbig bei einem gemeinsamen Essen vor einem Jahr. So lange dauerten auch die Vorbereitungen, in die auch die Musikschule Ebern mit der interkulturellen Trommel- und Tanzgruppe sowie der Soroptimist-Club Kunigunde aus Bamberg eingebunden waren.

"So funktioniert Integration", jubilierte Rektor Arnold und "keiner braucht Angst davor haben". Es macht sogar Heidenspaß, wie sich bei Videos zeigt, auf denen Mittelschüler deutsche und arabische Redensarten übersetzen und deren Bedeutung erklären. Köstlich die Erkenntnis: Der Löwe brüllt auf arabisch überzeugender.

Besucher können sich noch selbst davon überzeugen - bis Sonntag. Um 17 Uhr gibt es zu orientalischen Speisen fernöstliche Klänge zweier Musiker aus Afghanistan.