Er hatte seine Frau im Dezember 2013 so fest geschlagen, dass sie einen Trommelfellriss und mehrere blaue Flecken bekommen hatte, da war sich Richterin Ilona Conver am Ende sicher. Sie verurteilte den Angeklagten zu 75 Tagessätzen zu je 40 Euro.

Bis diese Entscheidung fest stand, brauchte es aber zwei Verhandlungstage, denn es gab Zweifel an der Schuld des Mannes. So stritt er im Grunde bis zuletzt vor Gericht ab, die Frau geschlagen zu haben. Die Aussage einer Caritas-Beraterin hatte gar den Verdacht erhärtet, dass der aus dem Ausland stammende Mann unter seiner Frau zu leiden hatte. Für den Beobachter ergab sich der Eindruck, dass dass sich die beiden gegenseitig ihr Leben nicht leicht gemacht hatten.

Gestern war der zweite Verhandlungstag im Verfahren gegen den 31-Jährigen. Zwei Frauen sollten als weitere Zeugen Einblick in die ehelichen Verhältnisse ermöglichen. Überdies wollte eine Freundin der Ehefrau aussagen. Auch die Geschädigte selbst wollte, obwohl ihre Vernehmung bereits abgeschlossen war, zusätzlich Angaben zu Aussagen des Mannes machen. "Das ist ein Strafprozess und kein öffentlicher Auflauf, an dem sich jeder beteiligen kann", stellte Richterin Conver klar. Zeugen müssen geladen oder ihre Vernehmung von einer der Parteien beantragt werden, so verlangt es die Prozessordnung.

Kein Antrag auf Vernehmung
Die beiden Frauen konnten nach Ansicht des Gerichts keine relevanten Fakten mehr beitragen. Es wurde kein Antrag auf ihre Vernehmung gestellt. Die beiden wollten dies - emotional sichtlich geladen - zuerst nicht akzeptieren, was Conver zu der Bemerkung veranlasste: "Das ist keine öffentliche Diskussion."

Die Mutter der Geschädigten machte sich im Zeugenstand daran, gegen ihren Schwiegersohn kräftig vom Leder zu ziehen. Zwei Tage nach der Körperverletzung sei sie zum Geburtstagsbesuch gekommen, bei dem ihre Tochter ihr ihre blauen Flecken gezeigt habe, schimpfte sie, stand dabei sogar auf und unterstrich ihre Aussagen mit ausladender Gestik: "Er stellt sie hin, als wäre sie eifersüchtig", sagte sie. "Dabei war es umgekehrt." Weit ausholend beschrieb sie das grundsätzliche Verhalten des ungeliebten Schwiegersohnes. "Das habe ich Sie nicht gefragt,", wehrte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Ilker Özalp, ihre Ausführungen ab. Die aufgeregte Mutter hatte, wie sich zeigte, erst nach der Anzeige von Schlägen gehört, die über Jahre hinweg passiert sein sollen. Das habe ihr ihre Tochter aber erst im Nachhinein erzählt, weil sie sich, so die Mutter, geschämt habe.

Ganz anders die Aussage der zweiten Zeugin, die 19-jährige Nichte der Geschädigten. Sie hatte, wie sie angab, selbst gesehen, dass der Angeklagte zum Opfer wurde. Ihre Tante sei wie eine Furie auf ihren Mann losgegangen. Und die Nichte beobachtete noch, wie diese ihn an die Wand drückte und in die Backe biss. Außerdem habe der zwölfjährige Sohn der Geschädigten sich ihr anvertraut. Er habe Angst um den Stiefvater, meinte er, weil seine Mutter ihn beschimpfe und bedrohe.

In seinem letzten Wort vor der Urteilsfindung machte der 31-Jährige noch einmal klar, dass diese Beziehung für ihn die Hölle bedeutet habe.

Unglaubwürdige Geschädigte?
Der Verteidiger stellte in seinem Plädoyer denn auch die 48-Jährige als unglaubwürdig hin. Hier der Biss, und da die Aussage der Frau, sie sei nie gewalttätig gewesen. Das passte für ihn nicht zusammen. Der Belastungseifer der Mutter kam ihm verdächtig vor. "Scheinbar sollte er hier heute richtig fertig gemacht werden", sagte Verteidiger Jens Urban und forderte Freispruch.

Özalp sah die Schuld des Angeklagten dennoch als erwiesen an. Das ärztliche Attest und die Aussage der Polizeibeamten seien eindeutig. Der 31-Jährige war zuvor noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten. Deshalb beantragte Özalp 90 Tagessätze zu je 30 Euro.

Es war Körperverletzung
Für Richterin Ilona Conver war der Mann ebenfalls schuldig. Sie wertete sein Handeln (Schlagen und Herumsprayen mit Pfefferspray) als einfache Körperverletzung und blieb deshalb mit ihrem Urteil von 75 Tagessätzen zu je 40 Euro unter der Forderung der Staatsanwaltschaft - weniger Tagessätze bedeuten im rechtlichen Sinne eine geringere Strafe. Der höhere Tagessatz ergab sich aus veränderten Einkommensverhältnissen.

"Der Vorfall war keine Kleinigkeit", sagte Richterin Conver und schloss die Verhandlung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.