Am 21. Juli 2015 endete Marco Thens junges Leben abrupt. Der 23-Jährige war zwischen Gleisenau und Dörflis im Landkreis Haßberge mit seinem Motorrad in einen Mähdrescher gekracht. Er starb an der Unfallstelle. Ein einziger, kurzer Moment mit so weit reichenden Folgen: "Dieser Mähdrescherfahrer hat das Leben meiner Frau, meiner Töchter und mein eigenes vollkommen zerstört", sagt Reinhold Then in Bischberg im Landkreis Bamberg, wo Marcos Elternhaus steht. Der Verunglückte selbst hatte zuletzt in Breitengüßbach mit seiner Freundin gewohnt, am 21. Juli war er von dort nach der Arbeit zu jenem verhängnisvollen Motorradausflug aufgebrochen.
Reinhold Then ringt um Fassung, als er sich durch die Unterlagen blättert, die aufzeigen, wie sein Sohn getötet wurde, welche Umstände dabei eine Rolle spielten und ob das Unglück hätte verhindert werden können. Weil der dreieinhalb Meter breite Mähdrescher laut dem Gutachten eines Unfallsachverständigen etwa 80 Zentimeter in die Gegenfahrbahn ragte, stellte sich den Ermittlern die Frage: Trifft den Mähdrescherfahrer aus dem Landkreis Haßberge eine Schuld an dem Tod des jungen Motorradfahrers?

Die Polizeiinspektion Ebern hatte bei ihrer Erstmeldung des Verkehrsunfalls fahrlässige Tötung angenommen, der Fall landete bei der Staatsanwaltschaft in Bamberg. Diese hat die Ermittlungen im November 2015 eingestellt, einer Beschwerde seitens der Familie Then wurde im Februar dieses Jahres von der nächsthöheren Instanz, dem Generalstaatsanwalt, "nicht abgeholfen", wie der Bamberger Oberstaatsanwalt Christopher Rosenbusch auf Anfrage mitteilt. Das heißt: Eine Anklage gegen den Mähdrescherfahrer wird nicht erhoben.

Ausschlaggebend für dieses Ergebnis ist laut Rosenbusch das Unfallgutachten. Zum einen "gab es keine unmittelbaren Zeugen bei dem Unfall", und anhand der Spurenlage am Unfallort (eine Rechtskurve auf der Kreisstraße HAS 20, Fahrtrichtung Dörflis) habe sich ergeben, dass "der Fahrer des Mähdreschers den Unfall nicht hätte verhindern können". Die Ermittlungen hätten kein objektives Fehlverhalten des Beschuldigten ergeben. Zudem könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Motorradfahrer hinsichtlich der engen Kurve und der eingeschränkten Sichtweise seine Geschwindigkeit nicht an die Verhältnisse angepasst habe.


"Vollkommen rücksichtslos"

Für Reinhold Then und seine Familie ist diese Nachricht ein Schock. "Wir finden das Verhalten des Mähdrescherfahrers vollkommen rücksichtslos", sagt der 59-Jährige. Denn der Landwirt fordert "vollen Schadenersatz für die Reparaturkosten am Mähdrescher". Das geht aus einem Schreiben an Marcos Mutter als Versicherungsnehmerin der Kfz-Haftpflicht hervor. Laut Reinhold Then belaufen sich diese Kosten auf rund 15 000 Euro.
Immerhin aber hat der Landwirt in einem Schreiben sein Bedauern ausgedrückt: "Noch immer fehlen mir die Worte, den furchtbaren Unfall zu beschreiben. Sie wurden in unendlichen Schmerz durch den Verlust Ihres Sohnes gerissen", heißt es darin unter anderem.

Für Reinhold Then ist das nicht genug. Nichts wird seinen Sohn wiederbringen, knapp ein Jahr nach dem "schlimmsten aller Tage" für die Familie sind noch viele Fragen ungeklärt. Und in den Augen des Vaters sieht Gerechtigkeit anders aus. "Wir können nie damit abschließen. Niemals", sagt er. "Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an Marco denken."

Vor allem hinsichtlich der Breite der Fahrbahn (insgesamt 5,50 Meter) und des Mähdreschers (3,50 Meter) ergeben sich offene Fragen, die Reinhold Then jeden Tag grübeln lassen: Warum war so ein breites Fahrzeug auf einer so engen Straße unterwegs? Er findet es verantwortungslos, solch große Maschinen auf schmalen öffentlichen Straßen zu bewegen.

Markant: Laut der Verkehrsunfallanzeige der Eberner Polizei lag dem Landwirt weder eine Ausnahmegenehmigung nach Paragraf 70 der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO) vor, die ihn zum Führen des überbreiten Fahrzeugs in öffentlichem Straßenverkehr berechtigt hätte, noch die Erlaubnis gemäß der Straßenverkehrsordnung (StVO) durch die Zulassungsbehörde des Landratsamtes in Haßfurt. Die Ausnahmegenehmigung hätte bei der dafür zuständigen Regierung der Oberpfalz beantragt werden müssen. Das Landratsamt in Haßfurt bestätigte, dass von Seiten der Landkreisbehörde keine Erlaubnis vorlag, diese aber voraussichtlich bei Antragstellung erteilt worden wäre. Denn die Vorgaben für das Fahrzeug hatte der Landwirt erfüllt (mindestens drei gelbe Rundumleuchten sowie ein abnehmbares Schild im Frontbereich). Die Polizei kommt aber in der Unfallanzeige zu dem Schluss, dass der Beschuldigte "weder eine Ausnahmegenehmigung nach Paragraf 70 StVZO, noch eine Erlaubnis nach Paragraf 29 StVO besitzt", somit "hätte er mit dem Mähdrescher nicht am Straßenverkehr teilnehmen dürfen", heißt es weiter.


Keine Chance

Dennoch ergibt sich aus strafrechtlicher Sicht offenbar keine Grundlage, die eine Anklage rechtfertigen würde, wie die Staatsanwaltschaft dem Unfallgutachten entnimmt. Darin heißt es zwar: "Dadurch, dass der Mähdrescherfahrer zwangsläufig, auch beim äußersten Fahren am rechten Fahrbahnrand entlang, circa 0,8 Meter nach links in die Gegenrichtungsfahrbahn ragte, musste der Gegenverkehr in diesem Bereich zwangsläufig gegen das linke Vorderrad stoßen." Allerdings hätte der Landwirt "weder durch eine andere Fahrweise, eine andere Bremsausgangsgeschwindigkeit, noch durch eine andere Reaktion Einfluss auf die Unfallfolgen nehmen und den Unfall vermeiden können". Weil aber der Mähdrescher in die Gegenfahrbahn reichte, "hätte auftretender Gegenverkehr im kurvigen Bereich der durchfahrenen Straße nur dann eine Möglichkeit des Ausweichens oder des Anhaltens, wenn das Hindernis durch ein vorausfahrendes Begleitfahrzeug frühzeitiger kenntlich gemacht worden wäre." Ein Begleitfahrzeug (wie früher üblich, wenn die Restfahrbahnbreite weniger als 2,50 Meter beträgt) ist nach Auskunft des Landratsamtes in Haßfurt allerdings aufgrund eines Ministeriumserlasses seit 2013 in vielen Fälle nicht mehr nötig.