Die Methode ist hinterhältig, denn die Täter zielen auf die Leichtgläubigkeit und Hilfsbereitschaft der Opfer ab. Wenn Peter Firsching, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Haßfurt, auf das Thema "Schockanrufe" angesprochen wird, fehlen ihm zwar nicht die Worte. Aber es wird klar, dass ihn die Art und Weise, wie besonders dreist hier Menschen über den Tisch gezogen werden, ziemlich nachdenklich macht: Ein Anrufer berichtet von einem angeblichen schweren Unglück eines nahen Verwandten und erklärt, dass der Verunglückte schnell Hilfe brauche. Hilfe in Form von Geld. Beträge zwischen 10   000 und 30   000 Euro werden da oft verlangt. Willigt der Angerufene ein, kommt ein Komplize des Anrufers vorbei und holt das Geld ab.

In Unterfranken gab es im Jahr 2012 insgesamt 160 solcher Fälle.
Bei 132 gelang der Betrug nicht, aber 28 Mal waren die Täter erfolgreich und erbeuteten so mehr als 150   000 Euro, wie eine Statistik des Polizeipräsidiums Unterfranken darlegt. Im Jahr 2013 sind es bislang 70 Schockanrufe, die der Polizei bekannt sind. In elf Fällen klappte die Betrugsmasche, wobei insgesamt 57   000 Euro ergaunert wurden. Im Landkreis Haßberge wurde im Januar aus Haßfurt ein telefonischer Betrugsversuch gemeldet. Hier hatte ein Unbekannter von einer 82-Jährigen 2000 Euro wegen angeblicher finanzieller Schwierigkeiten des Enkels gefordert. Die Frau erkannte die bösen Absichten des Anrufers und legte auf.

Spiel mit der Angst

Allerdings handelte es sich hier nicht um einen Schockanruf, denn die Schockanrufer setzen ihre Opfer noch viel mehr unter Druck. "Die Täter spielen mit den Ängsten der Leute", sagt Firsching. Und das in erschreckend rücksichtloser Manier: Wenn jemand am Telefon aufgelöst von einem schlimmen Unglück berichtet, das zum Beispiel angeblich dem Sohn, der Tochter oder dem Enkel passiert sei, dann ist der Angerufene zunächst einmal völlig perplex. "Die Anrufer sind in der Regel schon sehr überzeugend. Die beherrschen ihr schmutziges Geschäft", sagt Firsching. Und die Opfer, geschockt von der Unglücksnachricht, wollen in erster Linie helfen und erklären sich dazu bereit, einen Geldbetrag an einen sogenannten Geldabholer zu übergeben.

Laut Polizeioberkommissar Michael Zimmer vom Präsidium Würzburg handelt es sich bei den Opfern meist um Bürger mit russischem Migrationshintergrund. Bei den Anrufern und den beschriebenen Abholern sind es auch größtenteils russisch sprechende Tatverdächtige. "Diese geben sich zum Beispiel als Rechtsanwalt aus und schockieren ihre Opfer mit der traurigen Nachricht über einen schweren Unfall", den ein naher Verwandter erlitten haben soll. "Durch unsere Ermittlungen wegen des Verdachts des bandenmäßigen Betruges wissen wir zwischenzeitlich, dass die Anrufer insbesondere aus Osteuropa operieren. Sie haben über das Internet generierte Telefonnummern mit einer deutschen Vorwahl", erklärt Zimmer. "Diese Nummern existieren somit im Prinzip nicht und können daher auch nicht zurückgerufen werden. Die Telefonnummern ihrer Opfer erhalten sie durch öffentlich zugängliche Quellen wie zum Beispiel Online-Telefonbücher."

Erheblicher Stress

Dass die Betrugsmasche immer wieder funktioniert, erklärt Zimmer so: Nach der Mitteilung, dass einem Angehörigen etwas Furchtbares zugestoßen ist, dächten die Angerufenen nicht mehr großartig nach, sondern stünden sofort unter erheblichem Stress und erfüllten die Forderungen der Täter.

Peter Firsching stellt klar, dass die Opfer keineswegs dumm seien, weil sie auf eine solch dreiste Masche hereinfallen. Denn im ersten Moment fühlten sie sich schlicht überrumpelt. Und die Täter nützten das aus. Die Geldübergabe soll nämlich möglichst unmittelbar nach dem Anruf stattfinden. Die Geschädigten merkten irgendwann zwar, dass da etwas nicht stimmen kann, aber dann sei es oft schon zu spät. Generell tritt bei Schockanrufen die Kriminalpolizei auf den Plan, wie Firsching erklärt. Er und seine Kollegen sind also nicht für die Ermittlungen zuständig, beteiligen sich aber zum Beispiel an der Fahndung nach den Tätern. Auch geben sie Tipps an die Landkreisbewohner, wie sie sich vor solchen Betrügern schützen können. Von Vorteil im Landkreis Haßberge war laut Firsching, dass ein Mitglied der hiesigen Sicherheitswacht einen russischen Migrationshintergrund hat. So habe man viele Bürger aus der Bevölkerungsgruppe erreichen können, die am häufigsten von den Betrügereien betroffen ist.

Insgesamt, so weiß Peter Firsching, ist die Anzahl der Betrugsfälle in den vergangenen Jahren zurückgegangen, was seinen Ausführungen nach auch an der Öffentlichkeitsarbeit der Polizei über Flugblätter oder die Presse liegt. Die Täter seien vorsichtiger geworden. Aber ebenso wenig seien sie auf den Kopf gefallen: Immer seltener lassen sie sich in eine Falle locken, etwa dadurch, dass die Polizei bei der Geldübergabe die Handschellen klicken lässt. So schlau seien die Täter mittlerweile auch, und sie observierten etwa die Wohnungen der Opfer. Wenn sie merkten, dass etwas nicht stimmt, machten sie sich aus dem Staub.