Wahrscheinlich können nur wenige so charmant, witzig und gut verständlich die Geheimnisse der Physik vermitteln wie Harald Lesch. Deshalb war die Veranstaltung des Kulturamts Haßfurt "Lesch - Live!" mit dem bekannten Astrophysiker, Fernsehmoderator und Autor in der Stadthalle in Haßfurt ausverkauft. Viele Besucher waren aber vor allem gekommen, weil Judith Selig aus Wonfurt an dem Buch "Die Entdeckung des Higgs-Teilchens" mitgearbeitet hat, das Lesch zusammen mit sieben Studenten geschrieben hat und das an diesem Abend vorgestellt wurde.

"Das Buch hat bei uns in der Region hohe Wellen geschlagen, weil Judith Selig daran beteiligt war", sagte die Leiterin des Kulturamts Haßfurt, Petra Lettang, zu Beginn. "Deshalb haben wir sie und ihre Kommilitonen eingeladen.
Dass Harald Lesch ebenfalls zugesagt hat, ist für uns aber eine besondere Ehre." So kamen die 450 Gäste in den Genuss, den Professor im "Vorprogramm" zu erleben, bevor seine Studenten über die Arbeit an dem Buch berichteten und Licht in das Dunkel des Higgs-Teilchens brachten.

"Mal ehrlich, haben Sie eine Ahnung, worum es hier geht?" fragte Lesch. "Wir Physiker reden über Dinge, die man nicht sehen kann, die wir uns nicht vorstellen können und die lediglich im Experiment nachgewiesen wurden", so Lesch weiter. "Ist das nicht unglaublich?"

Als er seiner Mutter während des Studiums erzählt habe: "Wir können nie sagen, dass unsere Theorien wahr sind, wir können nur sagen, was nicht falsch ist", habe sie geantwortet: "Wir schicken Dich doch nicht zum Studieren, damit Du uns sagst, was nicht falsch ist. Erklär lieber mal, was Ihr Physiker macht." So habe sich seine "Lust am Fabulieren" entwickelt.

Schließlich sei die Physik eine Grundlage des modernen Lebens und widme sich der großen Aufgabe, die Welt zu erforschen. "Physiker stellen Fragen und versuchen, diese zu beantworten. Und wenn sie sich geirrt haben, versuchen sie, den Irrtum zu beseitigen und eine neue Frage zu stellen. So irrt sich die Physik empor", sagte Lesch.

Die Welt bestehe aus Atomen, die Atome bestünden aus Protonen und Neutronen und die Protonen und Neutronen wiederum bestünden aus Quarks. "Haben Sie schon mal ein Proton gesehen? Ich nicht. Und trotzdem haben wir in der Schweiz einen Beschleuniger gebaut, der Teilchen, die wir nie gesehen haben, auf Energien beschleunigt, von denen wir keine Ahnung haben, wie hoch sie sind. Und beim Zusammenstoß dieser Teilchen soll ein Feld entstehen, das den unsichtbaren Teilchen die Masse vermittelt, von der wir glauben, dass sie sie haben müssten. Und trotzdem sind wir davon überzeugt, dass dieses Verfahren richtig ist", erklärte der Professor das Experiment zur Entdeckung des Higgs-Felds oder Higgs-Teilchens.

Judith Selig berichtete anschließend, dass der Professor seine Studenten eingeladen hatte, an einem Buch mitzuschreiben. Nach zwei verworfenen Themen und der Entdeckung des Higgs-Teilchens hätten sie sich dann auf dieses Thema gestürzt. Die Astrophysikstudentin aus Wonfurt hatte in einem Kapitel den Teilchenbeschleuniger beschrieben, in dem das Higgs-Teilchen erstmalig nachgewiesen wurde.

Die Physikstudenten Timothy Hall und Martin Dittgen, der Astrophysikstudent Florian Schlagintweit, der Germanistik- und Philosophiestudent Matthias Helsen sowie der Physik-, Astronomie- und Meteorologiestudent Florian Zeller schilderten dann die Suche nach dem Higgs-Teilchen, die theoretischen Voraussetzungen und die Konsequenzen für die Physik.

Timothy Hall erklärte, dass die anfängliche Befürchtung, im Teilchenbeschleuniger könnte ein Schwarzes Loch entstehen, alles einsaugen und die Menschheit vernichten, unbegründet sei. Ein Schwarzes Loch sei eine örtliche Verdichtung von Materie, deren Gravitationswirkung lokal so stark sei, dass ihr nichts mehr entkommen könne. "Aber selbst wenn es gelingen würde, im Teilchenbeschleuniger ein solches Schwarzes Loch im Mikromaßstab aus zwei Bleiatomen zu erzeugen, hätte es nur die Gravitation von zwei Blei-atomen und wäre ungefährlich", betonte er.

Mit Gott habe das Higgs-Teilchen, das als "Gottesteilchen" durch die Medien ging, aber nichts zu tun, sagte Matthias Helsen. "Die Physik versucht, als Wissenschaft die Schöpfung zu beleuchten, nicht den Schöpfer", sagte er.

Zum Schluss der Veranstaltung, die vieles allgemeinverständlich erklärt, aber auch zum Nachrecherchieren und zum Lesen des Buches angeregt hat, betonte Harald Lesch: "Wir haben jetzt Geschichten vom Rand der erkennbaren Wirklichkeit gehört, die ein Symbol und Zeichen unserer intellektuellen Fähigkeiten sind."

Bevor Harald Lesch mit seinen Studenten Bücher signierte, beantworteten die Referenten Fragen aus dem Publikum. Unter anderem teilte Judith Selig mit - was der Professor nicht gewusst hatte -, dass in einem Detektor im Teilchenbeschleuniger erstmals nachgewiesen wurde, dass es mehr Materie als Antimaterie im Universum gibt. "Das ist moderne Physik: Die Studenten sind besser informiert als die Professoren", sagte Lesch, "und ich bin wahnsinnig stolz auf meine Studenten."