Der 41-jährige Daniel Seeburg ist seit einem Jahr Leiter der Polizeidienststelle in Haßfurt. Wir haben mit dem gebürtigen Leipziger über wachsende Gewalt gegen Einsatzkräfte, Schwierigkeiten der Polizeiarbeit in Corona-Zeiten und steigende Drogendelikte im Landkreis gesprochen.

  • Hat die Gewalt gegenüber Einsatzkräften zugenommen?

Daniel Seeburg: Grundsätzlich in der Polizei ja, in Unterfranken auch. In unserem Dienstbereich bleibt es im Jahresrückblick auf dem gleichen Niveau. Aber das ist immer noch zu hoch, denn jeder Fall, in dem sich gegen Maßnahmen von Kollegen mit körperlicher Gewalt gewehrt wird, ist einer zu viel. Wir haben sehr viele Beleidigungs- und Nötigungsdelikte, die teilweise gar nicht zur Anzeige gebracht werden, weil man sich schon so ein dickes Fell zugelegt hat und vieles ignoriert. Irgendwann ist natürlich die Schwelle überschritten. Meist ist Alkohol im Spiel, der die letzten Hemmschwellen fallen lässt. Vor kurzem hatten wir einen Fall, wo jemand, der ins Bezirkskrankenhaus eingeliefert werden sollte, im Alkoholrausch um sich geschlagen und einer Kollegin ins Gesicht getreten hat. Das sind Sachen, die Auswirkungen auf die komplette Dienststelle haben.

  • Gab es im Zusammenhang mit Corona-Kontrollen uneinsichtige Bürger oder sogar Widerstand?

Widerstand im Zusammenhang mit Corona hatten wir noch nicht. Uneinsichtige Bürger gab es selbstverständlich. Dies haben wir wieder sehr häufig. Nach den Lockerungsmaßnahmen im Sommer haben wir im Herbst unsere Maßnahmen wieder intensiviert und kontrollieren wieder konsequenter, zuletzt die Maskentragepflicht vor allem an Bahnhöfen und Haltestellen. Es kommt immer wieder zu Diskussionen, weil die Leute nicht wissen, wo sie eine Maske zu tragen haben. Es gab auch Maskenverweigerer in Ladengeschäften, wo wir hinzugerufen werden. Fingerspitzengefühl wird verlangt, wenn private Feiern aufgelöst werden müssen. In den letzten Tagen hatten wir vier Feiern, wo wir gerufen wurden wegen Ruhestörungshinweisen. Es stellte sich heraus, dass sich Personen aus vier bis fünf Haushalten trafen, was aktuell nicht erlaubt ist. So etwas aufzulösen ist immer mit sehr viel Reden und Kommunikation verbunden.

Ich möchte an die Bürger appellieren, dass sie sich bitte weiter so diszipliniert - wie es im Übrigen der überwiegende Teil im Landkreis auch tut - an die bestehenden Regeln halten und Rücksicht aufeinander nehmen, damit wir mittelfristig die Möglichkeit bekommen, wieder zur "Normalität" zurückkehren zu können.

  • Wie meldefreudig sind Bürger, was Verstöße gegen die Corona-Bestimmungen angeht?

Das ist unterschiedlich. Sobald neue Maßnahmen von der bayerischen Staatsregierung angeordnet werden, ist das Informationsbedürfnis in der Bevölkerung sehr hoch, sowohl beim Landratsamt, beim Bürgertelefon als auch hier bei der Polizei. Wir haben auch anonyme Hinweise, die über das Landratsamt oder direkt bei uns eingehen, wo Bürger auf Missstände hinweisen. Das war vor allem im Frühjahr der Fall. Wir fahren natürlich hin, haben aber festgestellt, dass die Vorschriften vor allem bei den Gastronomen eingehalten wurden. Wir haben aber auch Anzeigen an das Landratsamt als Verfolgungsbehörde vorgelegt, wenn offensichtliche Missstände bezüglich der Hygienemaßnahmen vorlagen. Das Landratsamt hat dann entsprechend hohe Bußgelder verhängt. Wir haben uns in teils persönlichen Gesprächen mit den betroffenen Gastwirten auseinandergesetzt und haben die gute Erfahrung gemacht, dass es danach funktioniert hat. Aktuell gibt es Diskussionen mit Vereinen, die Arbeiten am Vereinsgelände durchführen wollen oder Versammlungen abhalten wollen, was aktuell nicht möglich und nicht sinnvoll ist. Da versuchen wir, die Waage zu halten zwischen "Wir müssen verfolgen", wenn ein Verstoß vorliegt, oder wir suchen das Gespräch und versuchen Aufklärungsarbeit zu leisten.

  • Gibt es auch regelrechte Denunzianten?

Nein, gibt es nicht.

  • Thema Drogen: Nehmen Drogendelikte im Landkreis zu?

Das Thema Drogen beschäftigt uns nach wie vor sehr stark. Im Jahr 2018 gab es 187 aufgeklärte Delikte. Im Jahr 2019 waren es 230. Bis November dieses Jahres lagen 185 Delikte vor. Vermutlich kommen wir wieder über 200. Und das, obwohl wir in diesem Jahr die Corona-Epidemie hatten mit zwei Lockdowns, weniger Publikumsverkehr auf der Straße und wir weniger Kontrollen durchführten. Die Dunkelziffer ist aber deutlich höher. Wir machen viel im Bereich Repression, um den Kontrolldruck hoch zu halten, sind aber auch gezielt in der Prävention tätig und hier im direkten Austausch mit den Schulen oder beispielsweise der Suchtberatung.

  • Gibt es Hotspots im Landkreis?

Drogenumschlagplätze gibt es zum Glück nicht.

  • Gibt es besonders beliebte Drogen?

Hauptbetäubungsmittel sind Cannabisprodukte wie Marihuana, mit großem Abstand gefolgt von Amphetaminen, den synthetischen Produkten. Ein Hauptaugenmerk unsererseits liegt auf dem Konsum von Jugendlichen. Wir haben in diesem Jahr zehn Fälle gehabt mit 14- bis 16-jährigen Cannabis-Konsumenten. Hinweise kommen auch von den Schulen. Dort sollte in diesem Jahr das Konzept "Flashback" eingeführt werden. Das ist ein Präventionsprogramm von Polizei, Suchtberatung und Jugendamt, in dem vor allem auf die Konsequenzen des Drogenkonsums hingewiesen wird. Leider hat Corona das Programm gestoppt. Außerdem gibt es das Programm der Caritas namens "Fred" - Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten. Ein Jugendlicher, der zum ersten Mal beim Drogenkonsum ertappt wird, kann an diesem Präventionsprogramm teilnehmen und dadurch seine Strafe verringern.

  • Wie ist die Altersstruktur der ertappten Drogensünder?

Weit über 50 Prozent sind Erwachsene über 21. Aber: Bei den Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren sind es 30 Prozent. Was ein Problem darstellt, ist der Anteil der Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren, die 15 Prozent ausmachen.

  • Wie kommt die Aufklärung an Schulen an?

Sehr gut. Wie sind mit dem Schulamt und den hiesigen Schulen im engen Austausch. Die Schulen gehen offen mit dem Problem um. Bei konkreten Hinweisen kommt auch schon einmal eine uniformierte Streife in den Unterricht und holt vor versammelter Mannschaft den mutmaßlichen Straftäter heraus. Auch die Eltern werden verständigt und eine Durchsuchung wird durchgeführt. Das Ziel ist eine Abschreckung für die, die auf der Kippe stehen. Wir wollen das Bewusstsein schaffen, dass Betäubungsmittelkonsum Konsequenzen hat und hier Straftaten vorliegen, bei denen die Polizei nicht wegschauen wird.

  • Ist es sinnvoll, Alkohol und Drogen immer zu trennen, obwohl beides die gleiche Wirkung hat?

Das würde ich trennen. Ohne Zweifel hat Alkohol enthemmende, suchtfördernde Wirkung. Aber: Der Konsum von Cannabis und härteren Drogen hat aus meiner Sicht viel dramatischere Folgen. Daher ist es nicht vergleichbar und nicht zusammenzuführen. Noch ein Wort zu sogenannten CBD-Produkten wie Tees, Ölen oder Tropfen, die Cannabis enthalten: Sie werden vermeintlich als legal angesehen. Man muss bei einer Kontrolle damit rechnen, dass, auch wenn "nur" unverarbeitete Teile der Cannabispflanze (wie es bei Nutzblütentee der Fall ist) aufgefunden werden, eine Verdachtsanzeige an die Staatsanwaltschaft vorgelegt wird, unabhängig davon, wie hoch der THC-Wert (Wirkstoffgehalt) tatsächlich ist. Es ist einfach ein Cannabis-Produkt, das erlaubnispflichtig ist. Nur weil ein Hanfblatt auf der Verpackung ist, heißt das nicht, dass es völlig unproblematisch wäre. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass wir diese Entwicklungen nicht verharmlosen dürfen. Im Gegenteil. Man muss die Bevölkerung aufwecken. Es muss ein Unrechtsbewusstsein im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln vorherrschen. Dies ist eine Problemstellung, die aus meiner Sicht in die öffentliche Diskussion gehört und von allen Verantwortlichen mit der notwendigen Sensibilität geführt werden sollte.

Herr Seeburg, wir danken für das Gespräch, das unser Mitarbeiter Martin Schweiger führte.