Sommer 2002: Der ehemalige Landrat Walter Keller sitzt mit Stephan Diller im Haßfurter Eiscafé Lazzarin am Torgraben. Sie sprechen angeregt miteinander. Es gibt ein Problem: Die Geschichtsschreibung des Landkreises weist viele Forschungslücken auf. Diller, mit dem Verfassen einer Haßfurter Stadtchronik beauftragt, kann diese Lücken alleine nicht schließen - er braucht Verstärkung. Also beschließen die beiden Männer die Gründung eines Vereins für Wissenschaftler und Laien, die der Lokalgeschichte auf den Grund gehen sollen. Zweieinhalb Jahre später wird aus der Idee Realität: Der Historische Verein Landkreis Haßberge ist geboren.

15 Jahre, 20 Bücher, 13 Beihefte, zahlreiche Exkursionen, Seminare, Stammtische und Mundarttage später gibt es nun den ersten Sammelband. Der erzählt auf 346 Seiten lokale Geschichte(n). So befasst sich einer der Autoren beispielsweise mit der Frage, weshalb "das unbedeutende Frickendorf zu so einer prächtigen Brücke gekommen ist". Ein anderer Beitrag beleuchtet die Geschichte um "die ältesten Schachfiguren nördlich der Alpen" – gefunden nahe Zell am Ebersberg.

Von der Steinzeit bis heute

"Das Werk umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Themen von der Steinzeit bis heute. Denn auch die jetzige Zeit ist bald Geschichte", fasst Wolfgang Jäger (Sailershausen) die Inhalte zusammen. Aus Sicht des Vereinsvorsitzenden ist es auch Aufgabe des Buches, "Legenden und Sagen durch historische Fakten zu ersetzen", wie er während der offiziellen Buchvorstellung erklärt. Bei der geben einige Autoren vor knapp 60 Interessierten Einblicke in einzelne Aufsätze des Sammelbandes.

Mark Werner (Sand) räumt mit historischen Fehlinterpretationen auf. Er klärt in seinem Aufsatz "Waldgeschichte im Steigerwald von der Eiszeit bis ins Mittelalter" darüber auf, dass die Buchen keineswegs schon immer so zahlreich dort standen.

Die Buchen im Steigerwald

Bei der hochumstrittenen Nationalpark-Diskussion avancierten die alten Buchenbestände zu einem Symbol für die Berechtigung eines Nationalparks. Aber Werner kann belegen, dass es für die weit verbreitete Annahme, das Mittelgebirge südlich des Mains sei einst ein reiner Buchen-Urwald gewesen, "keinen einzigen Nachweis" gibt. Schon allein da die Standortbedingungen (Klima, Boden und Relief) am Westrand des Steigerwaldes anders als im Osten, diejenigen in den Tälern anders als auf den Hochplateaus sind, sei dies auszuschließen. Werners Rekonstruktion der Vegetationsgeschichte vom Urwald bis hin zum modernen Wirtschaftswald gibt eine Erklärung für den großen Buchenbestand im Steigerwald: Die neuzeitliche Forstwirtschaft hab vermehrt auf die Rotbuche gesetzt.

Auch Reinhard Kulick (Mainz) eröffnet seinen Zuhörern anschließend Informationen zu weitgehend unbekannten Sachverhalten. So erklärt er, was es mit dem Ehrentitel des Kommerzienrates auf sich hatte. Die bayerische Regierung bedachte viele Personen aus der Rüstungsindustrie damit. Neben überregional bekannten Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, wie etwa Ernst Sachs, waren auch Geschäftsleute aus der Region zu dem Titel gelangt. Manche könnten dem einen oder anderen noch ein Begriff sein. So der Haßfurter Industrielle Nikolaus Mölter, der 1924 zum Kommerzienrat ernannt wurde. Die Gebäude seines Textilrecyclingunternehmens prägten noch lange das Bild der Zeiler Straße in Haßfurt. Inzwischen sind sie abgerissen.

Thomas Schindler wartet mit vielen Originalzitaten auf, als er über den vergessenen Autor Pater Placidus Urtlauff berichtet. Die Nachwelt zollte dem für sein Werk "Dominica, Festivale, Mariale" keine Anerkennung. Seine Autorenschaft geriet nämlich in Vergessenheit. Der Prior Gregor Fuchs wurde fälschlicherweise mit dem Werk in Verbindung gebracht.

Schnarchen in der Moschee

Dabei war es doch Urtlauff, der 1701 die mitunter fehlende Frömmigkeit seiner Glaubensbrüder kritisierte und sie mit derjenigen anderer Glaubensgemeinschaften verglich: "Welcher Türck darff in seiner Moschea schlaffen und schnarchen? er würde zu Stücken zerhauen. Welcher Heyd darff sich in dem Götzen-Tempel ungebührlich verhalten? er würde vom gemeinen Volk ermordet. So ehrbietig seynd die Juden in ihren Synagogen; so eiferig seynd die Türcken in ihren Moscheen; so andächtig seynd die Heyden in ihren Götzen-Häusern, daß wir Christen uns schämen müssen!"

Schindler mahnt jedoch, dass die Geschichtsschreibung niemals nur schwarz und weiß malen dürfe. Es gebe viele Grautöne, betont der Historiker. Nicht zuletzt deshalb seien die Bilder im Sammelband auf grauem Hintergrund abgedruckt.

Den letzten Vortrag zur Buchvorstellung hält Heinrich Weisel (Zeil). In seinen historischen Ausführungen über die zugezogenen Tiroler Bauhandwerker stellt er verblüffende Bezüge zur Gegenwart her: Der im Landkreis verbreitete Familienname Kehrlein sei beispielsweise auf den Einwanderer Jakob Kehrle zurückführbar. Der machte sich vor vielen Jahren in Prappach ansässig. Aus "Kehrle" wurde – typisch fränkisch – "Kehrla", Kehrlein war das Endergebnis. "Bei uns gibt es ja auch keine Würstle sonder nur Würschdla und kein Weckle sondern nur a Wegla", erklärt der Mann und ein Lächen zeigt sich unter seinem Hut.

Die Geschichte im Kleinen (Kommentar von Sven Dörr)

Die Geschichte ist ein großer Lehrmeister. Sie hilft uns, Vergangenes einzuordnen, die Genwart besser zu verstehen und somit unsere Zukunft bewusster zu gestalten. Oftmals steht in den verstaubten Geschichtsbänden unserer Bücherregale die Historie großer Männer geschrieben: Alexander der Große, Kaiser Augustus, Friedrich Barbarossa oder Otto von Bismarck. Oft spannender als diese meist einseitig berichtete und großdimensionierte Geschichtsschreibung sind die Alltags- und die Lokalgeschichte. Was geschah vor unserer Haustür, als Columbus die neue Welt entdeckte? Wie wirkte sich der 30-jährige Krieg auf meinen Heimatort aus? Weshalb ist unser Gemeindewappen wie es ist? Fragen wie diese sind oft sehr spannend - und schwer zu beantworten. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich Menschen mit dieser Geschichte im Kleinen befassen – und sie in die großen historischen Kontexte einbetten.

s.doerr@infranken.de