Was die Gemeinde Knetzgau vorhat, ist geradezu revolutionär. Würde das erdachte Sanierungskonzept für die Grund- und Mittelschule tatsächlich so umgesetzt, wie es die Rektorin Hannelore Glass und Bürgermeister Stefan Paulus (SPD/CWG) gestern in einem Pressegespräch vorgestellt haben, dann wäre die Schullandschaft im Kreis Haßberge - so sehen es die Verantwortlichen - um eine echte Attraktion reicher. Denn die Schüler sollen nicht mehr in normalen Klassenzimmern, sondern in sogenannten Lernrevieren unterrichtet werden. Und so eigenständig wie möglich arbeiten.

Räume schaffen

Marco Depner, der für die Gemeinde an dem Konzept mitgearbeitet hat, beschreibt es so: "Der Lehrer ist quasi nur noch Moderator." Wie das gemeint ist, kann Rektorin Hannelore Glass näher erklären, denn überflüssig werden die Lehrer nämlich nicht.
Dazu später mehr. Glass hat zusammen mit ihren Kollegen die künftigen pädagogischen Ansätze der Dreiberg-Schule definiert. Was das mit der Generalsanierung zu tun hat? "Wir wollen die Räume dazu schaffen", sagt Stefan Paulus. Denn diese neue Art von Unterricht brauche ein eigenes, ziemlich aufwendiges Raumkonzept.

Alte Schule

An der Dreiberg-Schule in Knetzgau nagt der Zahn der Zeit. "Das Gebäude ist über 40 Jahre alt und hat seine Schwächen", sagt Paulus. Veraltete Heizungsanlage, undichte Stellen im Dach, undichte Fenster, unzureichender Brandschutz sind einige der Mängel, die der Bürgermeister aufzählt. Das Thema beschäftigt Paulus schon lange, erklärt er. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2008 ist eine Sanierung der Einrichtung immer wieder in der Diskussion. Mittlerweile sei die Schule sogar zum Politikum geworden. Politische Gegner übten vermehrt Kritik. Paulus dazu: Seit zwei Jahren arbeite die Gemeinde gemeinsam mit der Schule daran, ein neuartiges Konzept für die Bildungsstätte zu entwickeln, "und ich bin froh, dass wir nicht überhastet reagiert haben". Die Generalsanierung biete der Knetzgauer Schule nun eine einmalige Chance.

Baubeginn 2014 geplant

Ein klares Ziel hat sich die Gemeinde auch gesteckt: Die ersten Bagger sollen im Jahr 2014 anrollen. Bei voraussichtlich zwei Jahren Bauzeit werde es "vor 2016 wohl keinen Unterricht im neuen Gebäude" geben, sagt Paulus. Auch bei der Kostenschätzung bleibt er vorsichtig: zwischen sieben und neun Millionen Euro dürften notwendig sein, um die ehrgeizigen Ziele umzusetzen. Ein Teil davon soll über verschiedene Fördertöpfe finanziert werden (wobei noch unklar ist, welche - denn erst, wenn die Planungen weiter vorangeschritten sind, können diverse Mittel beantragt werden). Fest steht laut Kämmerer Marco Depner: "Die Hauptlast liegt aber klar bei der Gemeinde." Dennoch sei man bei der Finanzierung zuversichtlich.

Offene Gestaltung

Die Aussichten sind im Erfolgsfall nicht schlecht: Wenn die neue Schule in Betrieb geht, erwartet die Schüler eine wahres Lernparadies. Das wird deutlich, wenn man den Ausführungen von Rektorin Hannelore Glass folgt. Die Grundschüler sollen künftig im ersten Stock unterrichtet werden, während die Mittelschule im Erdgeschoss untergebracht wird. Statt aktuell 17 Klassenräumen soll es sechs sogenannte Lernreviere geben. Die ersten und zweiten Klassen bekommen vier Inseln, die bei Bedarf auch zwei größere Inseln bilden können. Für die Mittelschule gibt es ein Revier für die Fünft- und Sechstklässler und ein weiteres für die Jahrgänge sieben bis neun. Keine langen dunklen Gänge mehr soll es geben in denen sich links und rechts die Klassenzimmer aufreihen, erklärt Glass. Die Inseln seien offen, die verschiedenen Klassen haben Sichtkontakt. Es können Lerngruppen gebildet, in denen individuelle Förderung möglich ist. Schüler, die bei einem Unterrichtsthema unterfordert sind, können auch in Gruppen höherer Jahrgangsstufen mitarbeiten und umgekehrt. Die Lehrer leiten die Schüler an, begleiten sie beim Lernen und sind Ansprechpartner. Dass der Lehrer vor der Klasse steht, um Informationen zu vermitteln, wird laut Glass nicht komplett abgeschafft. "Aber Frontalunterricht von 8 bis 13 Uhr und jeder soll das gleiche mitbekommen? So kann man nicht mehr unterrichten", ist sie überzeugt.

Als Vorbild für dieses Raum- und Unterrichtskonzept dienen den Knetzgauern das Albrecht-Ernst-Gymnasium in Oettingen (Bayern) sowie die Bodenseeschule in Friedrichshafen (Baden-Württemberg). Beide arbeiten seit Jahren erfolgreich mit außergewöhnlichen Pädagogikkonzepten, in Oettingen ist auch das Raumkonzept mit den Lerninseln bereits erprobt.


Die Idee hinter dem Konzept


Bewegung Die Schüler der Dreiberg-Schule Knetzgau sind künftig nicht mehr an Sitzreihen gebunden, sondern können sich frei bewegen. Auch auf dem Boden lernen ist möglich, oder im Stehen.

Lernatmosphäre Durch die offene Gestaltung sollen sich die Schüler weniger beengt fühlen und so mehr Freude am Lernen entwickeln können.

Disziplin Ordnung und Pünktlichkeit stehen weiter hoch im Kurs. Es gibt trotz
vieler Freiheiten klare Regeln.

Gemeinde Die Dreiberg-Schule will sich unter anderem über eine Mensa und eine Bibliothek der Gemeinde öffnen, insbesondere gegenüber Vereinen und Senioren.