Ein flacher Monitor, ein Mikrofon und eine Tastatur sind für Omid (16) und Ali (27) die einzige Verbindung in die Heimat. "Gerade hat ein Freund gefragt, wie es mir geht", erklärt Omid die persischen Buchstaben auf dem Bildschirm. "Ganz gut." Vor 15 Monaten kam Omid mit seiner Mutter und der kleinen Schwester aus dem Iran nach Deutschland. Vielleicht sind sie damals dem Tod entronnen. Aber jetzt hat Omid Zukunftsangst.

Omids deutsche Sätze kommen nicht ganz flüssig, aber er versteht die Fragen des Reporters. Ali hilft, wenn komplexere iranische Antworten zu übersetzen sind. Ingenieur wolle er werden, sagt der 16-Jährige. Ob es klappt, da ist er nicht sicher. "Selbst wenn ich eine Ausbildung oder ein Studium bekomme. Erst kriegen Deutsche Staatsbürger Jobs, dann die aus dem europäischen Ausland und dann wir", übersetzt Ali Omids Worte. Omid ruft bei Google Bilder der iranischen Hauptstadt Teheran auf.
Gern wäre er wieder in der Heimat bei seinen zwei zurückgebliebenen Geschwistern. Er will einer von ihnen und kein Flüchtling in Deutschland mit unsicherer Zukunft sein. Aber er und seine Mutter mussten weg. Sie wurden aus der eigenen Familie bedroht. "Wenn wir geblieben wären, wären wir tot", lässt Omids Mutter von Ali übersetzen.

Kein Luxus, aber alles intakt

Omid lebt mit seiner Mutter und der kleinen Schwester in der Gemeinschaftsunterkunft an der Karl-Link-Straße in Zeil. Er hat ein kleines Zimmer mit Holzmöbeln. Ein Bett, ein Schrank, ein paar Kommoden und ein Laptop. Kein Luxus, aber alles intakt und sauber. Eine Wasserpfeife ist das einzige Erinnerungsstück an die Heimat. "Sie konnten bei ihrer Flucht pro Person nur einen Rucksack mitnehmen, sagt Ali. Viel von ihrer Identität mussten Omid und seine Mutter im Iran lassen, als sie über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland kamen. Sieben Monate dauerte die Flucht. Jetzt hoffen sie, dass sie bleiben dürfen - ihr Asylverfahren läuft bereits seit 15 Monaten.

Omids Kumpel Ali ist seit vier Jahren in Deutschland. Er hat in Zeil Freunde gefunden, spricht fast perfektes Deutsch und hilft seinen Landsleuten, wenn es ums Einkaufen, um Behördengänge oder Bitten an den Hausmeister geht. Den unterstützt er auch - am Vormittag mäht er Rasen. "Man weiß oft nicht viel mit sich anzufangen. Arbeiten dürfen wir ja nicht", sagt der 27-Jährige. Eigentlich wollte er in Deutschland eine sportliche Profi-Karriere einschlagen. Im Iran war er Amateur-Bodybuilder. Aber um das teure Hobby hier auf hohem Niveau weiter zu machen, bräuchte er einen Job. Die monatlichen 240 Euro Handgeld vom Staat reichen nicht.

Viele Nationen unter einem Dach

96 Menschen aus dem Iran, Äthiopien, China, Russland und anderen Nationen leben in 20 Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern an der Karl-Link- Straße. Sieben Quadratmeter räumt die Bayerische Regierung jeder Person ein. Oft leben mehrere Nationen unter einem Dach. "Wir achten aber darauf, dass die Ethnien so gut es geht unter sich bleiben", sagt Franz Hümmer, der Koordinator und Betreuer der Zeiler Gemeinschaftsunterkunft. So wird verhindert, dass Angehörige verfeindeter Parteien miteinander wohnen müssen. Man denke nur an Irakis, die Schiiten, Sunniten, Kurden oder Christen sein können. In ihren Heimatländern führen einige religiöse Gruppen trotz gleicher Staatsbürgerschaft Kriege gegeneinander.

"Hier gehen sie sich einfach aus dem Weg. Wir haben fast keine Probleme zwischen unterschiedlichen Gruppen", sagt Hümmer. Auch mit den Anwohnern im Raum der Karl-Link-Straße gebe es keine Probleme. Im Gegenteil, sogar viele Menschen, die die Flüchtlinge ehrenamtlich unterstützen. Da immer mehr Flüchtlinge in Zeil untergebracht werden, die Personalstärke aber gleich bleibt, ist Hümmer für jede Hilfe dankbar.

Der 60-Jährige ist Ansprechpartner und Bindeglied der fast 100 Asylbewerber in Zeil. Seit 25 Jahren ist er im Auftrag der Regierung von Unterfranken als Koordinator der Gemeinschaftsunterkunft im Dienst und hilft, wo er kann: Wenn jemand zum Arzt muss, die Kinder auf die Schule oder in den Kindergarten schickt oder Kontakt zu einer Kirche sucht.

In einem der Häuser lernen Asylbewerber dreimal in der Woche Deutsch, sechs Unterrichtsstunden pro Tag. Heute sitzen acht Männer und Frauen in seinem Seminarraum und lernen die deutschen Bezeichnungen für Gebäude. Eine Chinesin malt mit dem Lineal ein rotes Kreuz auf ihr Krankenhaus und schreibt das Wort drunter. "Unser Ansatz ist nicht, die perfekte Grammatik zu vermitteln, sondern sie selbstständig zu machen", sagt Lehrer Martin Götze und spricht von Integration.

Integration war lange Zeit ein Fremdwort, wenn es um Flüchtlingspolitik in Deutschland ging. Man wollte Asylbewerber möglichst rasch wieder loswerden. Mittlerweile wird von einer Willkommenskultur gesprochen. In Zeil scheint der Ausdruck berechtigt.

Die meisten Asylbewerber kommen aus Äthiopien

Flüchtlingsströme Die Zahl der Asylbewerber in deutschen Regierungsbezirken wird zum Ende jedes Monats ermittelt. Ende Mai zählte die Regierung von Unterfranken (Würzburg) in ihrem Regierungsbezirk rund 3000 Asylbewerber. 1860 davon in Gemeinschaftsunterkünften und 1120 in dezentralen Einrichtungen (in Wohnungen abseits der Gemeinschaftsunterkünfte).

Stand Im Kreis Haßberge leben 198 Asylbewerber. Weil die Kapazitätsgrenzen ständig erreicht sind, sollen in Kürze 339 Plätze für Asylbewerber zur Verfügung stehen: 108 in Zeil und 89 in Eltmann (mit Dippach), 98 in Ebern (mit Jesserndorf), 16 in Gädheim, zwölf in Hofheim, neun in Burgpreppach und sieben in Maroldsweisach. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Äthiopien (36), Syrien (23), Mazedonien (16), Russland (15) und Serbien (15). Diese Zahlen sind am 1. Juni vom Landratsamt Haßberge erhoben worden.