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LKR Haßberge
Kreißsaal

Die einsame Geburt

Wegen der Pandemie sind Besuche in Kliniken nicht gestattet. Geburten gelten aktuell als Ausnahme. Eine frischgebackene Mutter erzählt von ihrer Angst, alleine entbinden zu müssen und davon, dass die Besuchssperre auch Vorteile für Mutter und Kind hat.
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Für Hebamme Annette Storkan ist die Mundschutzmaske zum Alltagsgegenstand geworden.privat
Für Hebamme Annette Storkan ist die Mundschutzmaske zum Alltagsgegenstand geworden.privat
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"Meine aller, allergrößte Angst war, dass mein Mann nicht mit in den Kreißsaal darf", erzählt Sandra Markert. Ihr Sohn Joshua kam am 10. April auf der Haßfurter Geburtshilfestation zur Welt. Die Tage vor der Entbindung hatte sie damit verbracht, die Homepage der Klinik stündlich zu aktualisieren, aus Angst, die Besuchsbeschränkungen könnten sich weiter verschärfen. "Dass mein Mann nicht auf Station kommen dürfte, das könnte ich verkraften. Aber im Kreißsaal wollte ich auf gar keinen Fall alleine sein."

Das Krankenhaus entscheidet

In bayerischen Kliniken gilt aktuell eine Besuchssperre. Nur in besonderen Fällen, wie bei einer Geburt, ist der Besuch einer Bezugsperson gestattet. Die Entscheidung darüber trifft jede Klinik selbst. "Und das ist eine Entscheidung, die von Tag zu Tag getroffen wird", berichtet Annette Storkan, Kreissprecherin der Hebammen im Landkreis. Auch ihre Patienten haben Angst davor, ohne Partner entbinden zu müssen.

"Die Geburt des Kindes ist der wichtigste Moment in der Partnerschaft. Wenn der Vater nicht dabei sein kann, ist das traumatisierend", erklärt sie. Eine Geburt bedeutet für Frauen trotz aller Freunde zunächst Angst und Schmerzen. "Und nur weil der Mann nicht dabei ist, heißt das nicht, dass wir Hebammen mehr Zeit für die Frauen haben", gibt Storkan zu Bedenken.

Eine Hebamme betreut mehrere Frauen gleichzeitig und kann nicht von der ersten Wehe bis zur Entbindung anwesend sein. Deswegen sind Händchenhalten und Zuspruch des Partners so wichtig. Alleine im Kreißsaal zu liegen, könne negative Auswirkungen auf den Geburtsverlauf und somit auf die Gesundheit von Mutter und Kind haben, erklärt die freiberufliche Hebamme.

Dennoch versteht sie, warum das Thema immer wieder diskutiert wird: "Die Männer sind bei der Geburt besonders wichtig, aber der Personalschutz auch. Auch Hebammen mit Grunderkrankungen müssen geschützt werden.

" Ein Corona-Screening vor der Aufnahme in die Klinik soll die Ansteckungsgefahr für Personal und Patienten minimieren, erklärt die Haßfurter Hebamme Manuela Poeschl-Handwerker. Die Schwangere und ihre Begleitperson werden nach Symptomen und Kontaktpersonen befragt. Zusätzlich werde Fieber gemessen, so Poeschel-Handwerker. "Dabei bekommen beide einen Mundschutz, den auch wir tragen. Ist alles in Ordnung, darf die Frau bei uns entbinden und der Partner darf bleiben."

Alle aktuellen Entwicklungen im Landkreis gibt's in unserem Corona-Ticker.

Hochsicherheitstrakt in Bamberg

Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass Schwangere zur Risikogruppe des Coronavirus gehören, trotzdem ist die Ausnahmesituation eine zusätzliche Belastung, das musste auch Markert feststellen.

Ihre letzte Voruntersuchung fand am Bamberger Klinikum statt: "Ich war schon etwas erschrocken wie ich dort war. Es war aufgebaut wie ein Hochsicherheitstrakt. Ich musste in ein Zelt, alleine. Obwohl es natürlich auch hätte sein können, dass die Geburt eingeleitet werden muss", erzählt die Schönbacherin. "Mein Mann musste im Auto warten, mit meinem Koffer. Wir hatten alles dabei, falls ich gleich da bleiben muss. Das war komisch und auch ein bisschen beängstigend."

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Die Furcht vor einer einsamen Geburt, aber auch die Sorge vor einer Infektion mit Covid-19 lassen die Anfragen nach Hausgeburten im Landkreis steigen, erzählt Storkan. Doch dafür gebe es zu wenige Hebammen. "Das ginge so kurzfristig auch gar nicht, weil es nicht viele Hebammen gibt, die noch Hausgeburten anbieten. Hat man das Glück, einen solchen Platz zu erwischen, stehen diese Hebammen in sehr engem Kontakt zu den Frauen, damit mögliche Risiken frühzeitig erkannt werden", berichtet Poeschl-Handwerker.

Für viele Frauen ist die ambulante Geburt die einzige Alternative. "Auch diese Zahl nimmt stark zu", bestätigt Storkan. "Die Frauen versuchen so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus wieder rauszukommen."

Mehr Zeit für die neue Familie

"Dieses Angebot, die Klinik nach wenigen Stunden der Überwachung nach der Geburt zu verlassen, nutzen hauptsächlich Frauen, die bereits größere Kinder zu Hause haben. Wenn aus unserer Sicht nichts dagegenspricht, ist auch dies eine Möglichkeit, sich bestmöglich vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen", erzählt die Leitenden Hebamme der Haßberg-Kliniken Petra Müller.

In den Haßberg-Kliniken ist die Anwesenheit des Vaters bei Geburt und auf Station trotz Corona ausdrücklich erwünscht. "Wir versuchen aktuell grundsätzlich unsere Patientinnen auf der Geburtshilfe einzeln zu legen und empfehlen den frischgebackenen Familien die Möglichkeit unserer Familienzimmer zu nutzen, da der Vater dann auch bei uns im Krankenhaus bleibt und die Familie sich in einem besonders geschützten Rahmen kennenlernen kann", erzählen Müller und Stationsleitung Sonja Jäger. Geschwisterkinder und Verwandte müssen allerdings draußen bleiben.

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"Gechillte" Mamas und Babys

So sah der kleine Joshua seien großen Bruder das erste Mal per Videoschalte ins Krankenzimmer. Gestört hat Sandra Markert die Besuchersperre nicht. "Ich finde, dass man als frischgebackene Mama erstmal mit sich selbst und dem Kind zutun hat." Der gut gemeinte Besuch von Verwandten ist oft Stress für Mutter und Baby. Das bestätigt auch Müller: "Ehrlicherweise muss man sagen, dass dies einer der wenigen positiven Nebeneffekte der Pandemie ist. Mutter und Kind können die Geburt und den Schlafmangel in den ersten Tagen gut verarbeiten, sich bestmöglich ausruhen."

Mittlerweile ist Markert samt Sohnemann wieder daheim. Ausgangsbeschränkung und der vorgezogene Urlaub ihres Mannes, was vorher ein Ärgernis war, kommt ihnen nun zu Gute: "Uns geht's total gut. Der Kleine ist total gechillt. Wir können bis 11 Uhr auch im Schlafanzug rumlaufen, weil wir keinen Besuch erwarten", erzählt sie.

Versorgung der Mamas per Video

Die Hebammen im Landkreis haben Schwangerschaftsvorbereitung und Wochenbettbetreuung der Krisensituation angepasst. "Ich habe zu Beginn der Pandemie alle Klientinnen angerufen und Ihnen erklärt, dass wir dazu angehalten wurden, nur noch die dringendsten Hausbesuche zu erledigen. Wenn sie jedoch einen Hausbesuch wünschen, müssen Sie mir eine Unterschrift geben und versichern, dass sie sich des Risikos bewusst sind, dass ich Überträger sein kann", erzählt Poeschl-Handwerker. Handschuhe und Desinfektionsmittel waren vorher schon Pflicht, jetzt kommen Mundschutz und separater Stift für die Mutter zum Unterschreiben hinzu.

Wenn gesundheitlich nichts dagegenspricht, bestellt Storkan ihre Patienten in ihre Haßfurter Praxis. Dort könnten die Hygieneregeln besser eingehalten werden, erzählt sie. Sie achtet darauf, dass die Termine so gelegt sind, dass sich die Patienten nicht gegenseitig über den Weg laufen. Viele Frauen nehmen den Weg in ihre Praxis sogar gerne auf sich, berichtet Storkan, um dem Lagerkoller zuhause zu entkommen.

Doch auch in der Praxis wird die Schutzkleidung knapp. Hebammen dürften keine Masken und Handschuhe auf Vorrat anschaffen. "Wir sind zwar systemrelevant, stehen aber nicht an erster Stelle. Deswegen hat der Hebammenverband mit den Krankenkassen die Möglichkeit erarbeitet, dass Videochats als Hausbesuche abgerechnet werden können", erklärt Storkan. "Das ist vollkommend neu, vorher konnte man das nicht abrechnen." So können Fragen kontaktlos geklärt oder Vorbereitungskurse per Video abgehalten werden. Für viele Untersuchung ist dennoch weiterhin persönlicher Kontakt nötig.

Willkommen im Corona-Kreißsaal

Die Anzahl der Coronafälle steigt - wenn auch deutlich langsamer - weiter. Das Leopoldina-Krankenhaus Schweinfurt hat deswegen einen Corona-Kreißsaal eingerichtet. Die alte Notaufnahme wurde kurzerhand zu einer Geburtshilfestation für Schwangere mit Covid-19 Verdacht oder bestätigter Infektion umgestaltet. An diese Adresse verweisen die Krankenhäuser aus dem Landkreis Haßberge positiv getestete Patienten. Die gute Nachricht: auch im Corona-Kreißsaal muss die werdende Mama nicht alleine entbinden, der Vater darf mit.