Es war eine Nacht wie tausend andere. Wie immer stieg er aus seinem Bau und ging auf Futtersuche. Mitten auf der Fahrbahn blendete ihn plötzlich grelles Licht. Als er das dröhnende Geräusch hörte, war es zu spät: Nach einem harten Aufprall überrollte ihn ein tonnenschweres Gewicht und löschte sein Biberleben aus.
Wildunfälle sind in den Haßbergen und im Steigerwald an der Tagesordnung. Zumeist trifft es Hasen und Rehe. Der kürzliche Zusammenstoß auf der Staatsstraße von Haßfurt nach Hofheim im Bereich der Abzweigung nach Königsberg fiel aber aus dem Rahmen. Denn: Jagdpächter Erich Koch aus Hellingen schleppte ein ausgewachsenes Bibermännchen aus dem Straßengraben.

Markenzeichen hinterlassen


Wie uns der Jäger berichtet, hat er bereits seit einem knappen Jahr einen Biber an der Nassach gesichtet. Dass sich das Tier seit einiger Zeit hier heimisch fühlt, erkennt man an seinem Markenzeichen: in Form einer Sanduhr angenagte oder schon gefällte Bäume entlang des Bachlaufs.
Waidmänner haben eher selten mit dem Tier zu tun, denn es steht unter absolutem Schutz. Das überfahrene, rund 30 Kilogramm schwere und äußerlich unversehrte Prachtexemplar lässt Klaus Haubensack von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt in Haßfurt für Lehrzwecke ausstopfen.
Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis der pelzige Baumeister die Nassach erobert. Erstmals wurde er 2002 im Haßbergekreis gesichtet - am Sander Baggersee. Seitdem, sagt Haubensack, haben sich die Nagetiere rasant ausgebreitet. Wolfgang Lappe, der Biberexperte des Bundes Naturschutz und Naturschutzwächter aus Ebern, weiß von fünf Revieren im Itzgrund und deren acht entlang der Baunach. Inzwischen haben sie mit Aurach und Rauher Ebrach auch den Steigerwald erobert. Lappe schätzt, dass rund 200 der pelzigen Dammbauer den Kreis Haßberge bevölkern.
Haubensack erläutert, dass die hiesige Biberpopulation höchstwahrscheinlich von der Donau und aus dem Altmühltal stammt. Über den Main-Donau-Kanal und die Regnitz sind die Fremden aus dem Süden gekommen. Aber gar so fremd sind die Wasserbewohner nicht, handelt es sich bei ihnen doch um "alte Bekannte": Ihre Vorfahren bauten hier jahrhundertelang ihre Biberburgen. Ihr warmes Fell und das essbare Fleisch, auch als Fastenspeise beliebt, wurde ihnen im 19. Jahrhundert zum Verhängnis: Sie wurden deutschlandweit ausgerottet.
Obwohl das größte Nagetier Europas reiner Vegetarier ist, jubeln nicht alle über seine Rückkehr. In der Forstwirtschaft stören mitunter die gefällten Bäume, und Meister Bockert, wie der Nager in Fabeln genannt wird, gefährdet Hochwasserdeiche, die durch seine Wohnhöhle instabil werden. Auch die Landwirte haben ihn nicht gerade ins Herz geschlossen, räubert er im Sommer und Herbst doch gerne mal im Mais- oder Rübenacker.
Trotzdem gebe es bislang noch keine gravierenden Probleme, erklärt Haubensack. Aus Sicht des Naturschutzes kann man den nächsten Verwandten des Eichhörnchens nur begrüßen. Von den überfluteten und gestauten Bächen profitieren nämlich andere Tierarten, etwa Amphibien, Eisvögel oder der Schwarzstorch. Und mit seinen Baumfällaktionen zerstört er nicht Bewuchs, sondern sorgt für die Verjüngung des Auwalds.