Ist der 1. Mai, der "Tag der Arbeit", noch zeitgemäß? Für Norbert Zirnsak ist die Antwort klar. "Der 1. Mai hat weiterhin eine hohe Bedeutung. Der 1. Mai passt in die Zeit", sagte der Gewerkschafter bei der Maikundgebung des DGB Haßberge am Maifeiertag im Goger-Saal in Sand. Knapp 30 Besucher hörten die Rede des aus Ebelsbach stammenden Gewerkschafters. Der 47-Jährige arbeitet als Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall in Würzburg. Er stellte seine Rede unter das bundesweite Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum 1. Mai. Es lautete "Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit".

Der 1. Mai steht laut Norbert Zirnsak für den "sozialen Fortschritt". Die Arbeiterbewegung und ihre Gewerkschaften arbeiteten auch künftig mit Beharrlichkeit und Organisationskraft an der stetigen Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen, sagte er. Zirnsak: "Der 1. Mai spielt auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung für eine solidarische Gesellschaft. In einer Zeit, in der die Vermögenden ihren Reichtum in die Höhe treiben, braucht es den 1. Mai als den Tag der Arbeiterbewegung genauso wie vor 128 Jahren, als die Arbeiterschaft damit begann, für den Acht-Stunden-Tag zu kämpfen."

Das sieht der Kreisvorsitzende des DGB Haßberge, Sandy Koppitz, ähnlich. Der 1. Mai ist nach seiner Ansicht "extrem wichtig". Der 40-jährige Haßfurter hält es für bedeutend, immer wieder daran zu erinnern, dass die Solidarität der Menschen untereinander "alles groß gemacht" habe. Und diese Solidarität sieht der Gewerkschafter (IG Metall) immer mehr bedroht. Gegenseitige Unterstützung sei aber notwendig, weil sie gegen den Egoismus in der Welt stehe.

Was bewegt die Gewerkschaft im 21. Jahrhundert? Norbert Zirnsak kritisiert einen "Höchststand an marktradikaler Deregulierung. Sind wir nicht seit Jahren mit einem lebhaften Wildwuchs auf den Arbeitsmärkten befasst?", fragte er und beantwortete seine Frage gleich selbst mit Stichworten, die die Tätigkeit der Gewerkschaften beschreiben. Der 47-Jährige nannte die Probleme Arbeit auf Abruf, atypische Beschäftigung, Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitbeschäftigung und Werkverträge. "Und mehr und mehr sind wir übrigens mit Problemen rund um das Thema der sogenannten Lebensarbeitszeitkonten beschäftigt", schilderte Zirnsak. Aus der Rede des früheren Ebelsbachers ging hervor, dass die Problemstellungen nicht abstrakt sind, sondern auch im Kreis Haßberge auftauchen.

Bleibt noch die Frage, ob eine Veranstaltung wie die Maikundgebung des DGB in Sand ein taugliches Mittel ist, um auf die Missstände in der Arbeitswelt aufmerksam zu machen. Bei knapp 30 Zuhörern, von denen die meisten aus der Gewerkschaftsbewegung kommen, ist die Breitenwirkung eher gering.
Der Haßfurter Erich Heß hat schon viele dieser Veranstaltungen zum 1. Mai mitgemacht. Der frühere Postgewerkschafter hat eine einfache, aber schlüssige Erklärung dafür, wie solche Maikundgebungen einzuschätzen sind. "Es kommt immer auf die Zeit an", sagt der 88-Jährige. Wenn es den Menschen gut geht, kommen weniger zu den Veranstaltungen. Wenn es den Menschen schlecht geht, sind es mehr...

Der DGB zeigte sich bei der Maifeier in Sand solidarisch mit dem Eberner Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD), der im Tarifkampf mit einer Rede vor der FTE-Belegschaft die IG Metall unterstützt hatte. Dafür war ihm von Politikern vorgeworfen worden, dass er seine Neutralitätspflicht als Bürgermeister verletzt habe. Norbert Zirnsak wertet den Auftritt Hennemanns, der vorher Betriebsratsvorsitzender bei FTE (heute Valeo) war, dagegen als ein "klares Zeichen der Solidarität mit den Menschen, die tagtäglich gute Arbeit leisten. Es gibt hier nichts zu kritisieren. Jürgen Hennemann hat völlig richtig gehandelt."

Die Gewerkschaft fordert, dass das Zeiler Hallenbad erhalten bleibt. Sowohl der Redner Norbert Zirnsak als auch der Dritte Bürgermeister von Sand, Paul Hümmer (SPD), machten sich stark für das von Schließung bedrohte städtische Bad in der Nachbarstadt. Sie verlangen eine staatliche Förderung für die Anlage, für die eine Generalsanierung oder gar ein Neubau notwendig wäre. Der Staat müsse im Sinne der Arbeitnehmer in die Infrastruktur investieren, und dazu gehört laut Hümmer ein solches Bad. "Es sind die Kinder der Beschäftigten, die dort schwimmen lernen", sagte Zirnsak. "Zeil ohne Hallenbad ist nicht mehr Zeil."

IG-Metall-Sekretär Norbert Zirnsak kritisierte, dass auch im Landkreis Haßberge Beschäftigte beim Mindestlohn hintergangen werden. Nach seinen Angaben leitete das Hauptzollamt Schweinfurt im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres 84 Ermittlungsverfahren wegen nicht gezahlter Mindestlöhne im Landkreis ein. 22 Mal sei der Zoll im Gaststättengewerbe fündig geworden. Dazu befürchtet Zirnsak eine "deutlich höhere Dunkelziffer". Es sei unerträglich, dass es immer noch Chefs gebe, "die glauben, sie müssten sich nicht an geltendes Recht halten. Lohndrückerei ist kein Kavaliersdelikt", sagte der Redner.

Vor allem an die Adresse der Ebelsbacher Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU) gerichtet, die im Bundeskanzleramt als Staatsministerin für Digitales zuständig ist, forderte Norbert Zirnsak, dass der Landkreis mit schnellem Internet und einem gut organisierten öffentlichen Verkehr ausgestattet werden muss. Der ländliche Raum brauche eine vernünftige digitale Infrastruktur und Pendler müssten kostengünstig, zuverlässig und schnell zu ihren Arbeitsplätzen gelangen. Zirnsak sprach sich für gute Busverbindungen aus und konkret für einen Bahnhalt in Obertheres. "So ist den Beschäftigten geholfen", meint er.

Der Kreisverband Haßberge des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von über 9000 Mitgliedern der DGB-Gewerkschaften, die im Landkreis Haßberge wohnen. Alle vier Jahre, zuletzt 2017, wird von einer aus 30 Delegierten bestehenden Kreisversammlung der Kreisvorsitzende gewählt und der Kreisvorstand bestätigt. Der Kreisvorstand besteht aus je einem entsendeten Vorstandsmitglied der DGB-Mitgliedsgewerkschaften IG BAU, IG Metall, NGG, GEW, GdP und Verdi sowie dem gewählten Kreisvorsitzenden. Das ist seit 2017 der Haßfurter Sandy Koppitz. Er hat die Nachfolge von Anna Schlechter (Oberaurach) angetreten.