55 Jahre ist Nina Kaimova. Aufgewachsen in der schönen Stadt Almaty im Süden Kasachstans am Nordfuß des chinesischen Gebirgszugs Tian-Schan. "Die Natur dort ist zum Staunen. Auch die moderne Architektur der Stadt will mit der Natur Schritt halten: Es werden viele unglaubliche Villen und Schlösser von den wohlhabenden Bürgern gebaut," erzählt Nina Kaimova mit einem Hauch von Wehmut im Gesicht. Letztes Jahr hat sie ihre Heimat besucht. Alle ihre ehemaligen Schüler studieren. Das macht sie stolz.

In Almaty studierte Nina Lehramt, ab 1982 arbeitete sie dort als Lehrerin. Zuerst in der Schule, dann in einem angesehenen Gymnasium. Bis heute schwärmt sie: "In der Schule haben wir auch viel außerhalb des Lehrplans gemacht. Tanzen, Musik, Malen, Theater. Die Schule war unser Zuhause."

Die inneren Werte zählen

Nina Kaimova liebte es, Literatur zu unterrichten.
"Als meine Schüler nach dem Literaturunterricht, wo wir die Textanalysen der russischen Schriftsteller gemacht haben, beflügelt raus kamen, war ich als Lehrerin glücklich. Denn das ist, was die klassische Literatur vermittelt: die inneren Werte. Wenn die Schüler sich damit befassen, haben sie einen guten Start ins Leben." Besonders schätzt Nina Kaimova die Autoren des 19. Jahrhunderts. Alexander Puschkin, Leo Tolstoj, Ivan Turgenew. Wenn sie über sie redet, leuchten ihre Augen.

1997 starb ihr Mann. Ihre Arbeit mit den Kindern in der Schule schenkte ihr Trost. Als sie Freunde in Deutschland besuchte, lernte sie 2007 ihren zweiten Mann kennen, einen Russlanddeutschen. 2008 zog sie zu ihm nach Haßfurt.

Und da ist sie nun. Und weiß nicht, wie sie in Deutschland das verwirklichen könnte, was einmal ihr Leben war: Kindern russische Sprache und Literatur nahe zu bringen.

Ein kluger netter Mensch

Dass sie ihr Talent hier so wenig einsetzten kann, tut der Migrationsberaterin des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Haßfurt sehr leid. Eva Kress-Finkernagel mag Nina Kaimova sehr gerne: "Sie ist sehr engagiert, offen, freundlich. Eine Frau, die sehr viel zu bieten hat, und trotzdem nicht richtig hier ankommt... Das ist traurig."

Das Problem liegt in der Sprachpraxis. Nina Kaimova lernt Deutsch überaus eifrig: Sie hat nicht nur einen sechsmonatigen Sprachkurs absolviert und trägt auch jetzt überall das Wörterbuch mit sich, sie nahm überdies am Projekt "Bildungspatenschaft" des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) im Landkreis Haßberge teil. Nina Kaimova beherrscht die deutsche Grammatik in der Theorie. Und die hat sie auch drei Frauen aus Afghanistan, Iran und Sudan beigebracht, die bisher nicht lesen und schreiben konnten. Dafür sprachen die Frauen gut Deutsch, denn sie leben schon über zehn Jahre in Deutschland. So kam Nina Kaimova zu mehr sprachlicher Praxis.

Eines machte ihr auch sehr viel Spaß: Beim Babysitting-Projekt des Roten Kreuzes passte sie auf ein Kind auf, las ihm Bücher vor und unterhielt sich mit ihm. "Mit ihren eineinhalb Jahren war das deutsche Mädchen ein geduldiger und dankbarer Zuhörer," lacht Kaimova.

Geduldig muss Nina Kaimova sein, denn ein beruflicher Einstieg ist auch wegen ihres Alters nicht so einfach, wie Eva Kress-Finkernagel meint. "Sie kommt aus einer Branche, aus der man normalerweise mit 55 aussteigt", sagt die Beraterin.

Das Alter sei überhaupt oft ein Problem bei vielen Migranten. Und dazu der fehlende Führerschein oder die frühe oder lange Mutterschaft. Nina Kaimova lässt sich nicht beirren. Sie will gerne mit den Kindern in Deutschland arbeiten. "Ich bin voller Kraft und werde es noch lange sein," sagt sie. Und sie findet ihre Idee gut, den Kindern, hauptsächlich mit russischem Migrationshintergrund, die Sprache und die Literatur ihrer ersten Heimat beizubringen.

Die Wurzeln verkümmern

Denn heute, so ihre Erkenntnis, haben die Eltern weder Zeit noch Lust, um ihren Kindern die Sprache der Vorfahren beizubringen. Viele Kinder, besonders diejenigen aus den russischen Familien, die hier aufwachsen, lernen die einstige Muttersprache nicht mehr.

Nina Kaimovas Fall ist nicht der einzige. Es gibt Menschen, die über fünf, zehn oder sogar 20 Jahre die Migrationsberatung aufsuchen. "Zu uns kommen Leute, die aufgrund ihrer Lage psychisch so belastet sind, dass sie Haarausfall haben," erzählt Karina Hauck, Leiterin der Familien- und Jugendhilfe beim BRK. Sie berät Migranten zu Sprachkursen, Aufenthaltsrechten oder im Blick auf Behörden und berufliche Orientierung.

Im Übrigen gibt es viele positive Beispiele für Migranten, die sehr schnell in den Beruf finden. Karina Hauck ist selbst das beste Beispiel dafür. Sie kam 2005 aus der Ukraine nach Deutschland, studierte kurz darauf Sozialpädagogik in Bamberg. Heute ist sie die Leiterin der BRK-Beratung für Migranten und Spätaussiedler. Hauck kennt ihre Arbeit von innen, denn sie ist selbst diesen Weg gegangen. "Das glückliche Einleben fällt nicht vom Himmel," sagt Karina Hauck. "Bei der Integration braucht man etwa zehn Prozent Glück. Weitere 90 Prozent sind harte Arbeit."

Lesetipps und wichtige russische Literaten

Welche russischen Schriftsteller findet Nina Kaimova besonders gut? Welchen Tipp würde sie deutschen Lesern geben, um die russische Literatur kennenzulernen? Nina Kaimova lächelt. Da kann sie gerne etwas dazu sagen. Vier Kandidaten hat sie ausgewählt:

Alexander Puschkin(1799 bis 1837) gilt als der bedeutendste Poet Russlands des 19. Jahrhundert. Da sprachen die russischen Adligen meist Französisch. Russisch selbst war als umgangssprachlich verpönt.
Puschkin setzte sich dagegen ab: Er schrieb ausschließlich auf Russisch und offenbarte die Schönheit der eigenen Sprache. Sein erzählerischer Stil ist seitdem untrennbar mit der russischen Literatur verbunden. Puschkin beeinflusste zahlreiche russische Dichter massiv.

Eugen Onegin(1825 bis 1831) ist das bedeutendste seiner Werke, und es erzählt die Liebe zwischen Tatjana und Eugen. Sie ist ein fein erzogenes Mädchen vom Lande mit dem besonderen Gespür für Schönheit und enger Verbundenheit zu Natur und dem russischen Landleben. Er gehört der Elite Moskaus und Sankt Petersburgs an, ist frühreif und zynisch. Die Geschichte beschreibt das fatale Schicksal ihrer Liebe im Kontrast mit der Gesellschaft: die Schönheit des einfachen Landvolkes mit seinen Ur-Traditionen im Gegensatz zu der Niedertracht der "Hohen Gesellschaft".

Zahlreiche Werke von Puschkin inspirierten Komponisten: Eugen Onegin war eine Vorlage für eine Oper von Pjotr Tschaikowski. Aus Der geizige Ritter (1830) machte Sergej Rachmaninow eine Oper, ebenso wie Modest Mussorgski aus Boris Godunow (1828). Auch Puschkins Märchen und Poeme sind große russische Literatur. Nina Kaimovas Tipp zum Lesen: Ruslan und Ljudmila (1820).

Wunderbar sind für die Literaturwissenschaftlerin auch die Novellen von Ivan Turgenev (1818 bis 1883) - Höhepunkt dieser Gattung in der russischen Literatur. Turgenev lässt als Meister der Charakterzeichnung seine Figuren aus vielen kleinen und kaum wahrnehmbaren Einzelheiten erstehen. Das Motiv der Liebe prägt Turgenevs Novellen; später kam auch das Geheimnisvolle (Klara Militsch, 1882). Eines seiner bedeutendsten Werke ist Väter und Söhne (1862).

Das Schicksal seines Helden Eugen Bazarov verband Turgenew mit sozialen, politischen und ideellen Strömungen im Russland der 1850er bis 1870er Jahre: Ein junger Mann hat in der Hauptstadt Medizin studiert und kehrt zurück zu den Eltern aufs Land. Als die zwei Generationen zusammenstoßen, entwickelt sich eine Tragödie. Die kalte Naturwissenschaft der Jugend prallt auf die liebevollen naturnahen Lebensgesetze der Älteren. Das Ende ist überraschend, denn das Leben erteilt dem Helden eine Lehre.

Ivan Gontscharow (1812 bis 1891) wuchs als Sohn eines reichen Getreidehändlers auf einem Landgut auf. Gontscharow hatte eine enge Verbindung zu seiner Mutter - wie Ilja Oblomow, Held seines Romans mit dem Titel Oblomow. Der lebt in Sankt Petersburg, wird aber von der großen "falschen" Stadt überfordert. Darauf reagiert er mit Apathie und Schlafen. Er träumt von wahrer Liebe und Glück. Diese tiefere Bedeutung des Romans vertuschte man in der kommunistischen Sowjetunion. Da geißelte man die Faulheit des Helden, die "Oblomowerei". International fand der Roman viel Resonanz. Ilja Oblomov wird mit Shakespeares Hamlet verglichen. Die Frage "Sein oder nicht sein?" beantwortet er mit "Nein!"

Ganz anders der moderne Schriftsteller Viktor Pelevin (geboren 1962). Der postsowjetische Raum gab viel Stoff für postmoderne Fantasien so wie in Der gelbe Pfeil (1993). Ähnlich der transsibirischen Eisenbahn, fährt Pelevins Zug durch ganz Russland ohne Halt ins Nichts. In jedem Abteil leben die Menschen ihr Leben. Jeder sein eigenes, und das beschreibt Pelevin akribisch. Der Buddhismus gibt Pelevins Werken Hintergrund. Lesenswert sind von ihm auch "Buddhas kleiner Finger" (1996) und "Generation P".
Alle vorgestellten Werke gibt es auch auf Deutsch.