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Haßfurt
Geschichte

Als die Pest nach Haßfurt kam: Kontaktbeschränkungen und Heilerde gegen den "Schwarzen Tod"

Epidemien sind gefürchtet – das zeigt Corona aktuell auf eindrucksvolle Weise. Verglichen damit gab es in der Vergangenheit aber flächendeckende Infektionskrankheiten, deren Folgen wesentlich gravierender waren – auch in Haßfurt.
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"Ausgeben für Medicamenten in den Sterbsleufften" (links oben): Die ehemaligen Bürgermeister Linhart Baardt und Johann Bauer notierten die Kosten für Heilerde, Giftessig, Sauerampfer und anderer Mittel zur Pestbehandlung in der Bürgermeisteramtsrechnung.  Foto: Stadtarchiv Haßfurt "Ausgeben für Medicamenten in den Sterbsleufften" (links oben): Die ehemaligen Bürgermeister Linhart Baardt und Johann Bauer notierten die Kosten für Heilerde, Giftessig, Sauerampfer und anderer Mittel zur Pestbehan...
"Ausgeben für Medicamenten in den Sterbsleufften" (links oben): Die ehemaligen Bürgermeister Linhart Baardt und Johann Bauer notierten die Kosten für Heilerde, Giftessig, Sauerampfer und anderer Mittel zur Pestbehandlung in der Bürgermeisteramtsrechnung. Foto: Stadtarchiv Haßfurt "Ausgeben für Medicamenten in den Sterbsleufften" (links oben): Die ehemaligen Bürgermeister Linhart Baardt und Johann Bauer notierten die Kosten für Heilerde, Giftessig, Sauerampfer und anderer Mittel zur Pestbehandlung in der Bürgermeisteramtsrechnung. Foto: Stadtarchiv Haßfurt

Die Seiten unter dem Pergamenteinband knistern beim Blättern. Auf dem leicht beigen Papier ist die Tinte verblasst. Die Schrift wirkt eilig hingeworfen. Sie zu lesen ist schwer – für einen Laien eigentlich unmöglich. Die Sprache ist nur bedingt verständlich. Selbst die moderne Fassung des Geschriebenen wirkt noch altmodisch: "Verzeichnis aller in diesem Jahr 1611 in der Pfarrei Haßfurt bei dem großen Sterben in Gott Verschiedenen." Der Pfarrer Hieronymus Degen schrieb diese Worte als Überschrift der Eintragungen zur Pestseuche aus dem Jahr 1611 ins Matrikelbuch der katholischen Pfarrei Haßfurt. Auf insgesamt zehn Seiten gibt er darin Aufschluss über die verheerenden Auswirkungen der Epidemie.

Der "Schwarze Tod" war damals nicht unbekannt: Bereits im 14. Jahrhundert kam es zur ersten großen Pestepidemie in Europa. Während der Belagerung einer genuesischen Handelsniederlassung auf der Krim durch ein Tatarenheer breitete sich die Krankheit dort aus. Die übertragenden Rattenflöhe befielen auch einige der fliehenden Kaufleute. Die schleppten die Krankheit ins sizilianische Messina ein. Von dort verbreitete sie sich über ganz Europa. Das war durch die schlechten Hygienebedingungen möglich – viele Ratten kamen den Menschen sehr nahe. Auch eine Übertragung durch Kleiderläuse wird unter Wissenschaftlern diskutiert. Die Ausbreitung der Lungenpest von Mensch zu Mensch per Tröpfcheninfektion tat ihr Übriges. Historiker schätzen, dass die Pest so ein Viertel der abendländischen Bevölkerung dahinraffte.

Nach der ersten großen Seuche kam es zu erneuten Pestwellen – auch in Haßfurt. Dort forderte die Krankheit zwischen 1581 und 1593 beispielsweise 120 Todesopfer. Die vergleichsweise hohen Zahlen sind jedoch nichts verglichen mit dem, was Jahre später folgen sollte.

Großer Pestausbruch in Haßfurt

Das pestbedingte Massensterben in der heutigen Kreisstadt begann im Sommer 1611. Die warmen Temperaturen begünstigte die Fortpflanzung und die Beweglichkeit der Überträger. In der Bürgeramtsrechnung der Stadt ist der Seuchenausbruch auf den Sonntag nach Pfingsten, also den 30. Juni, datiert. Die Seuche hielt bis zum 25. August an, wütete ab dem 10. September wieder und dauerte unter Abschwächung bis Weihnachten des Jahres fort. Beinahe jede Haßfurter Familie hatte Todesopfer zu beklagen, so manchen Hausstand löschte die Seuche gar komplett aus. Es gab Tage an denen 15 Personen starben, in der Woche vom 26. September bis zum 2. Oktober des Jahres waren 53 Pesttote zu beklagen. Insgesamt erreichten die Sterbezahlen eine Marke von 476 – rund die Hälfte waren Kinder.

Aber auch stadtbekannte Persönlichkeiten waren unter den Opfern. So starb beispielsweise der Schmied und spätere Oberbürgermeister Kaspar Höhn durch den "Schwarzen Tod". Ebenfalls unter den Opfern der pestbedingten Lungenentzündung waren Bäcker und Metzger. So entstanden teilweise Versorgungsengpässe im Stadtgebiet.

Vier Totengräber im Dauereinsatz

Es ist anzunehmen, dass das Haßfurter Siechhaus, wie während des vorherigen Ausbruchs, wieder zum Pestilenzhaus wurde und im Garten daneben ein Pestfriedhof angelegt wurde.

Auf dem hatten die vier Haßfurter Totengräber alle Hände voll zu tun. Entgegen der zeitgenössischen Vermutung waren sie durch ihre Arbeit keinem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt: Die infizierten Flöhe trinken nur warmes, fließendes Blut und entfernen sich deshalb nach dem Tod vom Körper, um den nächsten Wirt zu befallen.

Die dadurch Infizierten behandelte in der heutigen Kreisstadt im Jahr 1611 ein Barbier aus Ansbach, den der Stadtrat verpflichtet hatte. Ärzte gab es zum damaligen Zeitpunkt im Stadtgebiet nämlich nicht. Auch eine Apotheke fehlte in Haßfurt. Der Würzburger Mediziner Dr. Georg Wassermann stellte also die nötigen Rezepte aus und sandte die "Heilmittel" nach Haßfurt – oder ließ sie abholen: Fünfmal ging Hans Mörlein aus der Badgasse im Jahr 1611 nach Würzburg, um die Haßfurter mit "Arzneien" zu versorgen. Aber auch aus dem nahen Königsberg bezogen die Haßfurter Mittel gegen die Pest. Elias Zinck hielt sie dort in seiner Apotheke am Markt neben dem Unfinder Tor bereit.

"Heilmittel" gegen die Pest

Die Zeitgenossen kannten eine ganze Reihe an "Pestmitteln": Ton- beziehungsweise Heilerde ("Terra sigillata") sollte beispielsweise – vergleichbar mit Aktivkohle – die Giftstoffe und Bakterientoxine der Patienten binden. Mithilfe des mittelalterlichen "Universalheilmittels" "Theriac", einer Kräutermixtur aus Anis, Fenchel, Kümmel und vielem mehr, versuchten die Ärzte der Zeit ebenfalls der Pest Einhalt zu gebieten.

Um die vermeintlich krankmachende Luft zu reinigen, kam vielerorts auch Essig zum Einsatz. In Haßfurt sind zudem Versuche belegt, dem "Luftproblem" mit Feuer zu begegnen: "Sechs Gulden, vier Pfund und 24 Pfennig, für den Transport (42 Fuhren) von Eichen- und Weinwedeln sowie Wacholderstauden vom Weichselberg und Nassenroth, die dafür gebraucht wurden, an den Kreuzungen der Gassen Feuer zu entfachen, um die böse Luft zu vertreiben" lautet hierzu die moderne Übertragung einer Passage aus der Bürgermeisteramtsrechnung aus dem Jahr 1611.

Ein weiterer Versuch zur Bekämpfung der Krankheit war die Verschreibung von Sauerampfer, der viel Vitamin C enthält sowie Versuche mit Arzneien in Breiform aus Zwetschgen, Schlehen, Wacholder, Hagebutten und vielem mehr. Die Behandlungsmethoden waren jedoch nicht wirksam: Von den geschätzt 2000 Einwohnern Haßfurts starb im schlimmsten Seuchenjahr etwa ein Viertel.

Infolge von Truppendurchzügen während des Dreißgigjährigen Kriegs kam es ab dem 1. September 1630 erneut zu einem Pestausbruch in Haßfurt. Im selben Jahr wütete der "Schwarze Tod" auch in Theres und Königsberg. Drei Jahre später forderte er in der Regiomontanusstadt 172 Todesopfer.

Die Haßfurter ließen zu dem Zeitpunkt keine Königsberger mehr in die Stadt. Mit solchen Methoden standen sie nicht allein: Kontaktverbote zwischen betroffenen Städten und Regionen waren nicht ungewöhnlich. Noch im Jahr 1713 erließ der Fürstbischof von Würzburg Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths für sein Gebiet folgenden Erlass: "Lebensstraf für diejenigen, welche sich von inficirten oder der Pest halben verdächtigen Orten einschleichen wollen." Mit den verbesserten Hygienestandards wurde die Krankheit zunehmend eingedämmt. Erst die Entdeckung des Pesterregers im Jahr durch Alexandre Yersin 1894 rottete die Pest aus – nahezu.

Kommentar von Sven Dörr:

Gute Voraussetzungen

Erst die aktuelle Pandemie hat uns Mitteleuropäer wieder den Respekt vor epidemischen Infektionskrankheiten gelehrt: Dass die Grippetoten hierzulande pro Jahr teilweise in den zweistelligen Tausenderbereich gehen, ist gefühlte Normalität. Die Geflügel- und Schweinegrippe waren eher mediale Phänomene als bedrohliche Epidemien. Die Zeitzeugen der Spanischen Grippe sind nahezu alle gestorben und Sars sowie Ebola waren oder sind zu weit weg, um greifbar zu sein. Nun sind wir mit einem Problem konfrontiert, das noch viele Fragen aufwirft und mit dem der richtige Umgang schrittweise gelernt werden muss. Das verunsichert viele Menschen – verständlicherweise. Nichtsdestotrotz können wir uns glücklich schätzen, im 21. Jahrhundert mit seinen Hygienestandards, seinem medizinischen Fortschritt und einer guten ärztlichen Versorgung zu leben. Es gab nämlich Zeiten, in denen waren die Probleme mit Infektionskrankheiten viel gravierender – eine wirksame Behandlung war manchmal erst nach Jahrhunderten gefunden.

s.doerr@infranken.de