Friedhofsputz ist angesagt. Nun ist es höchste Zeit, die Gräber der Verstorbenen für Allerheiligen herzurichten. Auch wenn niemand weiß, wie der Feiertag im Corona-Jahr 2020 begangen werden kann: Das Gedenken der Heiligen am Sonntag und vor allem aller Toten und deren Seelen am Montag, dem Allerseelentag, ist mehr als christliche Tradition.

Normalerweise werden Gräber für 20, 25 oder 30 Jahre gemietet. So lange muss ein Leichnam im Grab verweilen. Die Spanne bemisst sich daran, wie lange die Zersetzung der sterblichen Überreste dauert. Häufig wird die Miete der Gräber über die ursprüngliche Ruhezeit hinaus verlängert. Für weitere Familienmitglieder, oder auch nur, weil das Grab in der Trauer hilft. Mit der Pflege der Gräber erweisen Angehörige ihren Verstorbenen die Ehre, sie bleiben unvergessen, auch wenn sie schon vor Jahren oder Jahrzehnten verstorben sind.

Hingebungsvoll widmet sich dort der alte Herr im blauen Arbeitskittel, ausgerüstet mit kleiner Hacke und Handrechen dem Grab seiner vor drei Jahren verstorbenen Gattin. "Sie war mein Leben", sagt er, "mehr als 50 Jahre lang". Jetzt pflegt er jene zwei Quadratmeter Fläche auf dem Stadtfriedhof, die ihm von ihr geblieben sind. Mit akribischer Sorgfalt setzt er Fetthenne- und Heidepflanzen in absolut symmetrischer Anordnung und streicht liebevoll feine gleichmäßige Rillen in die schwarze Erde.

Wenige Meter entfernt, direkt am Hauptgang zur Marienkapelle, poliert eine ältere Dame steinerne Grabplatte. "Das waren Blätter, die haben alles verklebt". So erklärt sie, beinahe entschuldigend, warum sie Putzeimer und Schrubber mitgebracht hat. Jetzt glänzt der Stein wieder. Die Schale mit dem Trockengesteck, einziges Dekorationselement im Zentrum der Granitplatte, wurde vom Gärtner bepflanzt.

Immer mehr Feuerbestattungen

50 Gräber ungefähr hat er zu betreuen, verrät Joachim Kustos, Chef des Blumenhauses Bock am Stadtberg. Ganz schön viel Arbeit jetzt Ende Oktober. Die Nachfrage geht nicht etwa zurück, im Gegenteil, aber mit seinen 61 Jahren will er sich nicht mehr durch Daueraufträge über 20, 30 Jahre hinweg binden.

Es ist nicht mehr wie früher. Oft leben die Angehörigen heute weit entfernt und können die Grabpflege nicht gewährleisten. Immer mehr Menschen verfügen, dass sie alternativ bestattet werden wollen, um nach dem Tod niemandem zur Last zu fallen. Häufig spielt auch der Kostenaufwand eine Rolle. Sterben ist teuer.

Urnenbeisetzungen sind heute in der Stadt fast schon der Regelfall. Im neueren Teil des Eberner Friedhofs beispielsweise sind deswegen Urnenwände, eine Stelenanlage mit Urnengrabplätzen und eine Baumanlage entstanden. An einer Stele mit halbanonymen Urnengräbern erinnert jeweils nurmehr eine Plakette an den Verstorbenen. Auch auf einigen der 14 Stadtteilfriedhöfe gibt es bereits Urnengrabanlagen, erklärt dazu Bürgermeister Jürgen Hennemann. Eine letzte Ruhestätte in einem Friedwald, bei der Bevölkerung ebenfalls zunehmend gefragt, ist aus seiner Sicht kein Thema mehr. Einen weiteren Friedhof kann sich die Stadt nicht leisten. "Wir können kaum die Bestehenden unterhalten", sagt der Bürgermeister.

Das Bild wandelt sich

Immer häufiger gibt es Lücken in den Grabreihen, aufgelassene Grabstellen, die nicht mehr vergeben werden, auf denen sich Wildwuchs ausbreitet. Für die Friedhofspflege bedeutet dies erhöhten Aufwand, wegen der Enge mit modernem Gerät oft nicht zu erreichen. So ist Handarbeit angesagt. Das kostet - Zeit und Geld. Aktuell lege die Stadt Ebern für die Friedhöfe, deren Kosten eigentlich durch die Grabgebühren gedeckt sein sollten, rund 80 000 Euro jährlich drauf sagt Hennemann. Ähnlich geht es vielen anderen Gemeinden im Landkreis Die Konsequenz: höhere Gebühren für das Bestattungswesen.

Und man will den Pflegebedarf reduzieren. So spiele die Kostenersparnis oftmals eine wichtigere Rolle als kulturelle Aspekte, bedauert Guntram Ulsamer, der Kreisfachberater für Gartenbau. Das Thema Friedhofskultur werde im Landkreis noch allzu stiefmütterlich behandelt.

Wohin die Richtung gehen könnte, hatte ein Wettbewerb im Jahr 2015 gezeigt, an dem sich 41 kommunale und kirchliche Teilnehmer im Landkreis beteiligten. Platz zwei ging an den Friedhof in Salmsdorf, der als "Idyll mit Geschichte" gewürdigt wurde, historisch behutsam wuchs und Gestaltungsprinzipien treu blieb. Platz eins und drei aber gingen an die Friedhöfe in Memmelsdorf (Gemeinde Untermerzbach) und Sand, die als "Friedhöfe mit Zukunft" überzeugten. In Memmelsdorf gefiel der Jury die großzügige Neuanlage, in Sand das Zusammenspiel von saniertem historischen Teil, parkähnlicher Erweiterungsfläche und großzügigem Gehölzbestand. Eine parkartige Anlage mit Bänken, um zum Verweilen einzuladen und einen ruhigen Ort für eine Pause zu schaffen, schwebt auch Eberns Bürgermeister vor.

Ort der Begegnung

Ein Friedhof sei zwar vor allem ein Ort zur Trauerbewältigung, gleichzeitig aber auch ein wichtiger Kommunikations- und Aufenthaltsort, meint Kreisfachberater Ulsamer. Es gehe darum, die Friedhofskultur weiterhin zu pflegen, wie dies seit Jahrhunderten üblich war, denn die Menschen suchten nach ihren Wurzeln. Daher sei es wichtig, auch in Zukunft Gräber auf den Friedhöfen besuchen zu können.

Genauso bedeutend sei es aber, zeitgemäße Wege zu finden, um die Aufenthaltsqualität auf den Friedhöfen zu verbessern und sie - in aller gebotenen Ruhe und Stille - zu Orten der Begegnung zu machen. Leben, Sterben, Trauer und Tod lassen sich nicht trennen.

Friedhofs-Pflege als Unesco-Kulturerbe

Die Friedhofskultur in Deutschland gilt als immaterielles Unesco-Kulturerbe. Im März hat die Kultusministerkonferenz dies auf Empfehlung der deutschen Unesco-Kommission beschlossen.

Die Kommission hatte befunden, die Friedhöfe seien Orte der Identifikation der Bürger. Orte, an denen sie trauern, erinnern, gedenken, gestalten, pflegen und bewahren. Sie würdigt den vielfältigen Wert der Friedhofskultur für die Gesellschaft: "kulturell, sozial oder historisch, aber auch in Bezug auf Klima- und Naturschutz, gesellschaftliche Integration oder nationale Identität". An den Gräbern erkenne man regionale und überregionale Besonderheiten. Wichtige Ereignisse spiegelten sie ebenso wider, wie sich geschichtliche Abläufe ablesen ließen.

Vielerorts finde man die Gräber bekannter Persönlichkeiten auf den Friedhöfen, die von der jeweiligen Kommune oft als Ehrengrab markiert und gepflegt würden. Nicht zuletzt war die Art und Weise, wie in Deutschland Gräber als kleine Gärten der Erinnerung gestaltet werden, eines der Kriterien für die Anerkennung der Unesco. Zudem gehe es um eine besondere Wertschätzung für die vielen Ehrenamtlichen, die den jeweiligen Friedhofsverwaltungen zur Seite stehen.

125 Kommunen deutschlandweit hatten sich am 17. September am bundesweiten Aktionstag "Friedhöfe auszeichnen" beteiligt.

Im Landkreis hatte man unter der Regie der Kreisfachberater Guntram Ulsamer und Johannes Bayer für den 20. September einen großen "Tag des Offenen Friedhofs" in Neubrunn unter dem Motto "Friedhofskultur - ein Spiegelbild unserer Gesellschaft" geplant. Die Veranstaltung fiel aber den Corona-Beschränkungen zum Opfer. Lebendig und mit regionalem Bezug sollte der Tag gestaltet werden, um zu zeigen: Ein Friedhof ist in erster Linie für die Lebenden da.

Tipps für den Friedhofsgang

Friedhofsgänge und -segnungen finden normalerweise großen Zulauf. Trotzdem kann es auf kleinen Friedhöfen in Zeiten der Corona-Pandemie schwierig werden, den Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten. Für den Besuch auf den Friedhöfen hat das Liturgiereferat des Bistums Würzburg daher Anregungen zusammengestellt, wie man den Friedhofsgang in kleiner Gruppe oder im Kreis der Familie unternehmen und als private Feier gestalten kann.

Orte der Erinnerung

So kann eine Familie beispielsweise bereits zuhause gemeinsam Fotos oder andere Erinnerungsstücke an den Verstorbenen betrachten und dazu Geschichten erzählen - gute, schwierige oder auch lustige. Auf dem Weg zum Friedhof könne man einen kleinen Umweg machen um Orte zu besuchen, die dem oder der Verstorbenen wichtig waren. Das Gedenken am Grab kann mit dem Entzünden einer Kerze oder zu gemeinsam gesungenen Liedern erfolgen. Vorschläge für passende Lieder finden sich auf der Homepage unter https://liturgie.bistum-wuerzburg.de/na-detail/ansicht/totengedenken-an-allerheiligen/. Man könne auch zusammen Sterne oder kleine Windräder basteln, auf denen die Namen der Familie stehen, und am Grab ablegen.

Und das Danach?

Neben dem Austausch von Erinnerungen über den Verstorbenen sei Allerheiligen auch ein guter Anlass, um sich über das eigene Verhältnis zum Tod Gedanken zu machen: "Was erwarte ich vom Leben bis zu meinem Tod?" oder "Was erhoffe ich vom Danach?".