Der Anlass war - wie so oft in solchen Fällen - banal: Es ging darum, wem welche Mülltonne gehört und was man hineinwerfen darf. Bei einer solchen Auseinandersetzung soll ein 40-jähriger Mann mit Ausdrücken wie "Scheiß-Ausländer" und "asoziales Pack" um sich geworfen haben. Die so beschimpfte Frau brach in Tränen aus und rief die Polizei.

Streithähne wohnen unter einem Dach


Als Bewohner eines Zwei-Familien-Hauses wohnen die Streithähne unter einem Dach. Unten der 40-Jährige, der jetzt als Angeklagter vor Gericht stand, mit seiner Lebensgefährtin und deren 19-jährigem Sohn, darüber die aus Südosteuropa stammende Frau mit ihrer Familie. Der unrühmliche "Zusammenstoß" ereignete sich am 27. Februar dieses Jahres gegen 23.15 Uhr. Die herbeigerufenen Polizeibeamten vernahmen noch vor Ort die Beteiligten und erstellten ein Protokoll.

Das führte in der Folge dazu, dass das Amtsgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung gegen den Angeklagten einen Strafbefehl erließ. Der lautete über zehn Tagessätze á 25 Euro, also insgesamt 250 Euro. Hätte der Mann diesen vergleichsweise niedrigen Betrag gezahlt, wäre alles erledigt gewesen, und es hätte keine Gerichtsverhandlung gegeben. Der Angeschuldigte aber dachte gar nicht dran, sondern legte Einspruch ein und nahm sich einen Rechtsanwalt.

Der "Entlastungszeuge"


Bei der Verhandlung wollte er zuerst nichts zur Sache aussagen, was sein gutes Recht ist. Dann aber beteuerte er doch seine Unschuld. Zusätzlich hatte sein Verteidiger noch den 19-jährigen Sohn der Lebensgefährtin des Beschuldigten als Entlastungszeugen benannt. Als der in den Zeugenstand gerufen wurde, belehrte ihn Richter Roland Wiltschka eindringlich, die Wahrheit zu sagen.

Eine Falschaussage vor Gericht kann teuer zu stehen kommen; sie wird mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Der 19-Jährige behauptete, dass er unter der offenen Wohnungstür gestanden und alles mit angehört habe. Trotz mehrmaliger kritischer Nachfrage seitens des Staatsanwalts beharrte er darauf, dass "Beleidigungen nicht gefallen" seien.

"... das nimmt ein schlimmes Ende mit Ihnen."


Auf die Vorhaltung des Anklägers, warum er bei der polizeilichen Vernehmung im Wohnzimmer des Angeklagten, wo er ebenfalls anwesend war, nichts gesagt hatte, wusste der Heranwachsende keine rechte Antwort und wurde kleinlaut. Daraufhin platzte dem Oberstaatsanwalt der Kragen, und er rief dem Zeugen zu: "Für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Ich befürchte, das nimmt ein schlimmes Ende mit Ihnen."

An diesem Punkt entschied der Vorsitzende, die Verhandlung auszusetzen. Beim nächsten Termin werden neben den bisherigen noch weitere Zeugen wie Sohn und Ehemann der beleidigten Frau und der damals anwesende Polizeibeamte vorgeladen. Wenn sich dann herausstellt, dass der 19-Jährige gelogen hat, muss er mit einem Verfahren wegen einer uneidlichen Falschaussage vor Gericht rechnen. So leicht kann aus einer Mücke ein Elefant werden.

Und die rechtlichen Folgen für den 19-Jährigen wären wohl gravierender als die ganze Geschichte mit der Beleidigung für den 40-jährigen Angeklagten.