Als der Erste Weltkrieg vom Zaun gebrochen wurde, gerieten harmlose Reisende ins Getriebe der großen Politik. Deutsche, die sich im mit einem Mal feindlichen Ausland aufhielten, wurden verhaftet.

Dieses Schicksal traf beispielsweise den aus Baunach stammenden, später in Lichtenfels lebenden Kunstmaler und Grafiker Max Schnös (1889 - 1964): Zu Kriegsbeginn Kunststudent in London, wurde er für die gesamte Kriegsdauer interniert. Ähnlich erging es dem jungen Kaufmann Friedrich Baur (1890 - 1965), dem späteren Burgkunstadter Versandhändler. Der Kriegsbeginn überraschte ihn in Hongkong, und er verlebte die Zeit bis 1919 in einem australischen Internierungslager.

Der Coburger Pfarrer Georg Kükenthal (1864 - 1955), ein bedeutender Botaniker und nachmals letzter Generalsuperintendent der selbstständigen Coburger Landeskirche, befand sich auf einer pflanzenkundlichen Forschungsreise auf Korsika. Von einem Moment auf den anderen zum feindlichen Ausländer geworden, wurde er festgenommen und blieb über drei Jahre lang in Haft, bis er über die Schweiz ausreisen durfte.

Umgekehrt wurden Briten, Franzosen oder Russen, die sich im Deutschen Reich aufhielten, verhaftet oder wenigstens voller Argwohn überwacht. Der Berliner Professor Henri Marteau (1874 - 1934), ein weltberühmter Geiger, wurde, da er französischer Reserveoffizier war, in seiner oberfränkischen Sommerresidenz Lichtenberg (Landkreis Hof) festgesetzt. Wie er litten unzählige Ausländer aus Kriegsgegner-Staaten unter einer regelrechten Spionage-Hysterie. Hinter allem Verdächtigen vermutete man Spione, die Informationen sammeln und außer Landes bringen wollten. Selbst der 17-jährige Bernhard Dietz (1897 - 1933) aus Weismain, damals auf dem Bamberger Lehrerseminar, geriet in den Geruch, Spionage zu treiben, als er in seiner Heimatstadt eine Marter zeichnete.

"In Polizeihaft gebracht"

So wie in Bad Kissingen zahlreiche Kurgäste aus Russland verhaftet und für einige Zeit auf der weitgehend leerstehenden, bis 1919 als Gefängnis genutzten Plassenburg festgehalten wurden, gerieten auch in Lichtenfels am 31. Juli 1914 zwei Einwohner von St. Petersburg in die Mühlen der bayerischen Verwaltung. Wie der Oberamtsrichter Ludwig Edler von Melzl (1845 - 1924) notierte, wurden in Lichtenfels "Dr. med. Stephan Schichareff und eine gewisse Elisabet Silitsch, beide aus St. Petersburg, wegen Spionageverdachtes festgenommen und in das hiesige Gefängnis in Polizeihaft gebracht". Schichareff war ein angesehener Gynäkologe, der schon 1890 an einem Medizinkongress in Berlin teilgenommen hatte.

Das Lichtenfelser Gefängnis, ein Sandsteinbau des 19. Jahrhunderts, stand zurückgesetzt in der Coburger Straße, unmittelbar am Bahnkörper, in einer etwas muffigen Ecke. 1986 wurde es für den Bau der zentrumsnahen Umgehungsstraße (Bürgermeister-Dr.-Hauptmann-Ring) abgebrochen.

Wer das Gefängnis bewohnte

Die beiden Häftlinge wurden bewacht von dem Gefängniswärter Johann Fischer (1858 - 1920), der mit seiner Familie ebenfalls das Gefängnis bewohnte. Das Gefängnis hatte vornehmlich solche Menschen aufzunehmen, die zu wenigen Tagen Haft verurteilt worden waren: Forstfrevler, die ohne Erlaubnis Holz gelesen hatten, oder Personen, die sich eine Schlägerei oder Beleidigung hatten zuschulden kommen lassen. Hinzu kamen Landstreicher und Bettler sowie Untersuchungshäftlinge. 15 Insassen hatte die Lichtenfelser Haftanstalt am 2. August 1914: drei Untersuchungsgefangene, zehn verurteilte Straftäter und zwei Polizeigefangene, eben den 54-jährigen Arzt und die 36-jährige "Oberstintendantensfrau" aus der russischen Hauptstadt.

Kritik am Essen

Die schlichte Kost, die Fischers Frau für die Häftlinge bereitete, schmeckte den beiden offenbar gar nicht. Schon am zweiten Hafttag beantragten sie beim Oberamtsrichter, der zugleich Gefängnisvorstand war, "die Erlaubnis, sich auf eigene Kosten zu beköstigen", und Herr von Melzl gestattete ihnen, ihr Essen "aus dem Hotel zur Krone in Lichtenfels beziehen zu dürfen" - und damit aus dem ersten Haus am Platz.

Sei es, dass dies auf die Dauer zu kostspielig wurde, sei es, dass es andere Probleme gab: Nach vier Tagen schon ließen die Russen sich aus der nahe gelegenen "Bärenklause" beliefern, und an manchen Tagen bekochte sie Fischers Frau, fraglos mit besonderen Gerichten. Vom 20. August an wurden sie durchweg von ihr auf privater Basis versorgt.

Ein mildes Regiment geführt

Das freilich brachte dem Gefängniswärter Ärger mit seinen Vorgesetzten ein, denn erlaubt war ja lediglich der Bezug von Speisen aus dem Hotel "Krone".

Fischer war bekannt dafür (nicht anders als seine Nachfolger), ein recht mildes Regiment zu führen. Mehrfach war er in der Vergangenheit gerügt worden, weil er den Vorschriften zuwider seinen "Schützlingen" Schnupftabak oder private Bücher belassen hatte.

Auch den russischen Insassen gegenüber zeigte er sich generös - zum Ärger des Oberamtsrichters: "Der Gefängniswärter hat eigenmächtig gestattet, daß Stephan Schichareff außerhalb seiner Zelle fortgesetzt Zigaretten rauchte, und [...] den durch die Hausordnung streng verbotenen Verkehr zwischen den beiden Gefangenen zugelassen." Gemeint war zweifellos der gesellschaftliche Verkehr.

Nach sechs Wochen im Lichtenfelser Gerichtsgefängnis, am 8. September 1914, wurden Dr. Schichareff und Frau Silitsch wieder in ihre Heimat entlassen.