Klaus-Peter Gäbelein Die Weltfirmen Schaeffler, Adidas und Puma in Herzogenaurach kennen selbst die Jüngsten in der einstigen "Schlappenschusterstadt" an der Aurach. Doch bereits bei dem Begriff "Schlappenschuster" wird bereits der ein oder andere Neubürger fragend die Stirn runzeln. Nun, letztere waren jene Einwohner, die zwischen 1850 und 1914, dem Beginn des Ersten Weltkriegs, die hiesige Wirtschaft dominierten.

"Schlappen", Hausschuhe aus Filz, wurden zum Markenzeichen des Städtchens, ebenso wie die beiden großen Stadttürme. Dass daraus sich zwischen den Kriegen und nach dem Zusammenbruch von 1945 eine teilweise blühende Schuhindustrie entwickelt hat, ist heute fast in Vergessenheit geraten. In der Festschrift zur 600-Jahr-Feier (Stadterhebung) von 1949 sind immerhin 17 Schuhfabrikanten aufgeführt.

Doch mit der zunehmenden Technisierung und billigen Import ab den 50er Jahren schlug auch diesem Industriezweig das Totenglöckchen. Aber: Da war ja noch das Unternehmen Weiler in der Würzburger Straße. "Der Weiler war ein Segen für die Stadt", so ist heute noch der Tenor all derjenigen, die bereits während des Krieges und dann ab den 50er Jahren in der Firma Arbeit gefunden hatten: dort, wo heute eine lange Häuserzeile zwischen der Abzweigung zum Interimsrathaus bis nach Westen in Richtung zur Straßenkreuzung "Dambach" steht, stand einst die Firma Weiler.

Drehbänke und Kartoffelpressen

Ingenieur Friedrich Weiler, Besitzer der "Fränkischen Radiogesellschaft" in Nürnberg, hatte zusammen mit seinem Bruder Hermann und dem Herzogenauracher Brauereibesitzer Paul Hubmann als Investor die "Maschinenfabrik Weiler" gegründet. Ein Jahr (1938) vor Kriegsausbruch begann man mit 23 Mitarbeitern, bis Kriegsende wuchs deren Zahl auf 150. Man produzierte vor allem Drehbänke und Langdrehautomaten für die Metallindustrie. Nach Kriegsende erlaubten die Besatzer lediglich die Herstellung von Kartoffelpressen für Haushalte sowie die Produktion von landwirtschaftlichen Maschinen. Doch ab 1948 ging es mit der Herstellung von Leitspindeldrehbänken weiter aufwärts und 1968 wurde die 30 000. Hochleistungsmaschine ausgeliefert.

Die Firma Weiler boomte in der Zeit des Wirtschaftswunders. Man expandierte und errichtete 1969 ein zusätzliches Werk in Ansbach. Infolge der räumliche Enge im Stammwerk in Herzogenaurach baute man ein weiteres Werk auf der grünen Wiese im benachbarten Mausdorf, einem Ortsteil von Emskirchen. Weil in Herzogenaurach keine Expansionsmöglichkeiten bestanden, wurde der gesamte Betrieb in den 90er Jahren nach Mausdorf in den Nachbarlandkreis Neustadt/Aisch verlegt.

Vorbildlich waren in den Nachkriegsjahren die Weilerschen Sozialleistungen wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Bauhilfen sowie Studienförderung (heute heißt das "duales Studium") und die Ausstattung von Berufsschulwerkstätten.

Produktion in Indien

Der Umsatz stieg zwischen 1980 und 1986 von 50 Millionen D-Mark auf 110 Millionen DM und die Zahl der Mitarbeiter stieg einschließlich derer im Werk Ansbach auf 800. Zusätzlich war man in Sache Entwicklungshilfe seit den 50er Jahren in Indien aktiv und produzierte dort ab 1965.

Sprichwörtlich waren die "Betriebserholungsreisen" (so nannte man damals die Betriebsreisen) der Firma Weiler. Mit Sonderzügen ab Bahnhof Herzogenaurach oder mit Sondermaschinen ab Nürnberg ging es nach Österreich, Italien oder nach Jugoslawien, und dort genossen die "Weilerianer" dann die Sonne und das Meer. Die Teilnehmer von damals erinnern sich noch mit Schmunzeln an die Bahnfahrten, wobei das größte Problem die Trennung der Mitarbeiter in verschiedene Abteile war, denn der Graben zwischen den "Adidaslern" und den Puma-Fans in der Stadt war bis in die 70er Jahre noch riesengroß, sprich eigentlich unüberwindbar.

"Wir haben damals noch 48 Stunden in der Woche gearbeitet und auch Samstagarbeit gehörte dazu. Der Stundenlohn lag noch unter einer Mark. Aber ich bin 1961 mit stolzen 70 DM nach Hause", so einer der früheren Mitarbeiter. Dazu hatte man noch Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Betriebsurlaub im Sommer und auf eine freie Woche über Pfingsten. Der Firmenchef und spätere Herzogenauracher Ehrenbürger Friedrich Weiler hatte in seinem Unternehmen an vieles gedacht und der Mensch stand bei ihm immer an vorderster Stelle.

1948 war in der Würzburger Straße eine Gießerei für Rohteile in Betrieb genommen worden. Alles wurde geschmolzen, was aus Metall bestand - heute heißt das recyclen. Der "Duft" der Gießerei lag dann über dem gesamten Viertel der "Kalchgrubn". Metallabfälle bezog man damals von Erlanger Schrotthändlern und der Koks für den betriebseigenen Hochofen kam von den Erlanger Stadtwerken, wo er als "Abfall" bei der Gasherstellung angefallen war.

Und weil in der Gießerei, Putzerei und in der Schleiferei immer sehr viel Schmutz angefallen ist, erhielten die Arbeiter hier von der Firmenleitung zwei Liter Milch pro Tag als Sonderration und zusätzlich fünf arbeitsfreie Tage. So sozial ging es "beim Weiler" zu.

Schlachtung in der Kantine

Doch damit noch nicht alles: In der Würzburger Straße gab es eine eigene Kantine, in der sogar geschlachtet worden ist. Die Herren Schattan und Nix waren dort die Chefs, und in der gegenüber liegenden Gaststätte "Zur frischen Quelle" konnte man ein um 1,50 Mark ermäßigtes Mittagessen einnehmen.

Juniorchef Hermann Weiler übernahm zusätzlich zum Herzogenauracher Betrieb ab 1968 die Geschäftsleitung und später die Weiler-Tochter in Indien. Zahlreiche Herzogenauracher Facharbeiter lernten auf ihren Monteurs-Einsätzen neben der Lebensweise in Indien auch das dortige Kastenwesen und die indische Einstellung zur Arbeit kennen. Für deutsche Verhältnisse war beides unvorstellbar und unverständlich.

1990 neigten sich die glorreichen Zeiten von Weiler dem Ende entgegen. Der Kärntner Diplomkaufmann Friedrich K. Eisler übernahm Weiler als Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter von der Unternehmensgruppe Voest-Alpine aus Linz und wurde vier Jahre später Eigentümer. Im Jahr 2000 erwarb er zusätzlich den Weiler Zweigbetrieb in Holoubkov nahe Pilsen und gliederte anschließend seine beiden Söhne in das Unternehmen mit ein, in dem heute rund 550 Mitarbeiter tätig sind, etwa 300 davon in Mausdorf.

Die Firma Weiler ist mit 140 000 verkauften Einheiten Marktführer für konventionelle und zyklengesteuerte Präzisions- und Drehmaschinen. 2006 expandierte das Unternehmen nach Nordamerika und übernahm 2016 den Präzisionsmaschinenhersteller Kunzmann nahe Karlsruhe.