U nter den vielen Wahlplakaten, die jetzt wieder unsere Straßen säumen, ist mir in den letzten Wochen ein Plakat besonders ins Auge gestochen. Dort steht in großen Buchstaben "Zuhause" mit dem Untertitel "Alle brauchen ein Dach über dem Kopf und bezahlbar."

"Zuhause" - Was bedeutet das eigentlich?

Geborgenheit in der Familie, Erlebnisse der Kindheit, bestimmte Gerüche, Bilder der Erinnerung? Die eigene Wohnung mit meinem Lieblingsplatz: Der Ohrensessel, die Couch, der Ort, an dem ich entspannen, ausruhen, mich "zu Hause" fühlen kann?

Oder auch ganz andere Orte, an denen Sie "zuhause" sind: Der Lieblingsplatz in der Natur, der Blick auf das Meer, der Platz auf einem Berg oder im Wald unter dem Blätterdach der Bäume?

"Zuhause" ist aber sicherlich doch mehr als nur ein Dach über dem Kopf, ein Schlafplatz und ein Ofen zum Wärmen. Selbst im schönsten Haus kann ich einsam und alleine sein.

"Zuhause" hat deshalb immer auch etwas mit der Nähe eines Menschen zu tun, einer Partnerin, eines Partners, mit der Familie, Freunden und Nachbarn. Menschen, die mir nahe sind in Freude und im Glück, aber auch in Leid und Schmerz. Menschen, auf die ich mich verlassen kann, die zu mir stehen, auch wenn es mir gerade nicht so gut geht. Menschen, die mit mir ihr Leben teilen, sich öffnen, nahe sind und Hoffnung schenken.

Sie kennen aber vielleicht auch das Gegenteil: Die Nähe eines Menschen kann krank machen, kann mich einengen, erniedrigen und nicht zur Entfaltung kommen lassen. Dies geschieht immer dann, wenn Menschen sich selbst in den Vordergrund und über ihre Mitmenschen stellen.

Genauso wie in der Bibel die Jünger Jesu beschrieben werden. Sie verhandeln miteinander, wer denn der Größte unter ihnen ist, oder wie es an einer anderen Stelle heißt, wer denn zur Rechten und zur Linken von Jesus in seinem Reich sitzen darf. Die Jünger hatten zunächst noch nicht begriffen, um was es Jesus geht. Es geht ihm nicht um Macht und Einfluss, um Über- und Unterordnung, um eine Hierarchie und Schubladendenken unter den Menschen.

Jesus geht es um Ehrfurcht und Achtung vor jedem Menschen, insbesondere der Kinder, den Menschen am Rande, den Behinderten und Kranken, die gerade Schutz, Fürsorge und Unterstützung bedürfen. In seiner Vorstellung vom Reich Gottes geht es nicht mehr darum, wer etwas zu sagen und wer zu gehorchen und Anordnungen zu befolgen hat. Davon sind wir auch in Kirche und Gesellschaft noch weit entfernt.

"Zuhause" kann nur gelingen, wenn wir seine Worte ernst nehmen und in jedem Menschen Gottes Ebenbild erkennen und jeden Mitmenschen so behandeln wie wir selbst behandelt werden wollen.

"Zuhause" wird nur dort, wo wir uns anrühren und berühren lassen, Nähe und Zuwendung zulassen, aber auch Ehrfurcht vor der Eigenständigkeit und Selbstständigkeit des anderen haben. Wenn sich ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen, von Schenken und beschenkt werden entfaltet.

"Zuhause" wird möglich, wenn wir einander dienen und uns nicht bedienen lassen.

Wohnung, aus einem Haus ein "Zuhause".

"Zuhause" wird letztendlich nur im Miteinander und Füreinander gelingen, erst dann wird aus einem Dach über dem Kopf ein "Zuhause".

(Thomas Jakob ist zuständig für den Bereich Gemeindecaritas und Fachstelle für pflegende

Angehörige beim Caritasverband für den Landkreis Haßberge).