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Kulmbach
Filmprojekt

Zeitzeugen berichten vom Neuanfang

Ein einmaliges Filmdokument hat das P-Seminar Geschichte am Caspar-Vischer-Gymnasium einem großen geladenen Publikum präsentiert. "Neuanfang - Kulmbach in der Nachkriegszeit" heißt der rund 45 Minuten...
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Die Zeitzeugen Ilse Pfitzner und Dorothea Täuber erhielten Blumen  Foto: Uschi Prawitz
Die Zeitzeugen Ilse Pfitzner und Dorothea Täuber erhielten Blumen Foto: Uschi Prawitz

Ein einmaliges Filmdokument hat das P-Seminar Geschichte am Caspar-Vischer-Gymnasium einem großen geladenen Publikum präsentiert. "Neuanfang - Kulmbach in der Nachkriegszeit" heißt der rund 45 Minuten lange Streifen, in dem sechs Zeitzeugen das Leben zwischen 1945 und 1952 in Stadt und Landkreis Kulmbach schildern.

Aufgeteilt in unterschiedliche Sparten wechseln die Interviews mit Film- und Fotoaufnahmen aus der Zeit, die das Stadtarchiv zur Verfügung gestellt hat.

"Wolfgang Borchert schrieb einmal: ,Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund.'", sagte Hanna Holzmann zur Begrüßung. "Jeder Zeitzeuge hat seine eigenen Abgründe, die es zu überwinden galt, und die Zukunft musste ein Neuanfang sein, denn das Fundament war der Krieg."

Es sei wichtig, dass sich die junge Generation heute mit dieser Nachkriegszeit beschäftige, denn "unsere Gegenwart baut auf dem Neufangang dieser Generation auf", ergänzte ihre Mitschülerin Carolin Singer.

"Das war wirklich schlimm"

Die Zeitzeugen Roswitha Intsiful, Hans-Joachim Kunze, Ilse Pfitzner, Kunigunda Sauerwein, Helmut Spindler und Dorothea Täuber berichten in dem Film mit viel Emotion, aber auch mit Pragmatismus und sogar Humor. "Die Bauern wollten keine Flüchtlingsmadla als Schwiegertöchter", erinnert sich etwa Dorothea Täuber. Auch erzählt sie davon, wie eine Freundin ihrer Mutter aus Decken hübsche Mäntel herstellte. Kunigunda Sauerwein denkt noch mit Schrecken an die Tiefflieger: "Das war wirklich schlimm."

Dorothea Täuber ist aus Niederschlesien mit Pferd und Wagen geflüchtet, und auch Ilse Pfitzner floh damals vor den Russen. "Wir waren fünf Mädchen zu Hause", erzählt die Zeitzeugin. Eines Nachts seien die Russen gekommen, "da musste ich mich im Einbauschrank verstecken und wurde zum Glück nicht entdeckt."

Kindheit im Flüchtlingslager

Helmut Spindler erinnert sich an die Hilfsbereitschaft der Menschen auf dem Land, insbesondere in seiner neuen Heimat Wartenfels. Über seine Kindheit im Flüchtlingslager auf der Plassenburg kann Hans-Joachim Kunze viele Geschichten beisteuern. "Mein Vater hat bei meiner Geburt dort oben einen Baum gepflanzt, und noch heute statte ich diesem Baum einen Besuch ab, wenn ich nach Kulmbach komme", sagt er.

Fast eineinhalb Jahre haben die acht Teilnehmerinnen an dem Projekt gearbeitet, haben mehr als sieben Stunden Filmmaterial sortiert. "Wir werden den Film auch der Stadt zur Verfügung stellen und ihn im Frühjahr der breiten Öffentlichkeit zeigen", versprach Susanne Striegl, die mit Frank Hoyer das Seminar leitete.

Als sie den fertigen Film das erste Mal sahen, waren die beiden Lehrer ebenso überwältigt wie ihre Schülerinnen und wohl auch das Premierenpublikum. Auch Teilnehmerin Hannah Bergmann konnte sich anfangs kaum vorstellen, dass einmal ein solch großartiges Ergebnis entstehen würde. "Wir saßen stundenlang und haben ausgewertet, wir hatten uns ja bei den Interviews aufgeteilt und wussten nicht, was die anderen alles gesagt haben." Auch hätten sie viel Zeit im Stadtarchiv bei Erich Olbrich verbracht, dem sie "unglaublich dankbar" seien. Bei der Endproduktion griffen die Schülerinnen dann auf die professionelle Hilfe von Frank Förschler, einem ehemaligen Schüler des CVG, zurück. Entstanden ist ein Werk, das in dieser Form ohne Weiteres im Fernsehen laufen könnte.

Schulleiterin Ulrike Endres sprach von einer "Sternstunde für jeden Schulleiter". Auch Landrat Klaus Peter Söllner lobte das herausragende Projekt. "Wir haben heute Bedingungen, von denen die Menschen in der Nachkriegszeit nur träumen konnten." Und dennoch hätten sich die Leute damals nicht entmutigen lassen, sondern immer wieder neue Kraft geschöpft. "Wir sind ja auch in einer Zeit groß geworden, in der es immer besser wurde", fasste Zeitzeugin Roswitha Intsiful am Ende des Films zusammen.