Wort zum Sonntag für den 25. Juli:

I n unserer Küche steht ein altes Küchenbuffet aus Holz. Es stammt von meinen Urgroßeltern, und ich erinnere mich noch sehr genau an die Beiden, die mir als Kind so oft ungeteilte Zuwendung und Aufmerksamkeit geschenkt haben. Schon als kleines Kind hat mich dieser alte Schrank in der Sofa-Küche fasziniert, und so wurde er mir vererbt. Er wurde für mich Symbol für diese Atmosphäre von Geborgenheit.

Sicher haben Sie auch ein altes Erinnerungsstück, das sie hüten und das - wenn es ihnen wieder einmal in die Hände fällt - kostbare Bilder und Gespräche, Erlebnisse und Begegnungen in ihnen wachruft. Diese Gegenstände sind umso wertvoller, je länger sie uns auf unserem Weg begleitet haben. Oder sie stehen für ein einmaliges und wegweisendes Erlebnis, das uns geprägt hat. Wir halten diese Dinge in Ehren und bewahren sie.

Wenn wir Gegenständen schon viel Bedeutung beimessen, wenn die Erinnerungen an Vergangenes Schätze sind, die wir erhalten wollen - um wieviel mehr gilt dies für ältere Menschen? Ein Sprichwort sagt "Mit jedem alten Menschen, der stirbt, brennt eine Bibliothek ab". Der Verlust an Wissen, an Erfahrung, gerade an Geschichte, die besonders in Erzählungen aus eigener Erfahrung wieder lebendig wird, ist immens. Hatte dieser Mensch in seiner Lebenszeit die Chance, seine Erlebnisse und Erinnerungen weiterzugeben, zu erzählen und vielleicht sogar festzuhalten?

Meine Urgroßeltern haben dies nicht getan. Vielleicht war ich zu jung, aber der Verlust dieser Geschichten macht mich noch heute traurig und ich wollte, ich hätte mehr Zeit mit ihnen gehabt - oder die gemeinsame Zeit genutzt. Wie so oft in unserem Leben eine verpasste Chance, die uns erst im Nachhinein bewusst wird.

An diesem Wochenende feiert die Kirche das erste Mal den Tag der "Großeltern und älteren Menschen". Dieser Gedenktag um die Namenstage Anna und Joachim herum soll jetzt jedes Jahr am 4. Sonntag im Juli an den besonderen Schatz von älteren Menschen erinnern. Ich stelle mir vor, dass an diesem Tag Großeltern und Enkel zusammensitzen könnten und die Älteren den Jüngeren einfach erzählen, was ihnen in ihrem Leben wichtig war. Nicht nur Kinder sind fasziniert von alten Geschichten und bewahren solche Stunden in der späteren Erinnerung als das, was sie sind: Kostbare Momente der Begegnung und liebevollen Zuwendung.

Ich frage mich, ob Anna und Joachim solche Momente auch mit Jesus erlebt haben. Kinderseelen saugen diese Momente in sich auf, und so glaube ich fest daran, dass diese Stunden auch Jesus geprägt haben könnten. Die liebevollen Begegnungen mit Menschen, sein sich ganz auf den Menschen einstellen, der ihm gegenüber stand - das zeigt, dass Jesus gute Vorbilder hatte, dass er sicher Geborgenheit und liebevolle Fürsorge erlebt hat. Er konnte diesen Schatz später an andere Menschen weitergeben. Er war die personifizierte Zuwendung und Wertschätzung Gottes.

Ich lade sie ein, diesen Tag nicht einfach vorübergehen zu lassen, sondern ihn zu nutzen, Kostbares zu erfahren und zu bewahren. Ältere Menschen sind wie Schatzkisten, die man öffnen wollen muss - und die sich über Zeichen der Wertschätzung und Aufmerksamkeit freuen. Nutzen wir die gemeinsame Zeit - sie ist begrenzt und nicht nachzuholen.

Beate Schilling

Gemeindereferentin

Altenheimseelsorgerin

Bad Brückenau