von unserem Mitarbeiter Günther Geiling

Eltmann — Kann man mit Erzählungen über bekannte Persönlichkeiten der Geschichte jemanden hinter dem Ofen hervorlocken? Nach ihrem Lieblingsfach in der Schule befragt, nennen die wenigsten Schüler das Fach Geschichte. Dies zu verändern und Persönlichkeiten zu neuem Leben zu erwecken, Geschichte erfahrbar zu machen, hat sich der Schauspieler und Autor Markus Grimm zur Aufgabe gemacht. Mit seinem "Solotheater" zog er im Klenze-Saal in Eltmann sein Publikum in den Bann. Die Werke von Tilman Riemenschneider und Balthasar Neumann werden die Zuhörer nun ganz bestimmt mit anderen Augen bewundern.
Mit seinem Programm "Wein, Geist und Geschichte" war Grimm, promovierter Theologe und preisgekrönter Schauspieler, in Eltmann angekündigt worden und so mancher hatte sich vielleicht gefragt, wie ein Künstler alleine, völlig ohne Kostüm und ohne Bühnenbild, einen unterhaltsamen Abend gestalten könnte. Mit einer kleinen "Weinprobe" konnten sich die Zuschauer einstimmen.
"Der Wein ist eines der ältesten Kulturgüter der Menschheit; älter als Viehzucht und ältestes Getränk des Menschen, das er noch dazu von der Natur geschenkt bekommt", erzählte Grimm. Nach längerem Genuss stelle sich dabei auch eine Veränderung im Denken und Fühlen ein, "ja in diesem Saft oder Wein steckt eine besondere Kraft, ein Zauber und auch ein besonderer Gott". Der Mensch sei dieser außergewöhnlichen Sache auf die Spur gekommen, sei vom Genuss nicht krank geworden und deswegen sei das Getränk schon früh Bestandteil der Religionsausübung geworden.
Plötzlich kam hinkend ein ganz anderer Mann auf die Bühne, dem anscheinend die Beine weh taten, der viele Henkersknechte gesehen hatte und selbst im Kerkerloch gesessen war. Grimm war in die Rolle von Tilman Riemenschneider geschlüpft. "Folter ist der Versuch, dem Menschen bei lebendigem Leib seine Seele zu nehmen", zitierte er den Schnitzer und Bildhauer.

"Ein Freund der Leidenden"

Plötzlich habe sich jedoch Fürstbischof Konrad von Thüngen zu ihm herabgelassen, "weil ich schon schöne Grabmale gemacht hatte". Schließlich war Tilman ja vom ortsfremden Lehrling zum wohlhabenden Würzburger Bürger und Stadtrat, ja sogar zum Bürgermeister aufgestiegen. Seine Schöpfungen galten als die Vollendung spätgotischer Schnitzkunst und brachten ihm Millionen ein. Und genau auf diesem Höhepunkt des Ruhmes ergriff er die Partei der revoltierenden Bauern und bezahlte das mit Haft und Folter. Und nun wollte ihn dieser Mensch zum Freund haben?
Riemenschneider meinte dazu: "Ich bin ein Freund der Leidenden, ich gehöre nicht dem Geld, sondern den Menschen." Und dies habe auch sein Schaffen dann beeinflusst. "Ich habe die Beweinung dargestellt in der Pieta mit Jesus auf den Knien. Dieses Motiv verfolgt mich mein ganzes Leben und das hat mich auch zum Stein gebracht." Der Stein wäre entgegenkommend gewesen, "er zeigte und erzählte mir Geschichten und als er fertig war, zeigte er, hier ist der stumme Schmerz, der ganz mitten im Menschen wohnt."
Den großen Baumeister Balthasar Neumann wiederum, den Grimm dann darstellte, glaubte man im Zuhörerraum schon besser zu kennen. Schließlich kennt man seinen Namen von zahlreichen Bauwerken wie auch Maria Limbach. Die von ihm geplante Würzburger Residenz gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und sein Bild zierte sogar den 50-DM-Schein.

Neumann und die Statik

Schon sein Lebenslauf weckte einiges Erstaunen, denn Neumann kam ja als gelernter Glocken- und Metallgießer nach Würzburg. Dann wird er Büchsenmeister, Ernst- und Lustfeuerwerker und geht sogar zum Militär, um Ingenieur werden zu können, und das dann auf der Würzburger Festung.
Grimm erzählte dies in einem Dialog mit veränderter Stimme, um die handelnden Personen erkennbar zu machen. "Neumann, komm er einmal her. Da unten liegt die Stadt Würzburg und da oben sitze ich. Da unten in der Stadt fehlt etwas, mein Residenzschloss", berichtet er von einem Gespräch mit dem neuen Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn, der ihn dann zum Baudirektor machte.
"Bin ich etwa verrückt geworden? Von so einem Angebot kann man nicht einmal träumen", gibt er die Stimmung Neumanns wieder, der dann an die Arbeit ging, aber mit so einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Der Höhepunkt war natürlich, als ausgerechnet Neumann ein asymmetrisches Treppenhaus bauen wollte, was seinem Mitkonkurrenten "die Röte der Empörung ins Gesicht trieb": "Hat der eine Ahnung von Statik? Ist solche eine Decke in solch einer Größe überhaupt möglich? Will er die Decke wohl an Lufthaken aufhängen?", waren die Fragen des Baumeisters Hildenbrand.
Diese Fragen haben Grimm zufolge die letzten Jahrhunderte beantwortet. "Die Decke überstand sogar den Krieg und heute ist sie das größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt. Und unter diesem Gewölbe wollte Balthasar Neumann bleiben für alle Ewigkeit."

"Er bringt es gut rüber"

Die Zuhörer in Eltmann waren beeindruckt. Pfarrer Ottmar Pottler aus Limbach hielt es für bemerkenswert, wie Markus Grimm Geschichte lebendig werden lasse. "Ohne die Schönborns hätte es keinen solchen Balthasar Neumann gegeben, aber ohne ihn wären auch die Schönborns nicht zu diesem Ansehen gekommen. Diese Sympiose kam so richtig zum Ausdruck", meinte Pottler, hob aber auch das schauspielerische Talent und die Erzählkunst von Grimm hervor. "Er bringt es einfach auch spielerisch sehr gut herüber, lässt hinter die Menschen blicken und gibt Einblick in ihr Verhandlungsgeschick."