Liebe Leserinnen, liebe Leser! Menschen brauchen Heimat. Den Ort, an dem ich zu Hause bin. An dem ich bleiben darf, an dem ich angenommen bin. Nicht immer ist das ein Dorf, eine Stadt, eine Landschaft. Manchmal sind das auch die Menschen, die einem vertraut und lieb sind. Aber Heimat brauchen wir. Einen sicheren Hafen.
Die Losung des Jahres 2015 "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat" war für Christen ein mahnender Wegbegleiter durch das vergangene Jahr, denn einander anzunehmen, das ist zu einer großen Herausforderung geworden. Dabei ging es im Laufe des Jahres immer deutlicher um die Grenzen der Annahme. Wie viele Menschen können wir annehmen? Vielen von uns wird angst und bange, viele sind helfend aktiv - aber alle haben nur begrenzte Kräfte. Alle brauchen Zuspruch und Trost.
Als Christen erwarten wir Trost in besonderer Weise von Gott. Gott, der uns geschaffen hat, dessen Kinder wir sind. Der Prophet Jesaja sah es als seine Aufgabe, das verzagte Volk in Gottes Namen zu trösten. In einer Zeit, in der viele Menschen nach Babylon deportiert worden waren und sehnlichst auf ihre Rückkehr in die Heimat warten, war Trost bitter nötig.
Armut, Unrecht und Ungerechtigkeit zerstörten das Zusammenleben, die Gesellschaft war gespalten. Jesaja verkündete den Trost Gottes all denen, die in ihrem Leben auf ihn vertrauen. Damit sind ausdrücklich auch fremde Menschen gemeint. Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Friedenswille zeichnet die aus, die in Gottes Dienst stehen. Sie nehmen den Auftrag an, den Armen frohe Botschaft zu bringen und entwurzelten Menschen Heimat zu geben.
"Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet" (Jesaja 66,13): Die Jahreslosung 2016 bekommt so eine politische Brisanz. Wer tröstet die, die gestrandet sind? Gott? Ja, durch Menschen, die sich in seinen Dienst stellen.
Woher nehmen sich Menschen das Recht, Hilfe und Trost zu verweigern und Sicherheit und Wohlstand nur für sich selbst in Anspruch zu nehmen? Gottes Wort verspricht Trost denen, die keine Zukunft sehen.
Was bewirken unsere Worte und Taten oder unser Schweigen und Nichtstun? Können diejenigen, die auf die Abschottung Europas setzen und das Lebensrecht bedrohter Menschen mit Brandsätzen bekämpfen, sich Hoffnung machen, dass sie von Gott getröstet werden?
Getröstet wird, wer sich hilfesuchend in die Arme nehmen lässt. Menschen, die Christus nachfolgen, gehören zu denen, die sich für andere einsetzen und sich darauf verlassen: Gott ist an meiner Seite, er tröstet mich, wie eine Mutter tröstet. Er tröstet mich, wie er auch Christus getröstet hat, indem er ihn nach seinem Scheitern am Kreuz aus der größten Ohnmacht herausholte.
Wir Christen sind das sichtbare Zeichen dieses Trostes. Bei Jesaja führte der Trost dazu, dass das Zusammenleben wieder funktioniert, dass Solidarität untereinander die Gemeinschaft trägt.
Angesichts der aktuellen Situation ist der Vers der Jahreslosung 2016 geradezu prophetisch. So lassen Sie uns getröstet und getrost in das neue Jahr gehen und einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat.