Wort zum Sonntag für 15. Mai:

Schaut euch mal diesen herrlichen Rotmilan an!" Während die übrigen Anwesenden, mich mit eingeschlossen, das auch für einen Bussard, Habicht oder sonst was gehalten hätten, ließ das kundige und begeisterte Auge meines evangelischen Pfarrerfreundes keinen Zweifel, um was es da am Himmel hoch über uns handelte, das einsam seine beeindruckenden Bahnen zog. Es waren typische Erkennungszeichen, es gab Merkmale, die das eben genau diesen und keinen anderen Vogel sein ließen.

Die Reihe solcher Merkmale und des Bestimmens und Unterscheidens ist lang: Ein Acker-Gauchheil, ein Fendt-Traktor der Vorkriegszeit, ein Opel Kadett von 1962, ein Jugendstilhaus, eine Andy-Warhol Kopie und nicht ein Original, und so weiter und sofort. Dinge, Pflanzen, Tiere, wer sich auskennt, dem erschließen sie sich. Es ist eben nicht bloß eine kleine rote Pflanze oder ein babyblauer Uraltwagen, sondern dieser eine bestimmte.

Bei Menschen ist das natürlich nicht ganz so einfach. Zu vielschichtig, zu situationsbezogen, zu widersprüchlich sind wir oft. Derselbe kann großzügig und geizig, beherrscht und jähzornig, schlagfertig und auf der Leitung sitzend sein, je nach Tagesform und anstehender Aufgabe.

Kann, soll man also Christen erkennen? Sind sie anders? Gar besser? Können sich darauf etwas einbilden?

So könnte man das Evangelium auch verstehen, das diesen Sonntag im Mittelpunkt der Verkündigung steht. Johannes 13,34: "Ein neues Gebot gebe ich Euch: Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe!"

Viel anspruchsvoller kann ein Auftrag, ein Unterscheidungsmerkmal gar nicht sein. Wie weit sind wir davon oft entfernt und wie lieblos geht es da oft zu. Streit wird da mitunter, gerade weil einem ein Anliegen am Herzen liegt, mit einer Bitterkeit ausgetragen, die ihresgleichen sucht. Mit Macht muss man umgehen können, abzustreiten, dass es sie wie an jeder anderer Stelle der Welt gibt, führt erst recht ins Verhängnis.

Lieben, wie ich euch geliebt habe: Mir fällt da ein Würzburger Arzt des vergangenen Jahrhunderts ein, Mitglied der kommunistischen Partei, darum von treuen Christen auch manchmal gemieden, der finanziell Schwache grundsätzlich umsonst behandelte, der ein unvergessenes Lebenszeugnis hinterließ, wie es kein Christ schöner hätte hinterlassen können. Lieben, wie ich euch geliebt habe... Seinem Leben war es abzulesen, wie solche Liebe aussehen kann.

Da wird es noch viele Beispiele geben und unser Blick kann sich an ihnen festmachen. Unser Leben kann sich den vielen anschließen, die der Welt sich selber schenken, oft ohne den Namen Christus in den Mund zu nehmen. Einander lieben, wie ich euch geliebt habe, dass dies auch zu unseren Erkennungsmerkmalen gehört, das wünscht Ihnen

Hans Thurn,

Pfarrer im pastoralen Raum

Bad Brückenau