Marion Effenberg erinnert sich noch gut an den Tag, als die Erzieherin im Kindergarten ihr mitteilte, dass ihr Sohn Fabian unter Umständen ADHS habe. Anzeichen dafür seien Fabians Fahrigkeit, Unruhe, sein ständiges Rumrennen und das Vermeiden von Augenkontakt beim Gespräch.

Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken und die Sache totzuschweigen, machte sich Marion Effenberg mit dem Thema vertraut, um ihres Sohnes Willen; was letztlich zur Gründung des Vereins "Struwwelpeter" führte. "Ich habe mir erst mal ein Buch gekauft und war beim Dr. Albert in Erlangen. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der hat mich zu einem Elterntraining gebracht. Zwei Abende, wo betroffene Eltern sich getroffen haben und erzählten, was sie so erlebt haben. Psychologen haben dann das Verhalten erklärt. Wir haben gelernt, das Kind zu verstehen. Das ist das, was Eltern fehlt. Die schämen sich für die Diagnose. Das hat der Verein auch zu spüren gekriegt."

Nach diesen Abenden war nichts mehr wie vorher. Marion Effenberg hatte Feuer gefangen. Bei Fabians Geburt hatte sie im Krankenhaus eine Frau kennengelernt, mit einem ADHS-Kind. Aus den Augen verloren hatten sich die beiden nie, was sich nun bezahlt machte. "Zuerst hatten wir einen Stammtisch in der Schule. Die Frau Lommer hat uns sehr unterstützt. Da haben wir Abende abgehalten."

Gründung Ende 2006

Die Gründung eines Vereins war der nächste Schritt. Im Dezember 2006 schließlich war es so weit, "Struwwelpeter" erblickte das Licht der Welt. Warum gerade "Struwwelpeter"? "Das Buch hat der Dr. Hoffmann geschrieben", klärt Effenberg auf, "der hatte auch ADHS. Das Buch handelt praktisch von ADHS. Kippeln mit dem Stuhl, sich nicht die Haare schneiden lassen... ADHS-Kinder sind sehr kreativ und haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Whoopie Goldberg, Einstein... sie alle hatten ADHS."

Zuerst trafen sich die Mitglieder im Vereinshaus in der Kerschensteinerstraße. Ab 2008 dann im Erdgeschoss des Effenbergschen Anwesens. Zwei Stunden jeden Donnerstag kochten Marion Effenberg und Andrea Schmidt mit den mittlerweile zehn Kindern. Es ging um das Erlernen sozialer Kompetenz, zu reden, bevor agiert wird. "ADHSler haben vor nix Angst, sind risikofreudig ohne Ende", sagt sie. Es fanden Wochenenden bei Scheßlitz statt, unter Leitung von Therapeuten beim autogenen Training, aber auch mit Nachtwanderungen und gemeinsamem Kochen. Einen Teil der Kosten trug die Krankenkasse, den Rest übernahm der Verein. Bei 2000 Euro für Miete und Kosten für Therapeuten und Trainer kein Pappenstiel.

Erwirtschaftet wurde das Geld durch den Verkauf von Selbstgestricktem, Punsch und Hüttentee beim Weihnachtsmarkt sowie den Mitgliedsbeiträgen von 25 Euro pro Jahr. Zuletzt hatte der Verein 60 Mitglieder, wie Effenberg erklärt.

Ritalin als Streitthema

Auch die Gabe von Ritalin war ein Thema, zog dies doch Anfeindungen nach sich. "Eine Lehrerin hat mal zu einem Kind gesagt, dass es zu Hause vergiftet würde. Die Mutter war fix und fertig. Das Kind hat sich geweigert, die Tabletten zu nehmen."

Noch gut erinnert sich Effenberg auch an Podiumsdiskussion zum Thema ADHS in der Ritter-v.-Spix-Schule. "Wir kamen uns vor, als würden wir die Pest verteilen! Auch das Sommerfest in der Anton-Wölker-Schule wurde von der Bevölkerung boykottiert."

Inzwischen wurde auch bei Effenbergs zweitem Sohn ADS diagnostiziert. Fabian unterdessen wurde mit elf Jahren in seiner Klasse in Wiesentheid gemobbt. "Sie haben ihn psychisch kaputt gemacht." Als er in die Realschule nach Höchstadt kam, ging es so weiter. Doch Marion Effenberg ließ sich das nicht gefallen. "Da habe ich die Autorin Petra Herbig aus Nürnberg geholt und die hat ein Klassentraining gemacht über Mobbing. Ab da war für Fabian in der Schule Ruhe und er hatte dann auch Freunde."

Doch all die Kämpfe forderten ihren Tribut - über ihre Kräfte hinaus. "Das war einfach zu viel", sagt sie, "Außer der Vorstandschaft war die Unterstützung mager. Alle wollten nur davon profitieren, aber nicht mithelfen." Schweren Herzens entschloss sie sich, den Verein aufzulösen.

Mit dem Wissen von heute würde sie sich den Verein auch nicht mehr antun. "Ich würde nur den Stammtisch machen", sagte sie.

Und wie sieht es aktuell aus? Effenberg ist wahnsinnig stolz auf ihre Jungs. Fabian ist nun 23 und Bankkaufmann, der "Kleine" macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration. Sie selbst betreut Kinder in der Don-Bosco-Schule.

Noch heute erhält sie Anrufe von betroffenen Eltern. Ihr Appell an diese: "Mit Tabletten allein ist es nicht getan. Man muss sich mit einem Arzt beraten, eine Therapie machen, um das Kind zu verstehen. Die Zeit muss man sich nehmen!"