Michael Memmel Es soll ja Menschen geben, die dazu aufrufen, die Nachbarn genau zu beobachten und bei der Polizei anzuzeigen, falls sich diese nicht haarklein an jede Corona-Regel halten. Ich erzähle lieber eine andere Geschichte.

Es war am Halloween-Abend, als es bei der Bambergerin Hildegard Kraus klingelte: Kinder auf Süßigkeiten-Tour durch die Nachbarschaft. Da sie gerade mit ihrem Mann telefonierte, der im Klinikum lag, kam sie zu spät an die Tür. Doch sie rief den Buben und Mädchen hinterher und steckte ihnen - in Ermangelung von Naschsachen - ein paar Euro zu. Nebenbei erzählte sie den verkleideten Kindern von ihrer Sorge um ihren Mann, der schwer krank im Krankenhaus behandelt werde. Die Kleinen zeigten Mitgefühl und teilten einen Teil ihrer Schätze mit Hildegard. Zehn Päckchen Süßigkeiten schenkten sie der Seniorin, um sie aufzumuntern. Es klappte: Hildegard war "ganz gerührt" - weniger wegen der süßen Gaben, als vielmehr von der Geste.

Muss ich das jetzt melden, weil Abstandsregeln, Kontaktbeschränkung und Schutzmasken außen vor blieben? Soll ich gar verschweigen, dass es sich um Kinder mit ausländischen Wurzeln gehandelt hat? Nein, wir drucken diese Geschichte einfach ab. Nur den Namen der FT-Leserin, die uns von ihrem süßen Halloween-Besuch berichtet hat, habe ich geändert. Nicht dass die echte Frau noch Ärger kriegt.

P.S.: Das Pseudonym ist frei erfunden, ich kenne gar keine Hildegard.